
Der mächtige Hardcover-Monolith mit tiefschwarzem Schutzumschlag, den ein brüchiges Ei ziert, ist ausgelesen. 730 Seiten Einblicke in das Amerika der Bush-Ära nach dem 11. September. Ich erlebe 30 Jahre von Patty und Walter Berglund. Wie sie ihr Leben beginnen, sich an der Uni kennenlernen, gemeinsam eine Familie gründen, sich trennen und wieder zusammenfinden. Wie ihre Herkunft ihr Aufwachsen prägt, es aber auch durchaus Phasen in ihrem Leben gibt, die nicht dazu passen. Wie zwei Menschen zueinander finden, Chancen verbunden aus Angst vor Risiko, wie sie dann doch mutig sind und sich den Konsequenzen aussetzen. Wie im echten Leben auch. Selten hat mir ein:e Autor:in ganz normale Menschen so nachvollziehbar in ihrem (widersprüchlichen) Handeln, Fühlen und Denken präsentiert. Die Figuren sind sehr vielschichtig und facettenreich, dadurch wirken sie sehr lebendig. Doch es ist kein warmherziger Ton, stets ist da eine ironische Note, ähnlich wie in der beißenden Gesellschaftssatire der 80er "Fegefeuer der Eitelkeiten". Dadurch erzeugt Franzen bei mir einen emotionalen Abstand zu den Protagonisten, die das Buch lang werden lassen, weil ich nicht hineingezogen werde. Statt mit ihnen mitzuleiden und ihnen durch ihre Höhen und Tiefen zu folgen, bin ich nur Beobachterin des Lebens einer modernen amerikanischen, liberalen Mittelschichtsfamilie. Das hätte ich gerne entweder knapper oder mitreißender haben können. Der Roman zeichnet ein komplexes Sittenbild von Amerika, aber die Wartejahre im Bücherregal sind "Freiheit" nicht gut bekommen. Die Bezüge zu den politischen und gesellschaftlichen Themen der Nullerjahre sind durch die Geschichte mittlerweile überholt worden. "Ach ja, stimmt, das war damals ein großes Thema", kommt mir oft beim Lesen in den Sinn. Die Zeiten haben sich geändert. Das hat der Geschichte den Wind aus den Segeln genommen.


