
Schlüpft in euer Wams und legt die Armbrust bereit: 600 Seiten Loytz-Dynastie – Der historische Bruderkrieg um den Erhalt eines der mächtigsten Handelshäuser jener Zeit
Nach dem maritimen Hochgenuss von „Die Herren der See“ war klar: Axel S. Meyer hat ein Abo auf mein Bücherregal. Und so lag er prompt da, der nächste Kandidat für lange Nächte: „Das Handelshaus“. Ein ziemlicher Brocken mit seinen 600 Seiten, der schon beim Anblick signalisiert: Hier wird nicht gehetzt, hier wird historisch fundiert gelitten. Wir begeben uns nach Stettin, an der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert, wo die Loytz-Dynastie, die "Fugger des Nordens", den Handel beherrscht und sich das Leben anfühlt wie eine Mischung aus "Die Werwölfe vom Düsterwald" und "Die Buddenbrooks". Im Zentrum des Dramas: die Loytz-Brüder Michael, Stephan und Simon. Jeder von ihnen ist ein Unikat, das man gerne mal auf eine Therapie-Couch schicken würde. Als der strenge Patriarch auf überraschend grausame Weise ablebt, schlägt die Stunde des Ältesten: Michael. Er schnappt sich die Rolle des Regierers, des „CEO“, und führt das Unternehmen mit jener Härte, die der Vater den Jungs jahrelang eingebläut hat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Brüder sich entzweien. Stephan, der zurückkehrt von einer Bildungsreise nach Italien, findet seinen kleinen Bruder, von der Familie verstoßen, stets auf der Suche nach dem nächsten Branntwein-Rausch, in einer düsteren Hafenspelunke vor und macht es sich zur Aufgabe, ihn zu resozialisieren um fortan gemeinsam die Strippen im Handelshaus zu ziehen. Der folgende Kampf hat alles: Einfluss, Intrigen und natürlich Leni. Eine Frau, die, völlig unabsichtlich und aus verschiedensten Gründen im Kopf eines jeden der drei Brüder herumgeistert. Der Plot verspricht Rasanz verliert jedoch sehr schnell an Tempo. Die Geschichte um die Brüder und Leni ist wahnsinnig spannend angelegt, wirkt aber streckenweise etwas zu geschickt konstruiert. Man hat das Gefühl, Meyer hat hier und da ein paar Extra-Handlungsstränge eingewebt - wenn nicht gar konstruiert - was ab und an deutlich Tempo kostet. Aber - und das ist das große ABER, welches aus meiner Sicht dennoch die 4 Sterne rechtfertigt - Meyer ist ein genialer Reiseführer in die Vergangenheit. Er schafft es, das Leben zu jener Zeit so detailgetreu auszuleuchten, dass man beim Lesen fast automatisch die Nase rümpft, weil man sich in das geschäftige, aber hygienisch herausfordernde, Stettin versetzt fühlt und die von nassem, salzigen Heringsduft geschwängerte Luft der Hafengassen förmlich in das eigene Riechorgan wabert. Man lernt unheimlich viel über die soziokulturellen Gepflogenheiten (verabredete Heirat, Umgang mit Kranken, Ständegesellschaft, Hexenwahn) und bekommt einen Einblick, wie der Handel in der Hanse funktionierte – und welche Schwierigkeiten das Leben ohne fließend Wasser und Google Maps so mit sich brachte. Das ist mehr als nur Kulisse - das ist der wahre Hauptdarsteller des Buches! Fazit: „Das Handelshaus“ ist sicher nicht geeignet für Leser die nach einem adrenalingefütterten Pageturner suchen aber es ist das perfekte Buch für alle, die einen Roman auch gern Mal als detailreiche Geschichtsstunde sehen. Lasst euch von sprachlichen Bildern in eine Ära der Kleinstaaterei entführen, in der Rivalitäten noch mit Armbrust und Faustrohr und nicht nur per Insta-Reel ausgetragen wurden. Die letzten 100 Seiten entschädigen dann übrigens mit einem Spannungsfeuerwerk, das man ohnehin nicht mehr weglegen mag.


