Trotz seiner bildlichen, aber teilweise überfrachteten Sprachgewandtheit ist der Roman teilweise strapaziös zu lesen und nochmal trotz seiner dreifachen Retrospektive beim Wechsel der Chronologie mit absichtlichen Unklarheiten versehen, was mir den fundierten Spaß genommen hat.
Manchmal etwas sprunghaft, aber sprachlich wie gedanklich brilliant. Für beides steht stellvertretend dieses Zitat: „Wir sind nicht mehr zwanzig, und das Leben liegt vor uns. Wir sind aber auch noch nicht siebzig, und das Leben liegt hinter uns. Wir sind Mitte vierzig, und das Leben läuft an uns vorbei.“
Spannend, weil es in meiner Region spielt. Die Geschichte gefiel mir auch echt gut. Hatte keine großen Erwartungen, aber es war wirklich ein nettes Buch zum Entspannen.
War mir nicht ganz sicher, ob ich nochmal einen "Nicht-China"-Roman von Stephan Thome ausprobieren würde, aber "Grenzgang" war doch ein recht solider, gut erzählter Roman über das alltägliche Leben in Kleinstädten. "Grenzgang" ist eine Tradition (samt großem Fest), die alle 7 Jahre in Bergenstedt abgehalten wird und wir folgen dabei Kerstin Werner und Matthias Weidmann, die so ihre eigenen Probleme mit dem Ort haben und sich zu allen 3 im Roman geschilderten Grenzgängen "begegnen" (formuliere ich es mal vorsichtig ;). Kerstin, eine Frau in ihren 40ern hangelt sich seit Jahren am Rande von Zynismus und Resignation vorbei, seit dem letzten Grenzgang ist viel passiert: der fremdgehende Ehemann, die Scheidung und nun sieht sie sich als alleinerziehende Mutter eines 16-jährigen Jungen irgendwie mit der Lebensmitte konfrontiert. Ihre Träume sind geplatzt, sie hat keine Freunde, ihre Mutter ist pflegebedürftig und der Sohn ist irgendwie unnahbar. Zu allem Überfluss wohnt der Ex-Mann mit der neuen Freundin auch noch in der Nähe und nervt unsäglich. Matthias Weidmann ist der Lehrer von Daniel, dem Sohn Kerstins und ebenfalls völlig unzufrieden mit seinem relativ normalen Leben (unverheiratet, okayer Job, ab und an Frauen treffen) und der "Grenzgang" könnte ihm nicht egaler sein. Obschon das Inhaltliche auf den ersten Blick für mich relativ banal und normal wirkte, wurde es einfach gut erzählt, sodass man beiden Figuren in abwechselnder Perspektive wirklich gerne folgte. Bei beiden schwingt mitten im Zynismus auch immer ein schöner schwarzer/trockener Humor mit. Dieses alle 7 Jahre stattfindende Ritual verbindet die Erzählstränge und Ereignisse sehr sehr gut miteinander. Die Beschreibung von Kerstins und Matthias' Leben, die sich auch überschneiden, gelingt Stephan Thome wirklich gut. Mochte es sehr, dass nicht 100 Menschen ihr Einzelporträt bekamen, sondern eine Konzentration auf die beiden Charaktere half, das Leben, das sie führen (mit Einsamkeit und Melancholie, Lebensüberdruss und seltsamen Kompensationshandlungen), zu verstehen. Ein riesiges Danke an den Autor, der in dieses Werk keine unnötig lang beschriebenen Sexszenen einbaute. Nach "Gegenspiel" und "Pflaumenregen" war ich da etwas genervt von. 3.5 / 5.0



