15. Nov.
Rating:3

Schon von daher lag seine Nähe zu Kruso auf der Hand, ein Freitag an der Seite Robinsons, und niemand musste sich besonders wundern darüber, dass beide immer öfter zusammen anzutreffen waren. Dabei ging es in der Regel nur um die täglichen Unterweisungen Eds, des neuen Abwäschers und Heizers. Ed bestaunte die Veränderungen, und wieder einmal wunderte er sich darüber, dass er es selbst war, dem all das geschah. Ab und zu tauchte jenes verschämte Glück auf, das sich weigerte, direkt mit ihm in Verbindung zu treten, und manchmal, ganz unvermittelt, stand ihm G. plötzlich vor Augen - er hatte keinen Einfluss darauf. Warum tat es so gut, wenig zu reden? Er hatte das nicht vorgehabt, aber dann Begriff Ed, dass das Schweigen innerster Bestandteil seiner Flucht war, inzwischen nannte er es so. Er musste einfach für sich bleiben, aber er wusste auch, dass er jetzt nicht allein sein durfte ... Im Geist hatte er es versehentlich umgekehrt formuliert und doch genau so gemeint: Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält. - Zitat, Seiten 108, 109 Insel Hiddensee, Sommer 1989: hier finden Touristen, Andersdenkende, Individualisten und Träumer eine Nische. Ein kleines Utopia, welches sie vor dem politischen Wahnsinn des Festlandes bewahrt - und sei es nur ein paar Tage lang! Wie der Schriftsteller selbst, so heuert auch sein Protagonist Ed im "Klausner" an. Hier kann er zwischen schwitzenden Leibern und schmutzigen Geschirr seine schweren Gedanken verdrängen, aber kann man die Traurigkeit wie Abwasser mit Seifenschaum verschwinden lassen? "Ich hatte dich geträumt." - Wie in der klassischen Vorlage begegnet der charismatische Kruso, der mit bürgerlichen Namen Alexander Krusowitsch heißt, unserem Protagonisten. Mit dieser Begegnung entspinnt sich eine ganz besondere Freundschaft, die eine fast irritierende Zärtlichkeit hat, aber auch von Ambivalenzen geprägt ist. Beide verbindet die Leidenschaft für die Gedichte von Georg Trakl, dem expressionitischen Dichter, und die Trauer um eine geliebten weiblichen Menschen. Doch als Kruso, den Ed bald bei dem Freundesnamen Losch ruft, in seine Mission einbezieht, die "Schiffbrüchigen" durch eine besondere Behandlung von ihrer Flucht abzuhalten und ihnen neuen Lebensmut und Durchhaltevermögen einzuflösen, entwickeln die Dinge eine ungeahnte und zunehmend unkontrollierte Dynamik. Wie wird dieses Abenteuer enden? Die Geschichte wird auch durch die spannenden Entwicklungen eines untergehenden politischen Systems vorangetrieben, obwohl diese im Hintergrund stattfinden. Im letzten Teil des Romans verändert Lutz Seiler außerdem die Grundstimmung und schickt seinen Protagonisten, der hier zum Ich-Erzähler mutiert, erneut auf eine Reise, aber diesmal ist nicht er der Flüchtige, vielmehr widmet sich dieses Kapitel den Flüchtlingen, die ein nasses Grab in der Ostsee fanden und anonym im fremden Dänemark bestattet wurden. Gelingt es Ed, den Schleier des Vergessens zu heben und wenigstens einem der Toten ein Gesicht und damit eine Erinnerung zu schaffen? Die Themen des Buches tragen zur eher schwermütigen Stimmung des Buches bei, die Sommerfrische kann sich und soll sich auch nicht durchsetzen. Gerade zu Beginn der Geschichte vermag der Autor doch sehr sensibel auch humoristische Elemente einzubringen und die Belegschaft des Klausner Teams gleicht einer gelungenen Karikatur in ihrer Skizzierung. Es kann außerdem nicht schaden, wenn man den Lebenslauf und auch das eine oder andere Gedicht von Georg Trakl kennt, um besser in die Handlung einzutauchen. Allerdings kann Lutz Seiler das hohe erzählerische Niveau auf Dauer nicht halten. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass viele selbst erlebte Elemente des Schriftstellers im Verlauf der Handlung weniger werden und die Geschichte zunehmend von erwachten bzw frei erfundenen Szenen geprägt ist. Das ist an der Stelle natürlich rein spekulativ und gibt nur den subjektiven Eindruck einer leider oft sehr diffus bis völlig abstrus wirkenden Handlung wider. Erst im letzten Teil, der wieder sehr authentisch wirkt, findet man beim Lesen Anschluss. Insgesamt eine interessante und anspruchsvolle Lektüre, deren Geschichte sich zwischendurch etwas verliert, aber dann doch ein zufriedenstellendes Ende findet. FAZIT Diesen Roman las ich aufgrund einer interessanten Besprechung der ZEIT in der Vorstellung der 100 lesenswerten Bücher. Es war tatsächlich nicht der Abenteuerroman, den ich eigentlich erwartet hatte, aber es war eine interessante Lektüre. Der Roman setzt sich auf seine ganz eigene Art mit deutscher Geschichte und auch philosophischen Betrachtungen über das Erinnern und Verschwinden auseinander. Das ist sicher nicht für jeden etwas, aber wer sich durch das anfängliche Zitat und durch diesen Beitrag angesprochen fühlt, mag einen Versuch wagen!

