Wann enden Geschichten wirklich? -
"Der ideale Leser dieses Romans muss Fan des Autors sein." So lautete die Empfehlung der Süddeutschen Zeitung am 15.11.2009. Ist dieser kurze Roman von Paul Auster also ein Nischenprodukt? Ja und nein. Denn ein wenig mag man sich beim Lesen an das bekannte (unvollendete) Gemälde von Robert Williams Buss erinnern. In "Dicken's Dream" sitzt der berühmte Romancier zusammengesunken in seinem Arbeitszimmer, umgeben von den vielen bekannten Figuren der zahlreichen Geschichten. Auch in dem Roman von Paul Auster begegnen wir Romanfiguren seiner früheren Werke. Aber ganz ehrlich, auch ohne jegliche Vorkenntnisse kommt man ganz gut voran. Worum geht es also dann und warum steht da ein Pferd im Raum bzw auf dem Cover? Wir begegnen dem älteren und vulnerablen Mr. Blank in einem klinisch-abgedunkelten Raum. Ist er in einem Krankenhaus? Befindet er sich im Gefängnis? Oder wird der hilflose Protagonist gar illegal festgehalten? - Wir wissen es nicht. Aber schon auf Seite 10 erfahren wir, dass der Protagonist auf einem außergewöhnlich bequemen Stuhl sitzt: "Das Schaukeln wirkt beruhigend auf ihn, und während Mr. Blank sich dem angenehmen Schwingen hingibt, kommen ihm Erinnerungen an das Schaukelpferd in seinem Zimmer, als er ein kleiner Junge war, und von neuem durchlebt er einige Phantasiereisen, die er auf diesem Pferd zu unternehmen pflegte, dessen Name Witney war und das für den jungen Mr. Blank kein weiß angemaltes Stück Holz, sondern ein Lebewesen, ein echtes Pferd gewesen war." Somit hätten wir die Frage nach dem Gaul geklärt. Ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem löchrigen und unzuverlässigen Gehirn des Protagonisten die Fakten zu sichten und eine Lösung für die Ausgangslage zu finden. Und so wenden wir uns dem Stapel von Papier, den Schwarzweißportraits von "Männern und Frauen verschiedener Hautfarben und Lebensalter." Dann gibt es noch ein Romanfragment zu lesen. Und schließlich erhält Mr. Blank noch dreimal Besuch - aber Moment mal: erinnert das nicht auch an Dickens? Genauer gesagt, an Mr. Scrooge, der in der Weihnachtsgeschichte von drei Geistern heimgesucht wird. Hat Mr. Blank etwa auch Dreck am Stecken? "Bilder lügen nicht, erzählen aber auch nicht die ganze Geschichte." - Zitat, Seite 171 Dieses Gedankenexperiment von Paul Auster klingt erst einmal unglaublich spannend. Leider ist die Umsetzung sehr abstrakt und weniger überzeugend. Es mangelt an der Darstellung emotionaler Tiefe, welche dem beschriebenen Setting entspricht. Gefühle wie Angst und Schuld werden zwar thematisiert, aber man bleibt auf Distanz. Unerträglich ist auch der Male Gaze, der in den zwei einzigen Szenen des Romans, in denen Frauen vorkommen zum Tragen kommt. Der Patient kommt in einer Situation mit der Pflegerin überein, dass er für jede eingeworfene Pille die Brüste der Frau berühren darf. Vielleicht darf man noch froh sein, dass sie dabei ihren BH anbehalten und nur die Bluse ablegen muss *Ironie aus*, aber dass der Mann sich dann noch an dem "freudigen Gesicht" der Dame aufgeilt, war eindeutig zu viel des Guten - wer will denn so was lesen?! Am Ende darf Mr. Blank dann doch noch einen ganzen Roman lesen - und wie lautet da wohl der Titel? FAZIT Trotz der Schwächen des Romans bleibt am Ende doch die Faszination für die Gedankenspiele des Romans. Und auch wenn der Text eher emotionslos erscheint, steht hier klar ein "Pferd im Raum" und dies ist die Angst eines Schriftstellers vor der Aphasie. Sprachlosigkeit ist ein Thema, aber auch das Weitergeben von Geschichten spielt eine zentrale Rolle im Text. Menschen erzählen Geschichten. Bilder erzählen Geschichten. Bücher erzählen Geschichten. Was ist, wenn die Erzählenden nicht mehr existieren? Was ist, wenn die Lesenden das Gelesene nicht mehr erfassen können? Wann endet eine Geschichte? Eine Leseempfehlung.



