28. Juni
Rating:3

Eva Illouz und Dana Kaplan schreiben in "Was ist sexuelles Kapital?" (dt. Übersetzung: Michael Adrian, 2021) über den Zusammenhang von Sexualität und Ökonomie. Von Illouz kannte ich vor allem die Idee, dass sich kapitalistische Denkweisen in romantischen und sexuellen Beziehungen niederschlagen. Etwa wenn wir darüber sprechen, wie viel wir in eine Beziehung "investieren". In diesem Buch geht es um die umgekehrte Denkrichtung: Wie wirkt sich Sexualität auf die Arbeitsmarktfähigkeit von Menschen in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem aus? Illouz/Kaplan definieren sexuelles Kapital als den Nutzen, den Menschen daraus ziehen können, dass sie Ressourcen (Zeit, Geld, Wissen etc.) in den Teil ihrer Identität investieren, der die Sexualität betrifft. Sie unterscheiden vier Kategorien, wobei die vierte das Neue an ihrem Ansatz ist: (1) Vorgegebenes sexuelles Kapital: Sexuelle Enthaltsamkeit war und ist teilweise immer noch relevant, um als Frau* auf dem Heiratsmarkt attraktiv zu sein. (2) Sexuelles Kapital als Mehrwert des Körpers: Der Körper kann unmittelbar monetarisiert werden, z.B. durch Sexarbeit. (3) Verkörpertes sexuelles Kapital: Aus dem sexualisierten Körper kann auch indirekt Mehrwert gezogen werden, z.B. in der Film- oder Werbeindustrie, aber auch in Form des "pretty privilege" in fast allen Bereichen. (4) Neoliberales sexuelles Kapital: Wer sexuell erfolgreich ist, kann etwa sein Selbstvertrauen steigern und damit auf dem Arbeitsmarkt erfolgreicher sein. Es handelt sich um eine Variante des Humankapitals, die nicht genderspezifisch, aber klassenspezifisch ist. Denn vor allem die Mittelschicht kann ihre sexuellen Erfahrungen in erhöhte Arbeitsmarktfähigkeit umsetzen. Das Buch enthält einige interessante Gedanken. Es liest sich gut und ist recht kurz. Vielleicht sind mir deshalb einige Punkte unklar geblieben. So frage ich mich, warum es spezifisch der Kategorie des sexuellen Kapitals in der vierten Form bedarf. Sie zeigt zwar, wie sehr Privates und Ökonomie verknüpft sind. Aber das trifft im Grunde auf vieles zu. Wenn wir Sport machen, Freund*innen treffen oder meditieren, kann auch das unseren Selbstwert und damit unsere Arbeitsmarktfähigkeit erhöhen.

Was ist sexuelles Kapital?
Was ist sexuelles Kapital?by Dana KaplanSuhrkamp