14. Apr.
Rating:4

Wie habe ich mich über die Figur des Ich-Erzählers, dem jungen Marcel, in diesem zweiten Band aufgeregt, mit ihm geschimpft, gelangweilt und dann doch wieder in seinen herrlichen Beschreibungen von Kleinigkeiten dahinschmelzen lassen. Die Suche nach der verlorenen Zeit verlangt wirklich einiges vom Leser ab. Handlungsarm, metaphernreich, geschwätzig, poetisch, in meinem Augen mit Lebensweisheiten versehen, die zwischen billigen Abreißkalendern und Philosophiebuch dahinschwänzeln mit ihren langen Schachtelsätzen. Da hab ich noch überlegt, wie ich dieses Lesevergnügen letztlich bewerten soll, da entlässt mich Marcel mit dem letzten Satz des Romans derart beseelt von dem Augenblick, da er nach der Sommerfrische am Meer wieder nach Paris zurückgekehrt ist und am Morgen seine Zugehfrau F. ins Zimmer tritt, dass ich nur eine gute Bewertung abgeben kann: „Und während Francoise die Nadeln von den Fensterriegeln entfernte, die Stoffe abnahm, die Vorhänge aufzog, gleißte der Sommertag, den sie enthüllte, so tot, so zeitlos wie eine prunkvoll konservierte, jahrtausendealte Mumie, die unsere alte Dienerin vorsichtig aus ihren Leinenbinden schälte, bevor sie sie, in ihrem goldenen Gewande einbalsamiert, vor mir aufstrahlen ließ.“ Köstlich. Man könnte meinen, dass Marcels Liebesleben, welches über den ganzen Band hinweg so unglücklich verlief, in der Mumie endlich seine Erfüllung erhält. Home, sweet home. Endlich ist das stockkonservative Muttersöhnchen, welches jegliche Veränderungen partout ablehnt (und sei es die neumodische Erfindung eines britischen Sandwiches), wieder zu Hause. Wenn ich etwas zu kritisieren habe, dann ist es Marcel selbst, der in meinem Augen die zwiespältigste Figur des Romans ist, denn einerseits sind seine Menschenstudien und soziologischen Betrachtungen messerscharf und treffend und dann auch wieder derart weltfremd und verallgemeinernd, dass ich mir gewünscht hätte, der Ich-Erzähler würde auch mal Zweifel an seinem eigenen Handeln und Sagen bekommen. Aber diese Wolke des Snobismus, der Hang zur Arroganz, wenn auch zur eher stillen Überheblichkeit eines Introvertierten umweht ihn ständig. Und wenn der blaße Jüngling, noch nie in festen Händen, seitenweise Abhandlungen über die Liebe schreibt, kommt er mir vor wie ein eingebildeter Ahnungsloser. Der Autor zieht seine Figur natürlich nicht ins Satirische, er ist ja selbst die Hauptperson. Vielmehr lästert er eloquent über die Menschen in den Salons der Belle Epoque und das durchaus amüsant und treffend. Ach ja, das war Band 2. Aber brauche ich wirklich sieben Bände davon? Auf jeden Fall brauche ich erstmal eine Proustpause, denn so wunderschön und zuckersüß seine Sätze sind: man kann ja nicht jeden Tag Sahnetorte essen. Oder Madeleines in den Tee tunken.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabeby Marcel ProustSuhrkamp
