13. Mai
Rating:4.5

Eine aufschlussreiche und gut lesbare Analyse unseres politischen Zeitgeistes. Wie kam es global von der Postpolitik über Antipolitik zur Hyperpolitik? Mehrere Erkenntnisse habe ich hier gewinnen dürfen. Ich kann diesen Essay sehr empfehlen. 9/10 (Sachbuchwertung, versteht sich.)

Hyperpolitik
Hyperpolitikby Anton JägerSuhrkamp
13. Nov.
Rating:5

Sehr gut lesbarer und nachvollziehbarer Essay zur politikwissenschaftlichen Zeitdiagnose der "Hyperpolitik". Wer nachvollziehen möchte, wieso heutzutage alles politisch ist und Engagement dann doch in nichts für die Massen mündet, der findet hier eine überzeugende Schrift zum Nachdenken und Diskutieren. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

“Ohne Reinstitutionalisierung des politischen Engagements wird es [...] bei Volatilität und weitgehender Folgenlosigkeit bleiben, und die Rechten werden weiterhin einen entscheidenden Vorsprung haben.” (Jäger 2023, S. 116) Ist bis in die 1970er die politische Antwort auf gesellschaftliche Missstände die Massenorganisierung in Strukturen wie Partei und Gewerkschaft gewesen (SPD in 70er: 1 Million Mitglieder, 2019: 400.000), so wurde dies aufgrund zunehmender Individualisierung und einer Entpolitisierung der Menschen von Jahrzehnten der Deinstitutionalisierung und der Aushöhlung der Organisationsstrukturen abgelöst. Einer Kapitalakkumulation waren Massenparteien ein Dorn im Auge und so setzte sich der Neoliberalismus zum Ziel, den Staat zum “unparteiischen Schiedsrichter” (ebd., S. 104) umzuwandeln - die Strukturcharakteristika der einsetzenden Postpolitik, die Anton Jäger unter Bezug auf Robert D. Putnams “Bowling Alone” nachzeichnet. Die postpolitische Zeit erreichte ihren Zenit 2008, bis sie durch die Proteste zur Finanzkrise durch eine antipolitische - also als eine wütende Reaktion - Zeit abgelöst wurde. Gesellschaftlich repolitisiert und populistisch gegen die Institutionen der formellen Politik, aber trotzdem unfähig, nachhaltig organisierend zu wirken. Beispielhaft zeichnet Jäger dies an verschiedenen europäischen Parteien nach: egal, ob Occupy Wall Street, Syriza, Podemos, Democratic Party, Labour Party - alle scheiterten (trotz Repolitisierung) ein Gewicht zu entwickeln, wie dies noch zur Zeit der Massenpolitik möglich schien. “Körper ohne Organe”: voller Kraft, aber ohne inneren Stoffwechsel, so beschreibt Jäger in Bezug auf Paulo Gerbaudo den Zustand der Abkehr von der Parteiendemokratie auf Massenbasis. Jäger proklamiert, durch Hyperpolitik sei alles politisch. Hyperpolitik habe keinen erkennbaren ideologischen Vektor, sie bleibe volatil und diffus. Sie stelle eine Intensivierung der repolitisierten Antipolitik dar, “einen Modus viraler Panik, wie sie typisch ist für das beschleunigte Internetzeitalter mit seinen kurzen Hype- und Empörungszyklen. Die Dehnung eines Vokals, der bereits ausgesprochen wurde, aber noch kein neues Wort formt” (ebd., S. 100). Jägers hervorragender und prägnant formulierter Essay mündet im Plädoyer zur Überwindung hyperpolitischer Zustände durch die kollektive Suche nach “archimedischen Orten” für die atomisierten Individuen der Gesellschaft. Orte oder intermediäre Strukturen (Parteien, Gewerkschaften, oder vielleicht etwas komplett neues), an denen soziale Netzwerke neu aufgebaut werden können und Kollektivität und Partizipation statt Ohnmacht erfahrbar wird.

Hyperpolitik
Hyperpolitikby Anton JägerSuhrkamp