16. Mai
Rating:3

Wann enden Geschichten wirklich? -

"Der ideale Leser dieses Romans muss Fan des Autors sein." So lautete die Empfehlung der Süddeutschen Zeitung am 15.11.2009. Ist dieser kurze Roman von Paul Auster also ein Nischenprodukt? Ja und nein. Denn ein wenig mag man sich beim Lesen an das bekannte (unvollendete) Gemälde von Robert Williams Buss erinnern. In "Dicken's Dream" sitzt der berühmte Romancier zusammengesunken in seinem Arbeitszimmer, umgeben von den vielen bekannten Figuren der zahlreichen Geschichten. Auch in dem Roman von Paul Auster begegnen wir Romanfiguren seiner früheren Werke. Aber ganz ehrlich, auch ohne jegliche Vorkenntnisse kommt man ganz gut voran. Worum geht es also dann und warum steht da ein Pferd im Raum bzw auf dem Cover? Wir begegnen dem älteren und vulnerablen Mr. Blank in einem klinisch-abgedunkelten Raum. Ist er in einem Krankenhaus? Befindet er sich im Gefängnis? Oder wird der hilflose Protagonist gar illegal festgehalten? - Wir wissen es nicht. Aber schon auf Seite 10 erfahren wir, dass der Protagonist auf einem außergewöhnlich bequemen Stuhl sitzt: "Das Schaukeln wirkt beruhigend auf ihn, und während Mr. Blank sich dem angenehmen Schwingen hingibt, kommen ihm Erinnerungen an das Schaukelpferd in seinem Zimmer, als er ein kleiner Junge war, und von neuem durchlebt er einige Phantasiereisen, die er auf diesem Pferd zu unternehmen pflegte, dessen Name Witney war und das für den jungen Mr. Blank kein weiß angemaltes Stück Holz, sondern ein Lebewesen, ein echtes Pferd gewesen war." Somit hätten wir die Frage nach dem Gaul geklärt. Ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem löchrigen und unzuverlässigen Gehirn des Protagonisten die Fakten zu sichten und eine Lösung für die Ausgangslage zu finden. Und so wenden wir uns dem Stapel von Papier, den Schwarzweißportraits von "Männern und Frauen verschiedener Hautfarben und Lebensalter." Dann gibt es noch ein Romanfragment zu lesen. Und schließlich erhält Mr. Blank noch dreimal Besuch - aber Moment mal: erinnert das nicht auch an Dickens? Genauer gesagt, an Mr. Scrooge, der in der Weihnachtsgeschichte von drei Geistern heimgesucht wird. Hat Mr. Blank etwa auch Dreck am Stecken? "Bilder lügen nicht, erzählen aber auch nicht die ganze Geschichte." - Zitat, Seite 171 Dieses Gedankenexperiment von Paul Auster klingt erst einmal unglaublich spannend. Leider ist die Umsetzung sehr abstrakt und weniger überzeugend. Es mangelt an der Darstellung emotionaler Tiefe, welche dem beschriebenen Setting entspricht. Gefühle wie Angst und Schuld werden zwar thematisiert, aber man bleibt auf Distanz. Unerträglich ist auch der Male Gaze, der in den zwei einzigen Szenen des Romans, in denen Frauen vorkommen zum Tragen kommt. Der Patient kommt in einer Situation mit der Pflegerin überein, dass er für jede eingeworfene Pille die Brüste der Frau berühren darf. Vielleicht darf man noch froh sein, dass sie dabei ihren BH anbehalten und nur die Bluse ablegen muss *Ironie aus*, aber dass der Mann sich dann noch an dem "freudigen Gesicht" der Dame aufgeilt, war eindeutig zu viel des Guten - wer will denn so was lesen?! Am Ende darf Mr. Blank dann doch noch einen ganzen Roman lesen - und wie lautet da wohl der Titel? FAZIT Trotz der Schwächen des Romans bleibt am Ende doch die Faszination für die Gedankenspiele des Romans. Und auch wenn der Text eher emotionslos erscheint, steht hier klar ein "Pferd im Raum" und dies ist die Angst eines Schriftstellers vor der Aphasie. Sprachlosigkeit ist ein Thema, aber auch das Weitergeben von Geschichten spielt eine zentrale Rolle im Text. Menschen erzählen Geschichten. Bilder erzählen Geschichten. Bücher erzählen Geschichten. Was ist, wenn die Erzählenden nicht mehr existieren? Was ist, wenn die Lesenden das Gelesene nicht mehr erfassen können? Wann endet eine Geschichte? Eine Leseempfehlung.