23. Feb.
Rating:4

Wie habe ich mich über die Figur des Ich-Erzählers, dem jungen Marcel, in diesem zweiten Band aufgeregt, mit ihm geschimpft, gelangweilt und dann doch wieder in seinen herrlichen Beschreibungen von Kleinigkeiten dahinschmelzen lassen. Die Suche nach der verlorenen Zeit verlangt wirklich einiges vom Leser ab. Handlungsarm, metaphernreich, geschwätzig, poetisch, in meinem Augen mit Lebensweisheiten versehen, die zwischen billigen Abreißkalendern und Philosophiebuch dahinschwänzeln mit ihren langen Schachtelsätzen. Da hab ich noch überlegt, wie ich dieses Lesevergnügen letztlich bewerten soll, da entlässt mich Marcel mit dem letzten Satz des Romans derart beseelt von dem Augenblick, da er nach der Sommerfrische am Meer wieder nach Paris zurückgekehrt ist und am Morgen seine Zugehfrau F. ins Zimmer tritt, dass ich nur eine gute Bewertung abgeben kann: „Und während Francoise die Nadeln von den Fensterriegeln entfernte, die Stoffe abnahm, die Vorhänge aufzog, gleißte der Sommertag, den sie enthüllte, so tot, so zeitlos wie eine prunkvoll konservierte, jahrtausendealte Mumie, die unsere alte Dienerin vorsichtig aus ihren Leinenbinden schälte, bevor sie sie, in ihrem goldenen Gewande einbalsamiert, vor mir aufstrahlen ließ.“ Köstlich. Man könnte meinen, dass Marcels Liebesleben, welches über den ganzen Band hinweg so unglücklich verlief, in der Mumie endlich seine Erfüllung erhält. Home, sweet home. Endlich ist das stockkonservative Muttersöhnchen, welches jegliche Veränderungen partout ablehnt (und sei es die neumodische Erfindung eines britischen Sandwiches), wieder zu Hause. Wenn ich etwas zu kritisieren habe, dann ist es Marcel selbst, der in meinem Augen die zwiespältigste Figur des Romans ist, denn einerseits sind seine Menschenstudien und soziologischen Betrachtungen messerscharf und treffend und dann auch wieder derart weltfremd und verallgemeinernd, dass ich mir gewünscht hätte, der Ich-Erzähler würde auch mal Zweifel an seinem eigenen Handeln und Sagen bekommen. Aber diese Wolke des Snobismus, der Hang zur Arroganz, wenn auch zur eher stillen Überheblichkeit eines Introvertierten umweht ihn ständig. Und wenn der blaße Jüngling, noch nie in festen Händen, seitenweise Abhandlungen über die Liebe schreibt, kommt er mir vor wie ein eingebildeter Ahnungsloser. Der Autor zieht seine Figur natürlich nicht ins Satirische, er ist ja selbst die Hauptperson. Vielmehr lästert er eloquent über die Menschen in den Salons der Belle Epoque und das durchaus amüsant und treffend. Ach ja, das war Band 2. Aber brauche ich wirklich sieben Bände davon? Auf jeden Fall brauche ich erstmal eine Proustpause, denn so wunderschön und zuckersüß seine Sätze sind: man kann ja nicht jeden Tag Sahnetorte essen. Oder Madeleines in den Tee tunken.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabeby Marcel ProustSuhrkamp
23. Feb.
Rating:5

Ent-täuschung kommt auf, wenn die Wirklichkeit die Phantasie (Täuschung?) zerstört. Dies passiert dem Erzähler im Band „Im Schatten junger Mädchenblüte“ immer wieder - in der Kunst wie in der Liebe. Erst mit der Berma, der gefeierten Schauspielern, dann mit seinem Lieblingsautor Bergotte und schließlich mit dem Sehnsuchtsort Balbec (Cabourg) und der dortigen Kirche, die ach! nicht von den Wellen des Atlantiks umspült wird, sondern auf einem Boulevard steht an dem sich zwei Straßenbahnlinien kreuzen. Die heilige Jungfrau des Portals,„die ich tausendmal in mir nachgeschaffen hatte“ wurde nun „auf ihre Erscheinung in Stein beschränkt“ und erreicht nur eine Höhe „in der ein