Lea Ypi erzählt ihre Kindheit im spätstalinistischen Albanien und die abrupten Umbrüche nach 1990. Die kindliche Perspektive macht die Diktatur zunächst zu einer geordneten, warmen Welt, in der Rituale, Parolen und Gemeinschaft selbstverständlich erscheinen. Erst mit dem Systemwechsel wird sichtbar, wie sehr diese Welt von Überwachung, Codesprache und politischer Angst durchzogen war. Gleichzeitig zeigt Ypi, wie der Übergang zum Liberalismus keineswegs Befreiung bedeutet: Die sogenannte „Schocktherapie“ führt zu wirtschaftlichem Zusammenbruch, Arbeitslosigkeit und Massenflucht. Ypi schreibt aus der Sicht des Kindes, aber mit dem Wissen der politischen Philosophin, die sie heute ist. Diese Überblendung erzeugt eine feine Ironie: Die naive Logik des Kindes entlarvt die Absurditäten des Systems oft besser als jede Analyse. Das Buch ist keine trockene Abhandlung über Freiheitsbegriffe, sondern zeigt, wie Freiheit in verschiedenen Systemen jeweils anders eingeschränkt, versprochen oder pervertiert wird. Die autobiografische Form macht abstrakte Begriffe konkret: Freiheit als Loyalitätspflicht im Sozialismus, Freiheit als Marktzwang im Kapitalismus. Die Enthüllung der „falschen Biografie“ der Eltern – ihre verborgene monarchistische Vergangenheit, die ihnen Bildung und Karriere verwehrte – zeigt, wie tief politische Systeme in private Leben eingreifen. Die Spannung zwischen öffentlicher Anpassung und privater Wahrheit ist eines der stärksten Motive des Buches. "Frei" ist ein intelligentes, bewegendes und politisch scharfes Buch, das zeigt, wie sehr Freiheit ein relativer, historisch geprägter Begriff ist. Ypi gelingt es, persönliche Erinnerung, politische Analyse und literarische Form zu einem überzeugenden Ganzen zu verbinden.
Ich hatte auch Indignity als Audiobuch angefangen und da hatte ich Schwierigkeiten, der Geschichte zu folgen. Bei Free gar nicht! Und die Erzählung von Rachel Bavidge war toll!
Lea Ypi ist 1979 in Tirana geboren und in Albanien aufgewachsen. In diesem Buch beschreibt sie ihr Erwachsenwerden in einer Art autobiographischem Sachtext. Sie schreibt sonst akademisch. Das ist es nicht, sondern ein sehr zugänglicher Bericht, den man auch ohne viel Hintergrundwissen lesen und verstehen kann, der aber trotzdem einen gewissen Anspruch hat. Es war für mich ein Buch, das seine Zeit gebraucht hat. Ich konnte es nicht mal eben schnell weglesen, dafür steckt zu viel zwischen den Zeilen und ich habe auch längst nicht alles komplett erfasst. Während des Lesens ist mir nochmal klar geworden, wie wenig Wissen ich zu Albanien habe. Nur ein paar Beispiele, wovon ich in dem Buch erfahren habe: die wirklich große Fluchtbewegung Anfang der 90er; dass Pyramidenfirmen und Schneeballsysteme zeitweise in großem Stil die Bevölkerung ausgebeutet haben; der Bürgerkrieg 1997, nachdem viele Menschen ihre Ersparnisse verloren hatten. Ich habe das Buch gerne gemeinsam mit @lese_locke gelesen und kann es sehr empfehlen.
Eindrückliches Memoir Lea Ypi verlebt ihre Kindheit und Jugend in Albanien - im letzten kommunistischen Land Europas. Autobiografisch erzählt sie, wie es ihr dabei ergangen ist. Damals gab es keine Wahlfreiheit, keine Reisefreiheit, keine Meinungsfreiheit und keine ökonomische Freiheit. Ihre Eltern und die Großmutter väterlicherseits spielen in der Erzählung eine tragende Rolle. Durch den Sturz des kommunistischen Regimes, erlebt die Autorin dann mitten in der Pubertät eine schwerwiegende Vertrauenskrise. Die psychologischen und symbolischen Sprachcodes, welche die Eltern nutzen, lässt eindrucksvoll erleben, wie Lea Ypi sich als Kind gefühlt haben muss. Oft wird das aufgeweckte Mädchen mit unbefriedigenden Erklärungen zurückgelassen. Für den Lesefluss waren diese Sprachcodes mit der Zeit anstrengend und ich hätte mir früher die Entschlüsselung davon gewünscht. Lea Ypi sagt in einem Interview, dass das Schreiben des Buches ihr half, sich mit der Identitätsveränderung auszusöhnen. Ich habe dieses Buch im BuddyRead mit @laroute gelesen, was sehr angenehm und hilfreich war. Einerseits hat es mich motiviert dranzubleiben, andererseits war es spannend, gemeinsam über die politischen Geschehnisse zu diskutieren. Ein spannendes Buch, das mich sehr zum Nachdenken angeregt hat!
