1. Apr.
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"Jenes tragische Ereignis, das Kosaka Otohiko an der verschneiten Eiswand das Leben gekostet hatte, war innerhalb von etwa sechs Monaten klein und alt geworden. Ja, so war das wohl... Und was bei der Untersuchung der Bruchstelle des Seils herauskam, betraf ihn persönlich, besaß keinerlei Wert, vielen Menschen mitgeteilt zu werden. Ja, so war das wohl ..." (Zitat, Seite 353) Dieser japanische Schicksalsroman aus der Feder von Yasushi Inoue greift ein tatsächliches Bergsteigerunglück auf und entwickelt daraus ein atmosphärisch dichtes Bild einzelner Menschen, die wie durch ein unsichtbares Seil miteinander verbunden sind. In deutscher Übersetzung von Oskar Benl ist dieser Roman erstmals 1968 erschienen. "Das Seil ist gerissen." Diese vier Worte bestimmen das Denken und Handeln des jungen Bergsteigers Uozu, der seinen Freund Kosaka in den ersten Tagen des neuen Jahres an der Eiswand Hodaka in den Tod hat stürzen sehen. Mit diesem Standpunkt rührt er unbeabsichtigt an den Festen der Industrie für Bergsteigerausrüstung, ein gefundenes Fressen für die Medien, mit weitreichenden Folgen - vor allem für unseren Protagonisten. Ein wissenschaftlich durchgeführtes Experiment soll Klarheit geben, aber wie kann eine menschliche Tragödie mit einem abstrakten Szenario realistisch nachgebildet werden? Und falls das Seil doch nicht gerissen sein sollte, wie steht es mit den Alternativen? Hat der Bergsteiger aus abgelehnter Liebe beschlossen, den Tod zu suchen und die Ehre der Berge zu vernachlässigen? Oder hat gar sein Freund das Seil gekappt, um sein eigenes Leben zu retten? War menschliches Fehlverhalten oder rätselhafte Verkettung von Umständen der Grund für das schreckliche Unglück? Wie im Roman mehrmals betont, handelt es sich nicht um einen Krimi. Trotzdem versteht es der Autor meisterhaft, mehrere mögliche Szenarien vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen, die zu dem Ereignis am Berg führten. Dazu nähert er sich den verschiedenen Figuren des Romans und macht deren Lebenssituation sichtbar, wobei er das Innerste bewusst ausspart und jedem Individuum die eigenen Geheimnisse lässt. Dieser Ansatz der Annäherung ist ungewöhnlich und absolut faszinierend. Auch die Einbindung der Natur in die Handlung ist absolut gelungen und lässt ein Kopfkino entstehen. Der Autor hat ein Gespür dafür, unmittelbare Bilder vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Hier ein Beispiel aus dem 7. Kapitel, 1. Satz: "Fast überstürzt brachen die Kirschblüten plötzlich auf, und schon waren sie abgefallen." FAZIT Wie der Autor selbst im Werk betont, kein Krimi und auch kein Abenteuerroman, aber ein facettenreich gestaltetes Bild von Mensch und Natur.

Die Eiswand
Die Eiswandby Yasushi InoueSuhrkamp