29. März
Rating:5

In ihrem lesenswerten Essay versucht Eva Illouz zu ergründen, wie es soweit kommen konnte, dass ein Teil der progressiven Linken an Universitäten weltweit mit Freude und Jubel auf das barbarischen Massaker des 7. Oktober 2023 reagierte. Was Illous untreibt, ist das Fehlen von Mitleid mit den Opfern (wenigstens z.B. bis zum 27. Oktober, dem Tag der militärischen Reaktion Israels in Gaza). Bei ihren Erklärungsersuchen holt die Soziologin Illouz (selbst Linke und erklärte Kritikerin Netanjahus) weit aus: Beginnend mit dem Denkstil der sogenannten "French Theory" der 1960er Jahre, der lt. Illouz eine autoritäre Wissenschaft zum Thema Machtstrukturen hervorgebracht hat, bei der moralische Behauptungen und Autorität über wissenschaftliche Verfahren und Sachargumente gestellt werden, wobei jeder Einwand dagegen als verdächtig angeprangert und mit quasi-religiösem Eifer geächtet wird. Komplexität wird ausgeblendet, und mittels verkürzender Erzählungen wird die Welt geordnet, die Identität von Minderheitsgruppen gestärkt und damit auch das moralische Kapital der progressiven Linken genährt. Illouz bezieht sich auch auf die These der "narrativen Verzerrung" des Psychologen Daniel Kahnemann, also den Rückgriff auf vertraute Erzählschablonen, um verwirrende oder neue Ereignisse einfach zu erklären. Illouz versucht zu ergründen, warum ausgerechnet die Juden zum Feindbild des heutigen Postkolonialismus wurden und der sogenannte Campus-Antisemitismus sogar zu einer Tugend wurde. Zitat Seite 59: "Weil die Juden durch ihren sozialen Aufstieg "weiß geworden" waren und weil die Shoah andere Formen rassistischer Herrschaft in den Schatten zu stellen und an die Seite zu schieben schien, wurde die zentrale Bedeutung des Massakers an den Juden für das schlechte Gewissen des Westens so interpretiert, als diene es dazu, die Geschichte rassifizierter Menschen als zweitrangig hintanzustellen und damit rassifizierte Minderheiten zu beherrschen. Die Folge ist, dass die Verletzlichkeit der Juden zunehmend geleugnet wurde, dass die Erinnerung an ihre Ermordung mit Macht assoziiert wurde und dass sich ihre Vernichtung durch die Nazis bizarrerweise in eine Quelle des Ressentiments verwandelt hat." Ob Illouz damit recht hat oder nicht: Auf jeden Fall regt ihre Analyse zum Nachdenken an und ist m.E. ein wertvoller Beitrag als Ergänzung zu dem üppigen Angebot an Publikationen über Rechtspopulismus. Die Exkurse in Soziologie, Philosophie und Psychologie fand ich allerdings sehr anspruchsvoll, und einige Kapitel musste ich mehrmals lesen, um sie ansatzweise zu verstehen, auch unter Zuhilfenahme von weiteren Quellen. Keine leichte Kost. Aber sicher ein Buch, das ich noch öfter zur Hand nehmen werde, angesichts der aktuellen Ereignisse.

Der 8. Oktober
Der 8. Oktoberby Eva IllouzSuhrkamp
25. Okt.
Rating:4

„Bis zum 7. Oktober 2023 glaubte ich, Verbrechen gegen die Menschlichkeit seien die letzten Ereignisse, die abweichende Überzeugungen und Meinungen in einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls noch zusammenbringen könnten." Die Erschütterung, die Eva Illouz und Jüdinnen*Juden weltweit am 7. Oktober 2023 und vor allem in den Wochen danach - als Menschen weltweit das Massaker nicht nur rechtfertigten, sondern vielmehr bejubelten und feierten (darunter viele, die sich als progressive Linke identifizieren) -, kann ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen. Eva Illouz nimmt die Mitleidlosigkeit insbesondere der progressiven Linken gegenüber den Opfern des Massakers zum Anlass, nach Gründen für die neue Form des Antisemitismus zu suchen, die sie unter anderem - meiner Meinung nach treffend - als einen "sich tugendhaft gebenden Hass" bezeichnet. Dabei bedient sie sich vor allem soziologischer, historischer und theoriegeschichtlicher Argumente. Der Essay ist nicht ganz einfach zu lesen, aber ich habe die Ausführungen sehr spannend gefunden und das Buch geradezu verschlungen. Auch dank seiner Kürze hat man den Text schnell gelesen, aber er hallt im besten Sinne nach und ich werde das Büchlein sicher öfter in die Hand nehmen. Ich für meinen Teil hätte gefühlt jeden zweiten Absatz markieren können (würde ich Sätze oder Absätze markieren), um sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf mich wirken zu lassen. "Leider haben wir keinen Grund zu der Annahme, die kulturellen und intellektuellen Eliten seien in Bezug auf sich selbst weniger selbstgefällig und blind als die wirtschaftlichen Eliten." Wie das bei Essays oft der Fall ist, bleibt auch dieser teilweise oberflächlich. Ich hätte mir an einigen Stellen mehr Tiefgang gewünscht. Auch kann ich zwar Eva Illouz' rationalen Ansatz verstehen, sie wird dadurch aber meiner Meinung nach antisemitische Linke (oder generell Antisemiten) leider nicht überzeugen oder zumindest zum mehr Selbstreflexion animieren. "Der Hass beschädigt und macht unglaubwürdig." Alles in allem empfehle ich den Text sehr. Trotz der Kürze werden ungemein viele interessante Aspekte angesprochen, so dass ich ihn insgesamt als Bereicherung empfunden habe. Man muss nicht mit allen Schlussfolgerungen einverstanden sein, aber interessiert und offen an Illouz' Ausführungen heranzugehen, erweitert den Horizont allemal.

Der 8. Oktober
Der 8. Oktoberby Eva IllouzSuhrkamp