7. Jan.
Rating:5

Interessante Annahme der Evolution und Kultur als Zusammenspiel.

Die Autoren lesen die Bibel nicht primär als religiösen Text, sondern als ein Dokument, das kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen der Menschheit widerspiegelt, ähnlich einer Art „Chronik“ menschlicher Evolution. Sie beschreiben die Evolution und Kultur als Zusammenspiel. Wer sich für die wissenschaftlich Erforschung der Bibel interessiert, ist mit dem Buch gut beraten. Die Autoren beschreiben hier Aspekte, deren Sichtweise viele sicher noch nie angenommen haben. Allerdings habe ich einen Kritikpunkt: Die Wortwahl lässt manchmal vermuten, dass die Autoren die Geschehnisse der Bibel und deren Inhalte widerlegen wollen. Ihre Interpretationen sind glaubhaft, aber wie das mit den Theorien so ist, es gibt oft viele. Ich habe versucht, das anders zu sehen, fiel aber bei der Wahl der Worte oft nicht leicht. Trotzdem empfehlenswertes Buch. Wer glaubt, glaubt trotzdem und das eine sxhließt das andere ja nicht aus. Man sollte alle Bücher zu dieser Thematik als Annahme sehen. Deshalb die Empfehlung des Buches "und der Dornbusch brannte doch", da hier mit Respekt an die Geschehnisse herangegangen wird.

Das Tagebuch der Menschheit
Das Tagebuch der Menschheitby Carel van SchaikROWOHLT Taschenbuch
21. Dez.
Rating:5

Dieses Buch ist aktuell in aller Munde und immer wieder begegnen mir Rezensionen dazu. Schon vor Erscheinen hatte ich mich in der Onleihe auf die Warteliste gesetzt. Ja, es gab tatsächlich eine Warteliste, so gross war der Run auf diesen Titel. Hat sich das Warten gelohnt? Ja, das hat es. Hält das Buch, was es verspricht? Ja, das tut es. Anthropologie ist die Lehre bzw. die Wissenschaft vom Menschen und die beiden Autoren lesen die Bibel aus anthropologischer Sicht. Schon früher ist ihnen aufgefallen, dass an manchen Bibelstellen etwas nicht passt oder etwas nicht aufgeht und beide fragten sich, woran das liegen könnte. Ihre Forschung, die sie fünf Jahre lang betrieben haben, hat die Antwort darauf: Die Bibel ist ein Tagebuch der Menschheit und zeigt wie kein anderes Buch die Evolution unserer Gesellschaft vom Sesshaftwerden bis zur heutigen Gesellschaftsstruktur. Zu Beginn des Buches erklären Carel van Schaik (Evolutionsbiologe) und Kai Michel (Historiker), wie sie mit den jeweiligen Texten arbeiten. Dies machen sie sehr bildlich, sodass der Leser die Gedankengänge der Autoren direkt nachvollziehen kann. Und was die Autoren zu Tage fördern ist spannend, aufschlussreich und absolut bemerkenswert. „Das Tagebuch der Menschheit“ hat bei mir ein Aha-Erlebnis nach dem anderen ausgelöst. Viele Stellen der Bibel sind widersprüchlich, dies ist auch mir bei meiner Lektüre aufgefallen. Manche Geschichten sind wirr und an manchen Stellen konnte ich nur den Kopf schütteln. Doch nun kommen van Schaik und Michel und erklären, dass jede Geschichte ihren Daseinszweck hat. Dabei betrachten van Schaik und Michel die Bibel hier tatsächlich als eine Art Tagebuch und lösen die Heilige Schrift erst einmal von der Kirche. Dennoch betonen beide, dass man keine religiösen Gefühle verletzen möchte und das tun sie auch nicht. Gläubige werden durch die Lektüre in ihrem Glauben bestärkt (der Gott Israels ist ein starker Gott, der eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen hingelegt hat), aber auch für Atheisten und Agnostiker interessant ist. Denn die Geschichte des Menschen ist unabdingbar in derjenigen der Bibel verwurzelt. Die Lektüre öffnet die Augen für unsere eigene Geschichte. Wir erfahren, wer wir mal waren, wer wir sind und vielleicht, wohin wir gehen. „Das Tagebuch der Menschheit“ ist ein aussergewöhnliches Buch, dem ich viele Leser wünsche. Mir persönlich wurden viele Fragen beantwortet. Manche sogar, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. Mir ist nun einiges klarer. Was die Bibel betrifft, aber auch bezüglich des Menschen selber. Nun kann ich verstehen, weshalb manche gesellschaftlichen Konstruktionen nicht funktionieren können, wie es dazu kam, dass wir in einem patriarchalischen System leb(t)en und warum der alttestamentliche Gott sich so verhält, wie er es eben tut. „Das Tagebuch der Menschheit“ erklärt nicht nur die Bibel, sondern auch den Menschen. Denn beide gehören zusammen. Ohne das Heilige Buch wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Und das sage ich als überzeuge Agnostikerin. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass viele Aussagen über das Leben vor der Sesshaftwerdung nicht belegt sind und auch, dass die Quellenangaben sehr, sehr schlicht gehalten sind. Einiges hätte ich gerne noch selbst nachgelesen, aber die Angaben machen das echt schwer. Hier verlieren die Autoren ein klein wenig an Glaubwürdigkeit. Dennoch ändert sich für mich dadurch nichts am Wow-Effekt dieses Buches.

Das Tagebuch der Menschheit
Das Tagebuch der Menschheitby Carel van SchaikROWOHLT Taschenbuch