Peter Weiss lässt Marquis de Sade im Jahr 1808 im "Irrenhaus/Nervenklinik/Hospiz/totale Institution" von Charenton ein Stück über die Ermordung des Revolutionärs Jean Paul Marat (1793) inszenieren. Die Darsteller sind die Patienten der Anstalt. Das erzeugt eine ständige Spannung – man weiß nie, was zum Skript gehört und wann der echte Wahnsinn der Insassen durchbricht.Das Stück ist im Kern ein Streitgespräch zwischen zwei Extremen. Marat - als der politische Erlöser - ist der radikale Optimist der Tat. Er glaubt, dass man die Welt durch Veränderung der äußeren Umstände (Revolution, Gesetze, Gewalt) heilen kann. Er sitzt fast das ganze Stück über in einer Badewanne (wegen einer Hautkrankheit), was seine verletzliche, fast märtyrerhafte Position unterstreicht.Sade - als der radikale Individualist - hält Marats Bemühungen für naiv. Für Sade ist die Natur des Menschen grausam und unbezähmbar. Er glaubt nicht an gesellschaftlichen Fortschritt, sondern nur an die absolute Freiheit des Einzelnen – selbst wenn diese in die Selbstzerstörung oder Grausamkeit führt.Sade:„Maratdiese Gefängnisse des Geistessind viel schlimmer als die tiefsten steinernen VerlieseIch sage dires gibt keine Gerechtigkeitnur die Natur ist gerechtund sie kennt kein MitleidDie Natur zerstört alles was sie geschaffen hatund wirwenn wir zerstörentun nichts anderes als die Natur nachzuahmen“Als Leser wird man in eine unangenehme Position gebracht. Man versteht Marats Idealismus, aber man sieht auch, dass seine Revolution in Blut badet. Auf der anderen Seite ist Sades Ehrlichkeit bestechend, aber seine totale Ich-Bezogenheit zutiefst verstörend. Peter Weiss liefert keine Lösung. Das Stück endet im Chaos. Die Patienten proben den Aufstand, die Grenze zwischen Spiel und Realität löst sich auf. Es ist eine Warnung davor, dass sowohl die reine politische Ideologie (Marat) als auch der reine Rückzug ins Private (Sade) in eine Sackgasse führen können, wenn sie den Bezug zur menschlichen Realität verlieren. Das Buch ist ein regelrechter Rausch aus Rhythmus, philosophischen Wortgefechten und ekstatischer Atmosphäre. Die Ekstase entsteht bei Weiss dadurch, dass die unterdrückten Insassen ihre Rollen mit einer Energie füllen, die über das bloße Schauspiel hinausgeht. Es ist eine Atmosphäre des permanenten Ausbruchs. Sade nutzt diesen Wahnsinn als Leinwand für seine radikale Philosophie, während die Anstaltsleitung (vertreten durch Coulmier) ständig versucht, diese ekstatischen Momente zu zensieren und zu glätten.
Peter Weiss lässt Marquis de Sade im Jahr 1808 im "Irrenhaus/Nervenklinik/Hospiz/totale Institution" von Charenton ein Stück über die Ermordung des Revolutionärs Jean Paul Marat (1793) inszenieren. Die Darsteller sind die Patienten der Anstalt. Das erzeugt eine ständige Spannung – man weiß nie, was zum Skript gehört und wann der echte Wahnsinn der Insassen durchbricht. Das Stück ist im Kern ein Streitgespräch zwischen zwei Extremen. Marat - als der politische Erlöser - ist der radikale Optimist der Tat. Er glaubt, dass man die Welt durch Veränderung der äußeren Umstände (Revolution, Gesetze, Gewalt) heilen kann. Er sitzt fast das ganze Stück über in einer Badewanne (wegen einer Hautkrankheit), was seine verletzliche, fast märtyrerhafte Position unterstreicht. Sade - als der radikale Individualist - hält Marats Bemühungen für naiv. Für Sade ist die Natur des Menschen grausam und unbezähmbar. Er glaubt nicht an gesellschaftlichen Fortschritt, sondern nur an die absolute Freiheit des Einzelnen – selbst wenn diese in die Selbstzerstörung oder Grausamkeit führt. Sade: „Marat diese Gefängnisse des Geistes sind viel schlimmer als die tiefsten steinernen Verliese Ich sage dir es gibt keine Gerechtigkeit nur die Natur ist gerecht und sie kennt kein Mitleid Die Natur zerstört alles was sie geschaffen hat und wir wenn wir zerstören tun nichts anderes als die Natur nachzuahmen“ Als Leser wird man in eine unangenehme Position gebracht. Man versteht Marats Idealismus, aber man sieht auch, dass seine Revolution in Blut badet. Auf der anderen Seite ist Sades Ehrlichkeit bestechend, aber seine totale Ich-Bezogenheit zutiefst verstörend. Peter Weiss liefert keine Lösung. Das Stück endet im Chaos. Die Patienten proben den Aufstand, die Grenze zwischen Spiel und Realität löst sich auf. Es ist eine Warnung davor, dass sowohl die reine politische Ideologie (Marat) als auch der reine Rückzug ins Private (Sade) in eine Sackgasse führen können, wenn sie den Bezug zur menschlichen Realität verlieren. Das Buch ist ein regelrechter Rausch aus Rhythmus, philosophischen Wortgefechten und ekstatischer Atmosphäre. Die Ekstase entsteht bei Weiss dadurch, dass die unterdrückten Insassen ihre Rollen mit einer Energie füllen, die über das bloße Schauspiel hinausgeht. Es ist eine Atmosphäre des permanenten Ausbruchs. Sade nutzt diesen Wahnsinn als Leinwand für seine radikale Philosophie, während die Anstaltsleitung (vertreten durch Coulmier) ständig versucht, diese ekstatischen Momente zu zensieren und zu glätten.
