Man muss nicht immer alles verstehen, um etwas genießen zu können.
Agustina Bazterrica beschreibt in Die Nichts Würdigen eine erbarmungslose Welt, in der von der Zivilisation, wie wir sie kennen, kaum etwas übrig geblieben ist. Um in dieser unwirtlichen Umgebung zu überleben, ist der kleine Rest der Menschheit verroht und grausam geworden. Die Protagonistin ist, nachdem sie sich lange durch diese Welt gekämpft hat, schließlich in einem ehemaligen Kloster bei einer ominösen Sekte gelandet. An deren Spitze stehen ein anonymer „Er“ und eine grausame Schwester Oberin, die alle Geschehnisse im Kloster kontrollieren. Die anderen Mitglieder versuchen durch gegenseitige, unbarmherzige Bestrafungen und durch Selbstkasteiung ihre Gunst zu erlangen und im System aufzusteigen. Diese Hackordnung bleibt jedoch das gesamte Buch über kryptisch. Immer wieder begegnet die Hauptfigur, die selbst nur eine „Nichts Würdige“ ist, sogenannten Erleuchteten, niederen Heiligen und Auserwählten. An manchen Stellen gewinnt man sogar den Eindruck, einige von ihnen hätten etwas Magisches an sich, und man fragt sich, ob man sich nicht doch in einer Fantasiewelt befindet. Meist sind das jedoch nur kurze Momente, die einen etwas ratlos zurücklassen. Wenn man die Hälfte des Buchs geschafft hat, gelangt man zur wirklich herzzerreissenden Vergangenheit der Erzählerin, die mich wirklich mitgerissen hat. Auch entwickelt sich eine kleine Liebesgeschichte innerhalb des Klosters, und hier zeigt sich für mich die eigentliche Stärke des Buches. An diesen Stellen habe ich das Lesen wirklich sehr genossen, denn hier kommt auch die Poesie des Romans zum Vorschein. Im Nachhinein finde ich es gerade deshalb schön, einmal eine Art Rohdiamant zu lesen, der trotz seiner vielen Unperfektheiten glänzt und zeigt, dass nicht nur die ausgefeiltesten und durchdachtesten Dramaturgien eine Daseinsberechtigung haben. Es ist wie bei der Kunst: Man muss nicht alles verstehen, um etwas genießen und schätzen zu können.













