
Eine Satire über Aufmerksamkeitsindustrie, Kapitalismus und Echokammern – ein Roman, der gerne länger sein dürfte
💳 Ein Antikapitalist schlägt einen anderen Antikapitalisten im Haus eines Bankers mit einem Goldbarren fast zu Tode. Diese bizarre Handlung bietet den Auftakt in Natasha Browns Roman. In fünf Abschnitten wird diese Situation aus unterschiedlichen Perspektiven bewertet, wobei der Schreibstil jeweils fundamental anders ist. Es geht nicht um die Aufklärung, sondern jeder Charakter projiziert etwas anderes in den Kriminalfall: Worauf können wir uns als Gesellschaft noch einigen? Natasha Brown spielt hier einerseits mit der Rolle von Journalismus und sozialen Medien, aber auch stark mit der Erwartungshaltung der Leser:innen. [Ab hier Spoiler zu übergeordneten Themen, aber nicht zur Handlung} So ist das erste Kapitel provokant schlecht geschrieben – bewusst, denn es handelt sich um eine Reportage der Journalistin Hannah, die effekthascherisch über den Goldbarren-Fall berichten will. Im weiteren Verlauf wird die dort präsentierte Wahrheit immer mehr verwässert, und plötzlich driftet der Roman immer weiter von dieser Handlung weg - und auch von Hannah, die uns im Klappentext als scheinbarer Hauptcharakter präsentiert wird. Stattdessen folgen wir plötzlich einer anti-woke Autorin, die Diversität als Verrat an der Bevölkerung und Weiße in der Minderheit sieht. Eine bewusst irritierende Entscheidung von Natasha Brown, der man als POC eigentlich einen anderen Fokus unterstellen würde. Was ist also von allgemeiner Gültigkeit, wenn wir als Leser:innen noch nicht einmal auf unsere Vorerwartungen an den Roman vertrauen können? Brown zeichnet eine Gesellschaft, die von den Wirren des Kapitalismus und Klassismus aufgerieben ist. Das einzige Ziel aller Charaktere ist es, Aufmerksamkeit und Deutungshoheit gegenüber anderen zu erreichen. Alle handeln nur für sich, eine allgemeine Gültigkeit kann es nicht mehr geben. Trotz dieser spannenden Gedankenspiele der Autorin ist das Buch leider insgesamt zu kurz und man kommt aufgrund der häufigen Stilwechsel nicht wirklich in den Fluss. Somit reicht es für mich nur als Gedankenanstoß und abwechslungsreiche Satire. Für eine intensive Auseinandersetzung mit einer spannenden Thematik reicht es aber nicht.