„Wenn man einmal erlebt hat, wie ein System sich verändert, ist es nicht so schwer zu glauben, dass es wieder passieren kann.“
Memoiren, die so persönlich sind und doch eine ganze Weltgeschichte erzählen.
Lea Ypi schreibt über die Kindheit und Jugend im sozialistischen Albanien und dem neuen Albanien nach dem Fall des eisernen Vorhangs. Szenen von einem kleinen Mädchen, dass die Faszination von Stalin durch den Unterricht einsaugt und doch nicht versteht, und einem Teenie die anfängt die Lücken in der eigenen Familiengeschichte zu hinterfragen. “Frei” ist die Geschichte nicht nur von Ypis Lebens und Familie, sondern der Frage woher wir kommen und was (und wer) uns auf unserem Weg prägt. Dabei schafft es Ypi große historische Momente nur beiläufig zu erwähnen und doch in den Mittelpunkt ihrer Erzählung zu stellen. Auch wenn “Frei” als Sachbuch zu verstehen ist, ist es doch mehr. Ein interessantes Leseerlebnis, das nur manchmal stockt wenn man hier und da bei den kurz angerissenen Anekdoten den Überblick verliert.
Mag sein, dass ich besonders begeistert war weil ich während dem Lesen in Albanien reisen war, aber die Kunst einem eine der Höllen auf Erden durch Kinderaugen mit Ironie, Witz und Herz näher zu bringen muss gefallen.
Absolut lesenswert!
Was für ein großartiges Leseerlebnis! Nahbar wie lehrreich. Ich bin froh über die Lektüre und werde unbedingt mehr von Lea Ypi lesen. Klare Empfehlung.
"Eine Welt die nicht für alle frei ist, ist für niemanden frei." Das System ist global - Es gibt sie nur für jeden Menschen, oder gar nicht, die Freiheit. Dieses Buch gehört nicht in die triviale Ecke, dennoch arbeitet es sehr mit Emotionen. Aber eben genauso viel auch mit Aufklärung und Analyse. In mir hat es ganz viele Fragen hervor gebracht, zum Nachdenken und Reflektieren angeregt. Ganz großes Leseempfehlung!

»Aber als die Freiheit endlich kam, war sie wie ein gefroren serviertes Gericht. Wir kauten wenig, schluckten hastig und wurden nicht satt. Einige fragten sich, ob man uns mit Resten abfertigen wollte, andere meinten, das sei nur die kalte Vorspeise.«
Ich wollte es so gerne mögen, da es mir in meiner Lieblingsbuchhandlung empfohlen wurde und ich großen Respekt vor der persönlichen Geschichte der Autorin habe. Lea Ypi schreibt in ihrem Roman vom Aufwachsen im poststalinistischen Albanien und nimmt uns mit in ihre Gedankenwelt, erzählt von den Eigenheiten ihrer Familie und von politischen Idealen und harten Realitäten. Letztlich war es für mich leider schwer zu lesen und konnte mich nicht packen. Mir fehlte ein roter Faden und es war mir persönlich etwas zu gespickt mit politischen Inhalten.
Ganz besonders für politisch Interessierte
Ein sehr interessantes Buch über die politische Geschichte Albaniens, erzählt aus den Augen eines jungen Mädchens. Ganz besonders für politisch Interessierte! Besonders gut gefallen hat mir das Ende mit den Tagebucheinträgen. Wirklich sehr anschaulich beschrieben und schockierend zugleich. Da ich aber selbst nicht ganz so vertraut bin mit den verschiedenen Theorien oder politischer Geschichte, war das Buch an manchen Stellen anstrengend zu lesen. Ich hätte mir noch ein bisschen mehr Erzählungen aus dem Leben in Albanien gewünscht, wie die Städte aussahen, der Alltag, die Schule, die Kleidung und so weiter.
