Die unschöne Wahrheit hinter dem American Dream
Manhattan Transfer von John Dos Passos kann als ein Pionierwerk des Großstadtromans betrachtet werden. Der Autor widmet sich der Zeit zwischen etwa 1890 und 1920 und nutzt eine Vielzahl von Figuren in einer episodischen Erzählweise, um das Streben nach Geld, Ruhm und sozialem Status darzustellen. Ganz im Sinne des American Dream, und ähnlich wie in der Realität, entstehen dabei deutliche Klassenunterschiede. Der Weg dorthin führt häufig zu Entfremdung, Einsamkeit und sozialem Scheitern, kann aber ebenso in den erhofften Erfolg und dessen Begleiterscheinungen münden. Oftmals tritt jedoch ersteres ein. Dos Passos gelingt es, ein eindrückliches Porträt von New York City zu zeichnen; es entsteht ein vielschichtiges Panorama dieser Metropole. Gleichzeitig übt der Roman präzise Gesellschaftskritik: Die Stadt wirkt als System, das Individualität unter Druck setzt und teilweise zerstört. Auch die Kritik an Konsumgesellschaft und Kapitalismus wird deutlich herausgearbeitet. Leider ist mir persönlich der Zugang zu diesem Werk nicht gelungen. Die Handlung sowie die Figuren wirken oft substituierbar und emotional distanziert. Der stark fragmentarische, nahezu montageartige Erzählstil erschwert zusätzlich ein flüssiges Leseerlebnis. Es fiel mir schwer, eine Bindung zu den zahlreichen Charakteren aufzubauen, die zudem häufig eher oberflächlich dargestellt erscheinen. In Gänze lässt sich das Buch primär als Geschichtensammlung verstehen und weniger als klassischer Roman. Insgesamt erkenne ich die literarische Bedeutung des Romans und seine besondere Erzählstruktur an, die den Fokus bewusst von einzelnen Figuren auf ein Gesamtbild der Großstadt und ihrer gesellschaftlichen Dynamiken verschiebt. Mit all seinen gesellschaftskritischen Nuancen und dem eingefangenen Zeitgeist ist das Werk zweifellos bemerkenswert. Auf einer unterhaltenden und zugänglichen Ebene konnte mich Manhattan Transfer jedoch nicht überzeugen. Möglicherweise können Leserinnen und Leser mit einer besonderen Affinität zu New York oder zur dargestellten Epoche dem Roman mehr abgewinnen.



