"Der Niedergang von Demokratie und Demokratietheorie ist im Werden. Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug nicht in der Nacht, sondern in der einbrechenden Dämmerung."
In dem vorliegenden Buch stellt der Autor der Demokratie eine Krisendiagnose: Durch einen Prozess, der als "Devolution" bezeichnet wird, drifteten die Demokratie und die gesellschaftlichen Entwicklungen der Modern zunehmend auseinander. Die "Devolution" habe vor allem vier Aspekte: die Politisierung (zunehmende Umstrittenheit der Demokratie an sich), Differenzierung und Komplexität (etwa durch die komplexe, netzwerkartige Struktur von Governance, wodurch die Demokratie zunehmend unsteuerbar werde), Kognitionsasymmetrie (innerhalb der Bürgerschaft geht das Wissen um politische Prozess zunehmend auseinander) und das Ende des demokratischen Kapitalismus (was zunehmend ein Gefühl der Ungerechtigkeit der Demokratie schaffe). Im zweiten Teil stellt der Autor drei Ansätze (Populismus, Expertokratie und Partizipation) vor, die Antworten auf die "Devolution" sein könnten. Diese werde jedoch vom Autor verworfen, da sie jeweils ein Demokratiedefizit aufwiesen (Populismus: Freiheitsdefizit; Expertokratie: Freiheits- und Gleichheitsdefizit; Partizipation: Solidaritäts- und Gleichheitsdefizit). Besonders die Kritik an Expertokratie und Partizipation war erhellend, etwa wenn hinsichtlich eines simplifizierten Monismus eine Parallele von der populistischen "vox populi" zur expertokratischen "vox scientifica" gezogen wird. Im dritten Teil des Buchs behandelt der Autor die Frage, welche Auswirkungen die "Devolution" auf die Demokratietheorie hat. Anhand dreier demokratietheoretischer Strömungen (radikal, deliberativ, liberal) wird aufgezeigt, wieso letztlich auch diese keine (theoretische) Antwort auf die Devolution haben. Davon ausgehende diagnostiziert der Autor, dass mit der Krise der Demokratie auch eine Krise der Demokratietheorie einhergeht. Im vierten Teil des Buchs stellt das Buch verschieden Reaktionen der Demokratietheorie auf die Krise der Demokratie dar, die der Autor im Wesentlichen als rhetorische Ausweichmanöver verwirft. Für mich hat das Buch dafür gesorgt, gewisse Störungsgefühle, die mit der Entwicklung der gegenwärtigen politischen Ordnung zusammenhängen, analytisch besser einordnen zu können. Auch waren die kurzen Einführungen zu den verschiedenen Ansätzen und theoretischen Strömungen erkenntnisreich In Teilen war das Buch (für einen Laien wie mich) zu voraussetzungsvoll, was es an manchen Stellen schwierig gemacht hat, "am Ball" zu bleiben. Dies wurde aber dadurch kompensiert, dass regelmäßig am Ende eines Abschnitts dieser nochmal vereinfacht zusammengefasst wurde. Im Ergebnis muss man die Schlüsse, zu denen der Autor kommt, nicht teilen (so kann man etwa die pauschale Postulierung eines "Ende des demokratischen Kapitalismus" in Zweifel ziehen oder sich angelehnt an P. Manow fragen, ob denn wirklich die Demokratie an sich umstrittener wird oder nicht eher eine bestimmte Spielart der liberalen Demokratie), die Lektüre hat sich unabhängig davon sehr gelohnt. Eine Passage, die hängen geblieben ist: "Die Regierungstätigkeit weitet sich immer weiter aus und die Beteiligung der Bürgerschaft nimmt zu, aber es gibt keine Zunahme rationaler öffentlicher Kontrolle. Die rationale öffentliche Kontrolle der gemeinsamen Angelegenheiten gehört jedoch zu den Kernversprechen der Demokratie."