Wahlaufruf und die Spitze meines Spazierstockes mit ihr wetteifern konnte“ - „das Antlitz vom letzten halben Strahl der Abendsonne beschienen“, den sie sich jedoch mit einer profanen Diskontbank teilen muss. Der Liebe scheint die Enttäuschung jedoch noch viel mehr innezuwohnen als der Kunst. Denn für Proust, bzw. für den Erzähler ist schlechthin keine Liebe ohne Eifersucht denkbar, ja die beiden bedingen sich gegenseitig. Dementsprechend wird auch erfüllte Liebe für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten: „Wir wissen alle, wenn wir nicht mehr lieben, daß Vergessen oder vage, verschwommene Erinnerung nicht soviel Leiden schafft, wie die Liebe, die nun einmal unglücklich ist.“ Noch viel eindrücklicher beschreibt Proust die Fesseln der Eifersucht, die als Motiv durch die ganze Recherche zu wandern scheint: „So kommt es, daß eine Frau durch jedes neue Leiden, das sie uns zufügt, oft ohne es zu wissen, ihre Macht über uns vermehrt, doch ebenso auch die Forderungen an sie. Durch das Böse, das sie uns tut, fesselt sie uns immer stärker, verdoppelt sie unsere Ketten, aber auch die, mit denen es uns bis dahin genügte, sie gefesselt zu wissen, um uns beruhigt zu fühlen.“ Wir fragen Proust lieber nicht, ob man es mit der Eifersucht vielleicht auch übertreiben kann, sondern erfreuen uns mit ihm an seinen Naturbeschreibungen. Hier bei der Betrachtung der Natur scheint er ungetrübte Freude zu empfinden, wie bei allen neue Empfindungen, die nicht schon zuvor von seiner Phantasie viel schöner aufgebaut wurden als sie dann in Wirklichkeit erscheinen. Dazu sei noch einmal an die Weißdornhecke aus Combray erinnert - und nun in Band zwei? Fragen wir dazu mal Jochen Schmidt: „Aber schon am nächsten Morgen ist alles anders, denn vom Fenster aus sieht man das Meer. Und das ist natürlich für einen Proust ein gefundenes Fressen. Nachdem er lange genug mit Worten Blumen gemalt hat, kann er sich jetzt an den Wellen austoben, was uns eine kleine Ruhepause verschafft.“ Dann berichtet der äußerst empfindsame Erzähler von den großen Schmerzen, die ihm die Reise nach Balbec bereitet, da er fern von seiner gewohnten Umgebung, sich an ein neues Zimmer gewöhnen muss. Diese Schmerzen werden von Proust so phantasievoll beschrieben, in dem er die Einrichtungsgegenstände des Zimmers zum Leben erweckt - für mich eine der verblüffendsten und beglückendsten Stellen: „Unsere Aufmerksamkeit füllt ein Zimmer mit Gegenständen an, doch unsere Gewohnheit läßt sie wieder verschwinden und schafft uns selber darin Platz. Platz aber gab es für mich in meinem Zimmer in Balbec nicht; es war voll von Dingen, die mich noch nicht kannten und mich so mißtrauisch anstarrten, wie ich es mit ihnen tat, und ohne von meiner Anwesenheit sonst irgendwie Kenntnis zu nehmen, mir zu verstehen gaben, daß ich ihr Dasein störe.“ Nachdem der Erzähler sich dann doch relativ schnell an sein Zimmer gewöhnen konnte, verliebt er sich in die „kleine Schar“ von Mädchen am Strand. Zwar entscheidet er sich dafür, dass er von all diesen Schönheiten Albertine lieben möchte, aber die Konzentration auf diese Beziehung wird wohl den weiteren Bänden vorbehalten bleiben. Hier geht es zunächst einmal um die Faszination bzw. die Anziehung die von der Jugend bzw. der kleinen Schar insgesamt ausgeht: „Die Jugend aber liegt diesseits von solchem völligen Erstarren, und daher kommt es, daß man in der Nähe junger Mädchen ein Gefühl der Erfrischung verspürt, wie es einem das Schauspiel unaufhörlich sich wandelnder Formen schenkt, der Formen, die dauernd in einem fließenden Zusammenspiel begriffen sind, das an die unaufhörliche Neuschöpfung der Urelemente der Natur gemahnt, welche beim Anblick des Meeres die Seele jeweils so tief bewegt.