Die Charaktere waren wirklich sehr eindimensional
Die Handlung setzt direkt nach den Ereignissen des ersten Bandes ein. Camellia, Edel, Remy und Amber befinden sich auf der Flucht vor Sophia und verstecken sich an wechselnden Orten, während sie versuchen, Sophias grausame Herrschaft zu beenden. Der Plan besteht darin, Charlotte – Sophias Schwester – zurückzubringen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Unterstützung erhoffen sie sich von einer geheimnisvollen Widerstandsgruppe namens „die Eisernen Damen“. Eigentlich klingt diese Ausgangslage nach einer spannenden Mischung aus politischer Intrige, Rebellion und magischer Fantasy. Das Problem liegt jedoch in der Umsetzung. Über weite Strecken passiert erstaunlich wenig. Die Figuren wechseln ständig ihre Verstecke, führen ähnliche Gespräche und schmieden immer wieder neue Pläne, ohne dass die Handlung wirklich voranschreitet. Dadurch entsteht schnell ein repetitives Gefühl. Gerade in der Mitte des Buches fehlt es an Dynamik und Spannung. Statt gezielter Entwicklungen wirkt vieles wie eine Aneinanderreihung von Übergangsszenen. Besonders enttäuschend ist dabei das Pacing. Während der Großteil des Romans langsam und beinahe ereignislos verläuft, überschlagen sich die Ereignisse im letzten Viertel plötzlich. Der eigentliche Konflikt rund um Sophias Sturz wird innerhalb weniger Kapitel abgehandelt. Viele wichtige Momente verlieren dadurch ihre emotionale Wirkung, weil sie kaum Raum bekommen, sich zu entfalten. Das Finale wirkt weniger wie der große Abschluss einer Reihe und eher wie ein hastig zusammengefasster Schlussakt. Auch die Charaktere bleiben leider hinter ihren Möglichkeiten zurück. Camellia steht erneut im Mittelpunkt der Geschichte, entwickelt sich aber kaum weiter. Bereits im ersten Band war sie keine besonders komplexe Protagonistin, doch hier fällt ihre fehlende Entwicklung noch stärker auf. Ihre Motivation bleibt zwar nachvollziehbar – sie möchte ihre Schwestern retten und Sophia stoppen –, doch darüber hinaus erhält sie wenig Persönlichkeit. Innere Konflikte, moralische Zweifel oder echte Charakterentwicklung sucht man fast vergeblich. Sie handelt meist korrekt, trifft vorhersehbare Entscheidungen und bleibt emotional relativ eindimensional. Dadurch wirkt sie stellenweise erstaunlich blass für eine Hauptfigur. Interessanterweise hinterlassen manche Nebenfiguren einen stärkeren Eindruck als Camellia selbst. Edel besitzt deutlich mehr Temperament und Charakter, bekommt jedoch zu wenig Raum, um wirklich ausgearbeitet zu werden. Ihre Misstrauen gegenüber anderen Figuren und ihre komplizierte Art hätten spannende Konflikte erzeugen können, werden aber nur oberflächlich behandelt. Amber bleibt dagegen nahezu bedeutungslos und verschwindet oft völlig im Hintergrund. Auch die Eisernen Damen enttäuschen als Widerstandsgruppe. Ihre Einführung suggeriert zunächst eine mächtige und organisierte Rebellion, doch letztlich bleiben sie erstaunlich passiv. Statt aktiv gegen Sophia vorzugehen, tauchen sie meist nur sporadisch auf und wirken eher wie ein erzählerisches Hilfsmittel als wie echte Figuren mit Bedeutung. Dadurch verschenkt der Roman erneut viel Potenzial. Die Liebesgeschichte zwischen Camellia und Remy gehört ebenfalls zu den schwächeren Elementen des Buches. Während ihre Beziehung im ersten Band noch vorsichtig und unsicher wirkte, entwickelt sich hier plötzlich eine romantische Dynamik, die kaum vorbereitet wird. Viele Gefühle wirken abrupt und nicht wirklich verdient. Dadurch fehlt der Beziehung emotionale Tiefe und Glaubwürdigkeit. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Darstellung der Antagonistin Sophia. Zwar bleibt sie grausam, manipulativ und bedrohlich, doch ihre Figur besitzt kaum Nuancen. Ihre Boshaftigkeit wird selten hinterfragt oder erklärt. Statt einer komplexen Gegenspielerin erhält man eher eine klassische Märchen-Schurkin, die böse handelt, weil sie eben böse ist. Gerade in einer Reihe, die gesellschaftliche Machtstrukturen und Schönheit kritisch beleuchten möchte, wäre eine vielschichtigere Antagonistin deutlich interessanter gewesen. Was den Roman dennoch lesenswert macht, ist Dhonielle Claytons Schreibstil. Die Autorin schreibt weiterhin unglaublich bildhaft und atmosphärisch. Besonders die Beschreibungen von Kleidung, Farben, Düften und luxuriösen Schauplätzen erzeugen eine fast märchenhafte Stimmung. Orleans fühlt sich lebendig, extravagant und einzigartig an. Gleichzeitig bleibt die Welt aber seltsam oberflächlich. Viele spannende Aspekte – etwa die Herkunft und Fähigkeiten der Belles oder die gesellschaftlichen Strukturen – werden zwar angesprochen, aber kaum wirklich erklärt. Dadurch wirkt die Welt wunderschön anzusehen, aber emotional distanziert. Man bekommt das Gefühl, etwas Beeindruckendes nur durch eine Glasscheibe zu betrachten, ohne es wirklich greifen zu können. Am Ende hinterlässt The Belles – Königreich der Dornen deshalb ein gemischtes Gefühl. Das Buch besitzt ohne Frage kreative Ideen, eine außergewöhnliche Welt und einen wunderschönen Schreibstil. Gleichzeitig fehlt es jedoch an Spannung, Charakterentwicklung und erzählerischer Konsequenz. Viele Konflikte werden zu schnell gelöst, wichtige Figuren bleiben blass und das Ende fühlt sich überraschend sicher und wenig mutig an. Besonders im Vergleich zum atmosphärisch starken ersten Band wirkt diese Fortsetzung leider wie eine verpasste Chance. Fazit: The Belles – Königreich der Dornen überzeugt erneut mit seiner faszinierenden Ästhetik und Dhonielle Claytons poetischem Schreibstil, kann aber weder seine Figuren noch seine Handlung zufriedenstellend weiterentwickeln. Das Buch leidet unter einem unausgeglichenen Tempo, zu wenig Charaktertiefe und einem überhasteten Finale, das den großen Möglichkeiten der Reihe nicht gerecht wird. Trotz vieler guter Ansätze bleibt am Ende vor allem das Gefühl zurück, dass deutlich mehr aus dieser Geschichte hätte gemacht werden können. 2 von 5 Sternen!
