Irgendwie kann ich gar nicht sagen, wie ich das Buch fand. Aus der Sicht mehr über ein Land und den Zusammenbruch eines Systems zu erfahren zwar interessant, aber irgendwie hat es mich trotzdem nicht nachhaltig beeindruckt.

Ein Ausschnitt der albanischen Geschichte: Politisch & berührend!
Eine autobiografische Geschichte über das Erwachsenwerden im poststalinistischen Albanien. Das totalitäre sozialistische Regime wird durch die Augen der jungen bis jugendlichen Autorin authentisch vermittelt. Aufgewachsen in einem Haus staatskritischer Eltern, umgeben von einem Überwachungsregime, ideologischer Indoktrination, Unterdrückung und extremer Repression. Das Buch begleitet die Umbrüche in Albanien nach dem Sturz des Kommunismus hin zu einer „freien“ Gesellschaft sowie die damit verbundene Herausforderung, die eigene Identität in einer politischen Umwandlung zu finden. In diesem Zusammenhang spielt das Thema Freiheit eine zentrale Rolle. Die berührenden Erlebnisse sowie die philosophischen Überlegungen überzeugen auf ganzer Linie. Vor allem die familiären Interaktionen haben mir gut gefallen. Ein kritischer Beitrag, der den Leser:innen aufzeigt, wie fragil “Freiheit“ ist.
There are, in my opinion, three excellent ways to get to know a country's history and culture: 1. travel there 2. meet its people 3. read its books Now, pop quiz: How much do you all know about Albania? Albanian politics and society? Until about a week ago, my answer would have been "little to nothing", and I bet the same is true for many. Enter: "Free" by Lea Ypi. The book is a woman's memoir, so I kinda already had to love it. But it ALSO tells the story of Albania in times of political upheaval through the eyes of a young girl who grew up under Stalinism - isolated, indoctrinated, happy. Even though the discussed topics are heavy, the book is wonderfully readable and even - dare I say it - fun at times. The short chapters make it easy to comprehend and get through, and the writing is so wonderfully immersive that one really leaves this memoir feeling like having seen Albania with one's own eyes. Which is deception of the best kind. However, I have to say that I got a tiny bit bored towards the end and started skimming the last few chapters. I really can't say whether that was the book's or my fault, both is very possible. I wanted to give you a heads up nonetheless.
Wichtiges schweres Thema
Ich fand das Buch im grossen und ganzen wirklich klassen. Es zeigt sehe deutlich auf wie seltsam es ist wenn du mit einer Ideologie aufwächst die von heute auf morgen nicht mehr zählt. Gerne hätte wäre ich noch mehr in die Emotionen reingemacht. Teilweise war das Buch für mich schwer zu lesen, was vermutlich weniger am Buch liegt als an meinen aktiven politischen Sprachgebrauch
Als die Kriege in Ex-Jugoslawien tobten, war ich noch ein Kind und verstand das alles nicht so wirklich. Danach sprach kaum mehr ein Mensch davon. Doch nun werden die Geschehnisse von damals langsam aufgearbeitet und ich finde das so, so wichtig. In der Schweiz gibt es eine grosse albanische Gemeinschaft und natürlich entsprechend viele Vorurteile. Albanier mögen grosse Autos, protzen gerne und vertrau ihnen auf keinen Fall! Lauter solche Sachen. Dieses Memoir half mir dabei, all dies zu verstehen. Dahinter verstecken sich Traumata, die seit Generationen weitergegeben werden. Durch die Augen von Lea Ypi lernen wir das Land Albanien und seine Geschichte besser kennen. Erfahren, was es bedeutet, wenn plötzlich alles, woran geglaubt wurde, in sich zusammenfällt. Was es bedeutet, wenn ein Machtmakuum entsteht und sich etwas Neues hineindrängt. Ich hätte nie erwartet, dass dieses Buch mir dermassen die Augen öffnen wird. Aber das hat Lea Ypi getan und ich bin enorm dankbar dafür. Lesen hilft zu verstehen und dieses Werk hat mich einen grossen Schritt weiter gebracht.
