Sprachlich ein echtes Vergnügen, bis der Roman irgendwann aufhört, sich selbst ernst zu nehmen.
Märchenprinz sucht Bodenhaftung und verliert sie selbst. Es gibt Bücher, die sich anfühlen wie ein Glas Wasser, in das jemand heimlich Chili geschüttet hat. „Oberkante Unterlippe” ist so ein Buch. Man trinkt, staunt, lacht und dann brennt es plötzlich an einer Stelle, wo es eigentlich nicht brennen sollte. Ich habe es an einem dieser Abende zu Ende gelesen, an denen man eigentlich schlafen müsste, es aber irgendwie nicht schafft. Kurz nach Mitternacht, Tee auf dem Nachttisch, Stille. Genau die richtige Atmosphäre für einen Mann namens Jannek Blume, der tagsüber den Märchenprinzen spielt und nachts gegen Jugendämter, Familiengerichte und seine eigene Unordnung kämpft. Stefan Schwarz schreibt so, als hätte Sprache keine Kaloriengrenze. Jede zweite Seite sitzt eine Metapher, die so präzise ist, dass man kurz aufhört zu atmen. Die Szenen vor dem Familiengericht, dieser bürokratische Irrsinn, diese höflich verpackte Grausamkeit, sind erschreckend lebensecht beobachtet. Und Timmi, der Sohn, ist das Gegenteil von allem, was uns Werbespots über Kinder erzählen. Er ist laut, schwierig, echt. Die elterliche Überforderung, die Schwarz hier zeichnet, hat mich mehr bewegt als jede sentimentale Vaterszene es je könnte. Man merkt, dass hier jemand tief in dieses Milieu hineingehört hat, in diesen sozialen Graben zwischen Ost-Berliner Prekarität und Hamburger Großbürgertum, der die Ehe von Jannek und Larissa von Anfang an unterspült hat. Timmi war nicht die Ursache der Trennung, er war der Riss, durch den das Wasser lief. Auch Janneks innerer Widerspruch hat mich gehalten, der Mann, der im echten Leben auf Bühnen den Märchenprinzen mimt, kämpft sich durch Jugendamtsgespräche, Gerichtstermine und das Zusammenleben mit einem Kind, Das hat mich ehrlich berührt, weil es sich nicht nach konstruiertem Konflikt angefühlt hat, sondern nach etwas, das jemand aus dem echten Leben kennt. Und dann kommt Fidel Castro. Nein, ich schreibe das nicht als Witz. Irgendwo im letzten Drittel stolpert Jannek über seine Herkunft und über eine Enthüllung, die den gesamten bis dahin aufgebauten Ton des Buches mit einem einzigen Satz aus dem Fenster wirft. Was vorher dreckig-realistisch war, kippt ins Groteske. Ich hab kurz zurückgeblättert, um sicherzugehen, dass ich nicht irgendwo abgedriftet bin. Hatte ich nicht. Der Roman hatte mich bis dahin wirklich bei der Hand und lässt sie dann einfach los, mitten auf der Straße. Die Idee, dass Janneks Vater ausgerechnet Fidel Castro ist, fühlt sich nicht nach einer mutigen Wendung an, sondern nach einem Einfall, dem niemand mehr „warte mal kurz” gesagt hat. Der Boden, den der Roman sich über 200 Seiten erarbeitet hat, dieser bissig-realistische Unterton, ist danach einfach weg. Das Ende macht es nicht besser. Ein Brief löst alles. Ich hab das Buch zugeklappt und dachte, „Das war’s?“. Gerade weil Schwarz vorher so viel Mühe darauf verwendet hat, wie verfahren, wie zermürbend, wie kafkaesk so ein Sorgerechtsstreit sein kann und dann räumt ein Stück Papier das alles in fünf Seiten weg. Das hat sich billig angefühlt. Ein „Deus Ex Machina”, der genauso märchenhaft ist wie Janneks Bühnenrolle, nur dass das hier kein Kostüm ist, sondern das Ende des Buches. Hinzu kommt eine gewisse Witz-Erschöpfung. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Schwarz die Emotion bewusst abbricht, kurz bevor sie zu tief gehen könnte, als würde er lieber sicher lachen als riskant fühlen. Doch nach einer Weile fragt man sich unweigerlich, ob hinter all den Pointen noch jemand sitzt, den man wirklich kennenlernen will. „Oberkante Unterlippe” ist ein Buch, das im Sprint brilliert und im Ziel stolpert. Stefan Schwarz kann schreiben, dass ist das Ärgerlichste an diesem Buch. Wer nur für die Sprache liest, wird glücklich. Wer wissen will, wie die Geschichte ausgeht, wird das Gefühl nicht loswerden, dass der Autor irgendwann selbst keine Lust mehr hatte, sie zu Ende zu erzählen.


