„Demnächst wird in der Region ein Zentrum für Astrophysik eröffnen. In einem unterirdischen Labor wird man erkunden können, wenn in einer entfernten Galaxie zwei schwarze Löcher zusammenstoßen. Man brauchte dafür nur einen Ort in absoluter Ruhe.“
Das Buch fand seinen Weg zu mir aus Interesse an der Wendezeit. Vielfach sprachen Menschen über Brüche und Arbeitslosigkeit, die sich anschlossen. Grit Lemkes Buch ist insofern spannend, als dass es einen Bogen spannt: über den Aufbau einer Hoyerswerdaer Neustadt, in der man hoffnungsvoll in Richtung Zukunft blickte, über die Blütezeit der Stadt, die die DDR mit Energie, Gas, Kohle belieferte, hin zur Wendezeit, rassistischen Ausschreitungen, Umgang mit diesen, sowie den davon betroffenen Menschen, aber auch dem Rückbau/ teilweisem Verfall der Neustadt. Dabei fließen konstant Stimmen der Menschen ein, die dies miterlebten und mitgestalteten. Ich fühlte mich zum Nachdenken angeregt, bekam Einblicke in subkulturelle Bezüge sowohl vor als nach der Wendezeit und war bedrückt darüber, wie wenig mir über die rassistischen Übergriffe 1991 bekannt ist und welche Lebensumstände Vertragsarbeiter in der DDR hatten bzw. wie diese bis in die Gegenwart wirken. Wertvolle Lektüre, der ich eine eindeutige Leseempfehlung geben möchte.
Bei diesem Buch bin ich auch aus einem persönlichen Interesse gelandet: 2011 habe ich als Zugezogene für etwa 2 Jahre in Hoyerswerda, der Stadt mit der größten Abwanderung seit 1990 in Deutschland, gelebt.
Grit Lemke gibt hier einen umfangreichen Einblick in das Gefühl in der Stadt etwa zwischen 1960 bis 2020, wobei der Fokus auf der DDR und den 90ern liegt. Sie lässt in Form einer Reportage Menschen erzählen, die dabei waren.
Die Auseinandersetzung ist gut gelungen und wichtig. Man erfährt vom Zusammenhalt der Menschen, die neu in Hoyerswerda ankommen und der Stadt, die aus dem Boden gestampft wird. Sie beschreibt die Kunst und Kultur, die sich entwickelt und bis heute in der Stadt deutlich zu erleben ist.
Es geht auch darum, dass es oft wirklich eher um Kunst als um politische Einflussnahme geht.
Und dann geht es um die mehrtägigen ausländerfeindlichen Angriffe in der Stadt und es wird klar benannt, dass diese sich nicht überraschend und aus dem Nichts ergeben haben und ein Großteil der Stadt nicht betroffen weggeschaut hat und auch hinterher nicht viel davon wissen und darüber reden wollte. Das ist auch etwas, was sich durchzieht.
Mir hat das Buch sehr geholfen bei der Einordnung der Stadt, die ich kurz erlebt, aber nicht durchdrungen habe.
Allerdings wird an vielen Stellen rassistische Sprache reproduziert. Die Begriffe sind kursiv geschrieben, aber es hätte andere Möglichkeiten gegeben, das zu lösen.
Geschichte Hoyerswerdas aus der Sicht der Bewohner
Der Plot
Hoyerswerda - aus dem Boden gestampft, die DDR mit Energie zu versorgen. Wir erfahren hier aus der Sicht der Bewohner die Geschichte der Jugend und Kultur der Stadt zur DDR-Zeit und nach Wende über die Pogrome des Jahres 1991
Meine Meinung
Das Buch lässt mich etwas zwiegespalten zurück, das ich schlichtweg etwas anderes erwartet hatte
Es handelt sich nicht um einen klassischen Roman, eher um eine Sammlung von Erinnerungen verschiedener Bewohner, die zu einem Text verwoben werden. Ein klassischer Roman ist es nicht, eher eine eingekleidete Oral History.