Super spannendes Buch über das Leben im und nach dem Fall des Kommunismus in Albanien.
Nach 171 Seite breche ich ab und maße mir dennoch eine Bewertung an. Habe das Ende gelesen und um zu erfahren, ob sich der Erzählton ändert, in die Tagebucheinträge aus 1997 hineingeblättert. Dieses Buch greift mal wieder den Konflikt Dokument vs. Literatur auf. Ich beantworte das nur aus meiner subjektiven Warte, aus der ich eine eindeutige Erwartungshaltung an Texte habe, die für mich als Literatur durchgehen. Diese wird in diesem Fall von "Frei" nicht erfüllt. Ypi erzählt retrospektiv als Icherzählerin. Dh. sie versetzt sich in ihr kindliches, jugendliches und später junges Erwachsenen Ich hinein. Es sollte doch anzunehmen sein, dass sich aufgrund dieser Erzählanlage die Komplexität und Beweglichkeit der Sprache ändert. Nein. Das Buch ist von vorne bis hinten in einem einfachen, kindlich, streckenweise naiv, dümmlichen Ton gehalten. Das funktioniert durchaus in einigen Szenen, die hierdurch völlig absurd erscheinen und diesen Irrsinn des Systems und Verhaltens der Menschen herausschälen. Die ersten 60 Seiten lesen sich recht erbaulich. Aber, weitestgehend ist diese Entscheidung die Schwäche des Buches. Kompositorisch ist das ein Totalausfall. Sie setzt episodische, szenische Ausschnitte aneinander ohne diese sprachlich übergreifend ineinander fließen zu lassen. Die Sprachbeschränkung kann nur zeigen, auf etwas verweisen, im schlimmsten Fall einige Szenen als komödiantisch, banal, ungekonnt wirken lassen. Sie kann niemals, auch nur ansatzweise, einen komplexen philosophischen Gedanken bespielen. Dafür ist die Sprache viel zu eingeschränkt, unbeweglich und geht auch überhaupt nicht tief in die Reflexion hinein. Der Gesamte Text zerfällt immer mehr in ein dokumentarisches Abarbeiten an historischen Ereignissen und Familienerlebnissen. Die späteren Tagebucheinträge sind eine neue stilistische Variante. Werden aber weder kommentiert oder reflektiert und ihrer Kürze so stehen gelassen. Nur reines Dokument. Das Buch ist zudem völlig mit Informationen überladen. Als Sachtext mag dies zulässig sein, wenn man sich auf knapp 300 Seiten im Schnelldurchgang, mit ein paar Dialogen und Sidekicks aus Erlebnissen, die historischen Ereignisse zwischen den 40ern und 90er Jahren in Albanien um die Ohren hauen lassen will. Da ich aber niemand bin, der sich solche Art Sachtexte reinzieht bin ich in dem Fall raus und kann kaum etwas mit diesem Text anfangen. Bevor man mir Interessenlosigkeit vorwirft: diesen Text habe ich bewusst gewählt, da ich zuvor Christa Wolf und Kairos von Erpenbeck las und mich auf einen weiteren Text aus dem Sozialismus freute. Mir geht es darum, dass ich mit dieser Informationsflut nichts anfangen kann, die zu Lasten einer qualitativen Durchdringung des Themas geht und einem Bulimielernen gleich kommt. Ich bin niemand der auf den Betroffenheitszug aufspringt. Insofern kann Frau Ypi noch so schreckliche Dinge biografisch zu berichten haben. Macht sie das nach meinem Verständnis auf unzureichend literarischem Niveau, wird das auch so bewertet. Der zusätzliche Stern ist für den dokumentarischen Wert. Als Literatur: 1 Stern.
Fantastisch!
Klare Empfehlung an politisch Interessierte. Lea Ypi beschreibt eindrücklich ihre Kindheit und Jugend während des Zusammenbruchs des Sozialismus in Albanien. Beeindruckend
Albanien und Zeitgeschichte kompakt.
Amazing
Lebenshighlight.
Ein gelungener Einblick nach Albanien, mit den Augen eines Kindes erzählt. Interessant fand ich auch die Parallelen zwischen den beiden Teilen (vor und nach der Wende).




