Kruso
Krusoby Lutz SeilerSuhrkamp
22. Feb.
Rating:5

Ich hab mich am Anfang schwer getan, hätte fast abgebrochen, bin aber am Schluss begeistert von der Vielschichtigkeit des Buchs und von der dichten Atmosphäre, die es erzeugt.

Kruso
Krusoby Lutz SeilerSuhrkamp
17. Sept.
Rating:5

„*Kruso*“ von Lutz Seiler hat mich mit seiner dichten Sprache und atmosphärischen Erzählweise beeindruckt. Die Geschichte von Edgar, der nach Hiddensee flieht und dort auf den charismatischen Kruso trifft, fängt die besondere Stimmung der letzten Tage der DDR ein. Seiler thematisiert philosophische Fragen nach Freiheit und Zugehörigkeit. Auch wenn der Roman stellenweise anspruchsvoll und langsam erzählt ist, habe ich genau das als reizvoll empfunden. Die fast mystische Atmosphäre und die komplexen Figuren machen „Kruso“ zu einer tiefgründigen und nachhaltigen Lektüre.

Kruso
Krusoby Lutz SeilerSuhrkamp
3. Sept.

Nach 70 Seiten Abbruch Hab mir schon gedacht, dass das ne harte Nuss wird. Hatte es vor Jahren aus einem öffentlichen Bücherschrank gegriffen, als es vielfach besprochen wurde. Versuch kann nicht schaden. Schreibstil und Stimmung, die dadurch transportiert wird, sind gar nicht mein Fall. Erinnert mich an die nüchternen deutschen Film und Serienformate, die einen ganz seltsamen Unterton haben. Bereit mir keine Freude

Kruso
Krusoby Lutz SeilerSuhrkamp
24. Aug.
"Wenn Ed sich morgens aufsetze in seinem Bett, sah er das Meer, das genügte für alles." (S. 62)
Rating:5

"Wenn Ed sich morgens aufsetze in seinem Bett, sah er das Meer, das genügte für alles." (S. 62)

Kennt ihr das, wenn man sich wünscht, dass ein Buch nie zu Ende geht? Das hier war so eines für mich, alles, was ich mir von einem Buch erhoffe. Ein wunderschönes, poetisches Meisterwerk über eine Freundschaft, die wichtiger ist als der Untergang eines Landes und es doch nicht schafft, größer zu bleiben.

Kruso
Krusoby Lutz SeilerSuhrkamp