Grundsätzlich ist die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, sehr interessant. Es ist spannend nachzuverfolgen, wie das Leben in dieser wachsenden und sterbenden Stadt sich binnen kurzer Zeit entwickelt hat. Vor allem aus Sicht Kulturschaffender und Jugendlicher wird hier berichtet. Manchmal hat die Erzählung dabei ihre Längen, da man man meint, das ein oder andere ein paar Seiten zuvor schon gelesen zu haben. Interessant bleibt es trotzdem. Gerade wenn es um die Wende bzw. die Zeit danach geht, ist das noch aber sehr schockierend und man mag es nicht weg legen. Beschämend zu sehen, wie Terror, Hass und Rechtsradikalismus bis in unsere Zeit wenig Gegenwehr erfahren haben. Hier hat das noch seine starke Seite und sollte von vielen Menschen gelesen werden.
Eindrücklich beschreibt Grit Lemke die Geschichte der Neustadt Hoyerswerda. Dabei lässt sie auch in Form von Interviews die Kinder von Hoy zu Wort kommen. Man erfährt von ihrer Kindheit in den 1970er Jahren, ihren Träumen, dem Alltag ihrer Eltern als Schichtarbeiter*innen im Tagebau und auch viel über die Subkultur in der DDR.
Ihre Schilderungen beschreiben in der zweiten Hälfte des Buches die Veränderungen nach der Wende. Das erstarken der Rechten, den Versuch des Widerstands, die Angst vor Übergriffe und dem Tod eines jungen Mannes.
Sie spart auch das Wegschauen der Politik bis weit in die 2000er Jahre nicht aus. Das wird besonders eindrücklich am Umgang mit den Vertragsarbeitern aus Mosambik.
Das Buch liest sich gut, hat jedoch im ersten Teil ein paar Längen. Für mich hätte die Zeit in den 90ern und 00er Jahren ausführlicher beschrieben werden können. Trotzdem eine klare Leseempfehlung, wenn man sich für das Thema interessiert.
Es hat mich sehr an Manja Präkels "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" erinnert, war aber hoffnungsvoller.
Ein wirklich wunderbares Buch, das beim Verstehen hilft!
Hoyerswerda ist ein Ortsname, der in meiner Generation vor allem mit trostlosen Neubauvierteln („Plattenbauvierteln“) und den Ausschreitungen der rechten Szene im Jahr 1991 in Verbindung gebracht wird. Dass dieser Ort so viel mehr ist, zeigt Grit Lemke in ihrem vielstimmigen, dokumentarischen Roman.
Anfangs war ich mir beim Lesen nicht sicher: Ist das, was mir dargeboten wird, Fiktion mit Versatzstücken der Wirklichkeit oder sind dies tatsächlich Erinnerungen real existierender Menschen? Mit fortschreitender Lektüre ist diese Frage für mich aber in den Hintergrund gerückt - um dann am Ende mit Lebensläufen aller beteiligten Personen beantwortet zu werden.
In 7 Abschnitten, eingerahmt durch Prolog und Epilog, verfolgt der Leser die Entwicklung der ostsächsischen Kleinstadt Hoyerswerda von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Aus der Perspektive derjenigen, die in der Stadt groß geworden sind, erlebt er, wie Wohnkomplex (WK) um Wohnkomplex aufgebaut und dann wieder zurückgebaut wird - wie sich eine junge, wachsende Stadt in eine alternde, schrumpfende Stadt verwandelt.
„Seit wir denken konnten, wurde um uns herum ständig etwas aufgerissen und umgeschichtet, neu gebaut und wieder abgerissen. Nie konnte hier etwas bleiben, wie es war. Nicht in der Stadt, die gestern noch Landschaft war, heute WK und morgen schon wieder Wald. Und nicht in der Lausitzer Landschaft, wo gestern noch Dörfer standen, heute eine Grube war und morgen ein See sein würde.“ (G. Lemke - Kinder von Hoy - S. 244)
Zuerst sind es nur Bauarbeiter, Kraftwerksmitarbeiter und Bergleute, die die „Neustadt“ bevölkern und dem Takt des Kraftwerkes „Schwarze Pumpe“ folgen. Diese ersten Bewohner holen dann irgendwann ihre Familien nach. Die Kinder wachsen auf, getragen vom Glauben an eine goldene Zukunft - ein Traum, der in den Wendejahren zerplatzt und sich für anders Aussehende (z.B. Vertragsarbeiter aus Vietnam oder Mosambik) oder Andersdenkende in einen Albtraum verwandelt. Sie verlassen nach und nach die Stadt.