Reisen im Skriptorium
Reisen im Skriptoriumby Paul AusterROWOHLT Taschenbuch
21. Dez.
Rating:4

Als ich letzte Woche in der Bibliothek war, fiel mir dieses Buch in die Hände. Es war bei den aussortierten Büchern, Kostenpunkt 1 CHF. Das ist wenig für ein kaum gelesenes Hardcover-Buch meines Lieblingsautoren. Gelesen wurde das gute Stück natürlich umgehend. Und wieder einmal beweist Paul Auster, dass er es schafft, Schriftsteller zum gefährlichsten Beruf der Welt zu machen. Wieder einmal tauchen wir ab in einer Geschichte innerhalb einer Geschichte und zumindest ich konnte nicht umhin, mir zusammenzureimen, was nun wie wo zusammenhängt. Doch das ist hier gar nicht so einfach. Wir haben zu wenige Anhaltspunkte, es könnte alles sein und nichts. Wer war/ist Mister Blank? Was hat es mit all diesen Menschen auf sich? Wieso ist er eingesperrt? Auster lässt viele Fragen offen, überlässt es der Fantasie des Lesers, passende Antworten zu finden. Genauso wie es Mister Blank überlassen wird, Grafs Geschichte zu beenden. Beim Lesen hoffte ich stets, dass noch ein paar mehr Geheimnisse gelüftet werden, doch insgeheim wusste ich, dass dem nicht so sein wird. Ich rätselte, fieberte, rechnete - nur um dann auf den letzten Seiten mit einem grossen Knall entlassen zu werden. Genau deshalb ist Paul Auster einer meiner Lieblingsautoren. Ich liebe diesen Stil. Es ist alles da, aber zusammenreimen muss man es sich selbst. Es gab jedoch ein paar kleine Punkte, die mir weniger gefielen, aber ich denke, Auster hat die ganz gewollt eingebaut. Sexualität im Alter ist ein Tabu-Thema, das der Autor hier geschickt einfädelt. Nur beim zweiten Mal war es in meinen Augen sexuelle Belästigung, was aber auch zur Figur von Mister Blank passt. Diese Szenen, in denen ich mich als Leser unwohl fühlte, haben also ihre Daseinsberechtigung. Dennoch interessiert es mich nicht, wie viel Stuhl Mister Blank aus seinem Anus drückt, das ist in meinen Augen auch für die Geschichte irrelevant.

Reisen im Skriptorium
Reisen im Skriptoriumby Paul AusterROWOHLT Taschenbuch
12. Sept.
Rating:4.5

Eine Geschichte, die Paul Auster seinem Schwiegervater gewidmet hat. Wie erlebt man die Welt, wenn man an Demenz leidet, alt und gebrechlich ist, man alles neu entdecken muss, obwohl man es doch kennt. Namen und Menschen nicht mehr zusammenbringt und ständig zweifelt. Eine Erzählung, die diese Aspekte mit einer Abenteuergeschichte verknüpft, und das obwohl wir den einen Raum nie verlassen.

Reisen im Skriptorium
Reisen im Skriptoriumby Paul AusterROWOHLT Taschenbuch
1. Juni
Rating:4

Ich liebe Paul Auster und habe schon ein paar Bücher von ihm gelesen. Allerdings empfehle ich jedem, der den Autor noch nicht kennt, nicht mit diesem Buch zu beginnen. Hier finden sich Charaktere aus seinen vorherigen Werken wieder und ohne sie zu kennen, wird man vermutlich diese sehr mysteriöse Geschichte nicht verstehen. Allen Fans von Auster kann ich "Reisen im Skriptorium" sehr ans Herz legen. Eine geniale Idee sehr gut umgesetzt.

Reisen im Skriptorium
Reisen im Skriptoriumby Paul AusterROWOHLT Taschenbuch