8. Mai
Rating:5

Seine Herkunft selbst besser verstehen

Ich bin selbst ein Arbeiterkind ohne akademischen Abschluss. Wir sind fünf Kinder und keines von uns hat Abitur. Deshalb kann ich die Perspektive der Mutter in auch aus feministischer Perspektive sehr gut nachvollziehen. Während der Protagonist sich durch Bildung und Distanzierung emanzipieren konnte, blieb die Mutter in ihrer sozialen Rolle gefangen. Gerade deshalb empfinde ich den Protagonisten in seiner Erzählung der Vergangenheit teilweise als überheblich, auch wenn ich seine Beweggründe sehr gut verstehen kann. Das Buch hat mich sehr berührt und mir viel mehr über mich selbst beigebracht als jeder Selbstfindungsratgeber, der aktuell auf dem Markt ist, es jemals könnte.

Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reimsby Didier EribonSuhrkamp
13. Juli
Rating:5

"Die Spuren dessen, was man in der Kindheit gewesen ist, wie man sozialisiert wurde, wirken im Erwachsenenalter fort, selbst wenn die Lebensumstände nun ganz andere sind und man glaubt, mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Deshalb bedeutet die Rückkehr in ein Herkunftsmilieu, aus dem man hervor- und von dem man fortgegangen ist, immer auch eine Umkehr, eine Rückbesinnung, ein Wiedersehen mit einem ebenso konservierten wie negierten Selbst." Eribon schreibt hier über Klassenbewusstsein. Über sozialen Aufstieg und das damit verbundene Verleugnen der eigenen Klassenzugehörigkeit. Über die Abscheu, die er seit seiner Kindheit seiner Klasse gegenüber empfunden hat und über die Romantisierung des Proletariats. Dieses Buch ist eine verschriftliche Konfrontation mit der eigenen Herkunft und der Flucht aus ihnen. Eribon ist aber nicht nur Autobiograph, er ist viel mehr noch ein bewundernswerter Soziologe, der soziale Zusammenhänge und Mechanismen prägnant aufzeigt und hinterfragt. Sich selbst hinterfragt er dabei am meisten.

Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reimsby Didier EribonSuhrkamp
15. Mai
Rating:3

Didier Eribon hat mit diesem Buch in Deutschland etwas ausgelöst, das längst überfällig war: das Sprechen über Scham und Diskriminierungserfahrungen aufgrund des sozialen Status. Die Art und Weise wie er die Scham beschreibt hat bei mir Gänsehaut ausgelöst und meine eigene Biografie vor mir abspulen lassen. Hierfür bekommt dieses Buch die drei Sterne. Die letzten Kapitel lesen sich allerdings wie Eribons Good Reads Profil und wirken etwas geschwollen. Außerdem zieht eribon meiner Meinung nach einen Fehlschluss, zu behaupten dass der Erfolg von rechten Parteien in Frankreich/Europa durch das Vergessen der armen Leute durch die Politik ist. Der Erfolg von rechten Parteien ist vor allem dadurch zu erklären, dass rassistische Erklärungsmuster in Mehrheitlich weißen Ländern Anschlussfähig sind. Menschen wählen rassistische Parteien, weil sie rassistisch sind. Auch wenn sie von sich jahrelang das Gegenteil behaupten. Es ist keine Überraschung, dass ausgerechnet Sahra Wagenknecht sich bei ihren absurden Reden gegen Identitätspolitik immer wieder auf Eribon bezieht und fordert, dass die "wahren Benachteiligten" nicht vergessen werden sollen.

Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reimsby Didier EribonSuhrkamp
9. Apr.
Rating:5

Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine »Distinktion«, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst und die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu den anderen – den »bildungsfernen« oder »unteren« Schichten etwa. Wie oft konnte ich in meinem späteren Leben als »kultivierte Person« die Selbstzufriedenheit besichtigen, die Ausstellungen, Konzerte und Opern vielen ihrer Besuchern bereiten. Dieses Überlegenheitsgefühl, das aus ihrem ewigen diskreten Lächeln ebenso spricht wie aus ihrer Körperhaltung, dem kennerhaften Jargon, dem ostentativen Wohlgefühl … In all diesen Dingen kommt die soziale Freude darüber zum Ausdruck, den kulturellen Konventionen zu entsprechen und zum privilegierten Kreis derer zu gehören, die sich darin gefallen, dass sie mit »Hochkultur« etwas anfangen können. Dieses Gehabe hat mich seit je eingeschüchtert, und doch tat ich alles dafür, so zu werden wie diese Leute, in kulturellen Kontexten dieselbe Lockerheit an den Tag zu legen und den Eindruck zu vermitteln, ich sei ebenfalls so geboren worden. Wenn die überlebende oder wiederhergestellte Bedeutung des »Wir« sich dermaßen gewandelt hat, dass nun nicht länger die »Arbeiter« den »Bourgeois« gegenüberstehen, sondern die »Franzosen« den »Ausländern«? Oder genauer: Wenn der Gegensatz zwischen »uns hier unten« und »denen da oben«, in den sich der zwischen Arbeitern und Bourgeois verwandelt hat (was schon nicht mehr dasselbe ist und jeweils unterschiedliche politische Schlussfolgerungen impliziert), plötzlich eine nationale und ethnische Komponente bekommt, weil »die da oben« als Befürworter einer Immigration wahrgenommen werden, deren Folgen »die da unten« angeblich jeden Tag zu ertragen haben, einer Einwanderung, die plötzlich für alle möglichen Übel verantwortlich gemacht wird? Die entfremdete Weltanschauung (den Ausländern die Schuld geben) verdrängt den politischen Begriff (gegen die Herrschaft ankämpfen). Ich entschied mich also für Bildung und »Kultur« und gegen den Männlichkeitskult der unteren Schichten.

Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reimsby Didier EribonSuhrkamp
19. März
Rating:5

Stellt euch die Klassenfrage!

„Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.” „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon hat mich tief bewegt und mir zahlreiche Aha-Momente beschert. Das Buch verdeutlicht eindrucksvoll, wie Klassenzugehörigkeit als Diskriminierungserfahrung unser Leben prägt. Insgesamt ist Rückkehr nach Reims ein kraftvolles Werk, das die Komplexität von Identität, Scham und sozialer Mobilität beleuchtet. Es hat mir neue Perspektiven eröffnet und mich dazu angeregt, über meine eigenen Erfahrungen und Vorurteile nachzudenken. Ein absolut empfehlenswertes Buch und ein weiteres Jahreshighlight für mich.

Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reimsby Didier EribonSuhrkamp
3. Dez.
Rating:3

Inhaltlich absolut stark, aber teilweise sehr anstrengend zu lesen.

Sehr bewegende autobiografische Geschichte mit interessanten Einblicken in vielseitige Bereiche des Lebens von Eribon: Zum einen bekommt man einen guten Eindruck über das Leben der französisch kommunistischen Arbeiterklasse (und der Wandlung nach rechts im späteren Verlauf). Außerdem erzählt Eribon über seine Erlebnisse in der Schwulenszene im Untergrund und beleuchtet seine inneren Zerrissenheit durch die größtenteils harte gesellschaftliche Ablehnung. Ich hatte manchmal Probleme mit dem Schreibstil. Erst fließt der Lesefluss so dahin und man ist total drin. Dann folgen seitenweise unglaublich lange und kompliziert geschriebene Sätze, übermäßig gespickt mit hochtrabenden intellektuellen Fachwörtern durch die der Lesefluss arg ins stocken kommt. Manche Dinge sind kompliziert und man kann sie nicht einfach beschreiben, für dieses Buch gilt dies in meinen Augen allerdings nicht. Es handelt sich um einen unnötigen intellektuellen Stempel und hätte auch einfacher formuliert werden können.

Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reimsby Didier EribonSuhrkamp
27. Juli
Rating:3

Didier Eribon berichtet über sein Aufwachsen in Reims, über seine problematische Beziehung zu seinen Eltern, seine Homosexualität und seine Zeit als Philosophiestudent und später Professor in Reims und Paris. — Ich fands irgendwie anstrengend. Und großteils zu sachlich, zu analytisch und hochtrabend. Auch die Kapitel in denen viel von Sartre und Foucault erzählt wird, sind eigentlich schwerlich interessant zu finden, wenn man nichts über Sartre und Foucault weiß. Vielleicht spannend für Philosophie Studis. Eribon ist ein enorm belesener Mensch („wie ein Besessener“ sagt er selbst) und das ist auf der einen Seite ganz wunderbar und beeindruckend und ich habe einiges gelernt, auf der anderen Seite ist Rückkehr nach Reims so voller Referenzen und Bezüge und Verbindungen und wenn man diese nicht versteht, wird’s zäh. Ich mochte aber die soziologischen Kapitel und auch die, die einfach aus seinem Leben und Alltag berichten. Ich habe mich (und mein Umfeld) in vielen Sätzen wieder erkannt. Ganz zum Schluss wurde dann aber ganz überraschend ein Schuh draus, denn der Epilog war klasse. Und erklärte mir nun endlich warum Eribon diesen stark analytischen Rahmen gewählt hat: „Ich wusste dass ein solches Projekt - von der „Rückkehr“ schreiben - nur durch die Vermittlung, ich sollte sagen durch den Filter, kultureller, das heißt literarischer, theoretischer und politischer Referenzen gelingen konnte. Sie helfen dabei, das zu formulieren und zu denken, was man auszudrücken sucht, vor allem aber gestatten sie, die emotionale Aufladung zu neutralisieren, die sicher zu stark wäre, würde man sich der Realität ohne einen solchen Schirm aussetzen.“ Ich hätte zwar sehr gerne diese andere emotionsgeladene Version ohne Schirm gelesen, war aber sehr dankbar für diese Erklärung. Es ist ein mutiges Buch und man kann sicherlich viel daraus ziehen, man sollte nur ein wenig wissen was einen erwartet.

Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reimsby Didier EribonSuhrkamp