„Am Ende des Jahres 91 haben wir unser drittes Elternteil verloren. Wir sitzen in Leipzig oder Berlin, mit zugezogenen Fenstern in einer Wohnung im WK III, in einem Bauwagen im Hunsrück, in einer Mühle in Bad Muskau oder in einem Haus ganz am Rand der Altstadt. Wir werden uns fühlen wie jedes Kind, dessen Eltern es nicht beschützt haben. Und werden sie weiter lieben, wie jedes Kind es tut.“ (G. Lemke - Kinder von Hoy - S. 215)
Ein Fokus des Buches liegt auf dem kulturellen Leben der Stadt. Die Schriftstellerin Brigitte Reimann, die von 1960 bis 1968 in Hoyerswerda wohnte, ist dabei ebenso Thema wie Gerhard Gundermann, der singende Baggerfahrer, der den Kindern von Hoy ihre Hymne schenkte. Mich hat überrascht, wie vielfältig dieses intellektuelle Leben war und wie kreativ bestehende Grenzen ausgetestet und Freiräume genutzt wurden - und wie mit dem Systemwechsel auch bei diesen Teilen der Gesellschaft eine gewisse Orientierungslosigkeit einsetzte.
Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Am Anfang habe ich ein wenig gebraucht, um mich an den Erzählstil zu gewöhnen und aus den vielen verschiedenen Stimmen ein für mich stimmiges Mosaik zusammenzusetzen - letztendlich macht aber diese Vielstimmigkeit den Reiz des Buches aus. Die beschriebenen Entwicklungen sind dabei nicht in jedem Fall nur typisch für die ostsächsische Kleinstadt Hoyerswerda. Einzelne Aspekte sind z.B. auch in anderen sozialistischen Neugründungen wie Halle-Neustadt oder Eisenhüttenstadt zu beobachten.
Hoy steht für #Hoyerswerda, was, wie der geneigte Leser vielleicht weiß, eine Stadt in #Ostsachsen ist. Geprägt vom #Tagebau vor der Stadt wächst in den 60er und 70er Jahren eine Art Neustadt bestehend aus Plattenbauten aus dem Boden.
Grit Lemke gelingt es, uns mit auf eine eindringliche Reise zu nehmen, in der sie sich nicht davor scheut, Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen und auch sächsisch zu schreiben.
So beschreibt sie die Mütter in den typischen Dederonschürzen, die das Leben der Gemeinschaft zusammenhalten, obwohl sie auch arbeiten gehen oder zur Koofhalle müssen.
Sie zeigt die im Kollektiv aufgewachsenen Kinder, die wissen, wie man zusammenhält, aber auch an einer vorgezeichneten Zukunft in der Pumpe fast verzweifeln. Aus dem Frust entsteht #Kultur und Kunst. Nicht immer mit Verstand, aber mit viel Herz und einem unbewussten Gefühl von Protest gegen die #DDR und seine Vorschriften.
Das Buch ist grau wie die Plattenbauten aber mit viel bunter Farbe durchsetzt, die vielleicht diejenigen überrascht, für die Ostdeutschland immer noch so ein blinder Fleck auf der Landkarte ist.
Das Buch beschäftigt sich auch mit den Ausschreitungen Anfang der 90er, in deren Zuge sämtliche Menschen aus anderen Ländern die Stadt verließen. Aber eben nicht nur in einer voyeristischen Darstellung von Gewalt, sondern mit Gründen, die tief zurück in die Jugend und in den Zusammenbruch der alten Ordnung reichen.
Ich weiß nicht, ob Menschen, die nicht aus Ostdeutschland stammen, das Buch mit diesem tiefen Verständnis lesen können, das ich empfunden habe. Ich habe es im wahrsten Sinne des Wortes gefühlt, obwohl ich nur eine Geburtsurkunde aus der DDR habe und keine eigenen Erinnerungen.
Vielleicht hat es mich aber auch so kalt erwischt, weil ich aktuelle Geschehnisse, die ich jeden Tag hier in Sachsen erlebe, nun auf einer ganz anderen Ebene verstehen und einordnen kann.