“ Weiter geht Proust der Frage nach, wie sich menschliche Entwicklung und Reifung vollzieht. Dabei reflektiert er, wie sich nicht nur unsere Ahnen, sondern auch unsere geographische Herkunft in unserem Aussehen, unsere Sprache in unserer Persönlichkeit manifestieren. Was der Mensch benötigt um ein „Weiser“ zu werden, reflektiert Marcel mit dem Maler Elstir, der ihm rät: „Man kann die Weisheit nicht fertig übernehmen, man muß sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen, den Niemand uns ersparen kann“. Ganz ähnlich wie Rilke übrigens (in seinen Briefen an den jungen Dichter), ist Proust der Ansicht, dass die Entwicklung einer (Künstler-) Persönlichkeit sich nur aus dem Inneren heraus vollziehen kann und sie dafür der Einsamkeit bedarf: …“während wir doch nicht wie irgendwelche Bauwerke sind, an die man von außen Steine herantragen kann, sondern vielmehr wie Bäume, die aus ihrem eigenen Lebenssaft den nächsten Ring ihres Stammes, die Entfaltung ihrer Laubkrone ziehen.“ Was mich neben diesen eher philosophischen Betrachtungen an der Lektüre fasziniert ist die Phantasie des Erzählers, die dem Roman auch die notwendige Leichtigkeit gibt. Eines Abends speist der Erzähler mit seinem Freund Robert de Saint-Loup in einem feinen Restaurant, die runden Tische und die emsigen Kellner die zwischen diesen umherfliegen erinnern ihn an ein Planetensystem: „Bald jedoch ordnete sich dies Schauspiel, für meine Blicke wenigstens zu einem edleren und ruhigerem System. Die wimmelnde Emsigkeit wurde zu stiller Harmonie. Ich betrachtete die runden Tisch, deren unübersehbare Menge sich durch die Restaurationsräume zog, als ebenso viele Planeten… Die Harmonie zwischen diesen Sternen ließ gleichwohl ein unentwegtes Kreisen der dienenden Trabanten zu…“ Proust wusste aber wohl schon, dass nicht jeder so eine reiche Phantasie hat und schrieb weiter: „All die anderen Gäste taten mir eigentlich leid, denn ich ahnte, daß für sie die runden Tische keine Planten waren und daß sie sich nicht in den Dingen einen Ausschnitt freizuhalten wußten, mit dessen Hilfe man sich über ihr gewöhnliches Aussehen hinwegsetzt und Analogien erkennt“.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabeby Marcel ProustSuhrkamp
21. Jan.
Rating:3

3,5 Sterne Ich schwanke sehr stark zwischen drei und vier Sternen. Prousts Sprachkunst ist wie immer ein Genuss. Den ersten Teil in Paris fand ich außerdem höchst amüsant und humorvoll. In der letzten Hälfte des zweiten Teils hat mich Proust dann verloren. Hat mir die Beschreibung der tränenreichen Abschiedsszene des 16jährigen, unglaublich verhätschelten Marcels von seiner Mami noch ein Grinsen entlockt und die Oma die ihren "kleinen" Marcel morgens noch anzieht ein echtes Auflachen bewirkt hat, so hat mich das Geplänkel mit Albertine und der Mädchenclique ziemlich gelangweilt. Proust verwendet hier auch ziemlich viel Zeit darauf zu beschreiben, wie groß die Unterschiede zwischen verheirateten Frauen und jungen Mädchen sind und wie schnell letztere zu ersteren werden und somit verwelken und unattraktiv werden. Ob das jetzt humorvoll gemeint war oder nicht, irgendwann hat mich dieses Geschwätz ordentlich genervt. Nichtsdestotrotz habe ich Prousts Fabulierkunst sehr gerne zugehört und werde mir auch den dritten Band vornehmen, wenn auch nicht in nächster Zeit.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabeby Marcel ProustSuhrkamp