Literarisch wertvoll, greifbar grausam..
Unfassbar ehrlich und gleichzeitig intim sowie zur Entfremdung abstrakt behandelt der Autor den Suizid seiner Mutter. Seltsam schön, grausam traurig…
Literarisch wertvoll, greifbar grausam..
Unfassbar ehrlich und gleichzeitig intim sowie zur Entfremdung abstrakt behandelt der Autor den Suizid seiner Mutter. Seltsam schön, grausam traurig…
4,5⭐️ Toller Stil und Sprache: verknappt, präzise, nüchtern, distanziert mit Brüchen. Er erzeugt eine hohe Dichte, die über kurze Absätze, große Zeiträume fasst. Details, Alltagsbanalitäten ziehen mitten rein und emotionalisieren die Situation. Sein Stil transportiert die Ambivalenz menschlicher Beziehungen auf spannungsgeladene Weise- objektiviert, analytisch und dennoch nah, berührend. Symbolik und Metaphorik stehen nur durch ein speziell gewähltes Wort im Raum und setzen die Gedankenspirale in Gang. Gegen Ende verliert er ein wenig die Konzentration. Es fällt ihm selber auf. Handke ist einer der zeigt, mit wie wenig Beiwerk literarische Räume geöffnet werden können, wenn man sein Handwerk versteht.
Peter Handkes »Wunschloses Unglück« erzählt die Lebensgeschichte seiner Mutter, die sich 51-jährig mit Schlaftabletten und Beruhigungsmitteln das Leben genommen hatte. Der Text dokumentiert, wie sich während ihres Lebens die Persönlichkeit der Mutter und während des Schreibens das Verständnis des Sohnes für sie entwickelt. Wie auch bei Eribon erfahren wir etwas über eine Frau, die im sozialen Umfeld der Arbeiterklasse aufwuchs, von einem verheirateten Mann schwanger wird und später mit einem Mann, den sie verabscheute, weitere Kinder hatte. Sie kämpft um ihre Würde und dafür, dass es ihren Kindern einmal besser geht. Unter der Last der täglichen Probleme erkrankt sie an ihrer Seele – mit massivem körperlichem Leiden. Nach jahrelanger Krankheit ohne Aussicht auf Besserung beschließt sie, sich das Leben zu nehmen. Allen ihren Angehörigen schreibt sie Abschiedsbriefe. Als Handke auf die Nachricht vom Tod seiner Mutter nach Österreich fliegt, ist er außer sich vor Stolz, dass sie Selbstmord begangen hatte. Anders als die Mutter bei Didier Eribon und der Vater bei Sabine Peters war Handkes Mutter in der Lage selbstbestimmt eine Entscheidung für ihre Zukunft zu treffen.