
„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux ist ein schonungslos ehrlicher, leiser und zugleich schmerzhafter Text über ein Sommererlebnis, das ein ganzes Leben überschattet – eindringlich, klar und frei von Schönfärberei.
Ernaux blickt viele Jahrzehnte später auf den Sommer 1958 zurück, als sie als junges Mädchen in ein Ferienlager fährt, sich erstmals verliebt, sexuell erniedrigt wird und danach zur Außenseiterin wird. Sie erzählt nicht einfach chronologisch, sondern zeigt, wie dieses eine Erlebnis ihr Selbstbild, ihr Schamgefühl und ihr späteres Leben geprägt hat, und wie schwer es ist, den Blick der anderen wieder loszuwerden. Besonders ist, wie nüchtern und präzise Ernaux schreibt: ohne Pathos, aber voller emotionaler Wucht. Sie spricht von „dem Mädchen“ in der dritten Person, als würde sie sich selbst wie eine Fremde untersuchen – das macht die Distanz spürbar, die sie braucht, um diese Erinnerung auszuhalten. Es geht um weibliche Sexualität, Machtverhältnisse, Scham und darum, wie eine junge Frau versucht, sich selbst zurückzuerobern. Insgesamt ist „Erinnerung eines Mädchens“ für mich kein leichter, aber ein sehr wichtiger Text: schmal im Umfang, doch enorm dicht, und ideal für alle, die autobiografische Literatur mögen, die radikal ehrlich in die eigene Vergangenheit schaut.



















