Schön und voller Erinnerungen
Wenn ein Deutscher Mitte der Siebziger (des 20. Jahrhunderts) geboren wurde, ist es für sein Leben entscheidend, ob er in Ost- oder in Westdeutschland geboren wurde. Wuchs er in der DDR auf, so endete seine Kindheit sehr plötzlich im Jahr 1989. Dieses plötzliche Ende, das Vakuum danach und das vielgestaltige Verhältnis zum Westen ist das Thema dieses Buches. Jana Hensel (geboren 1976 in Leipzig) beschreibt in diesem wichtigen Buch vorrangig nicht das Leben in der DDR, sondern die vielen Veränderungen, die der Mauerfall mit sich brachte. Dabei schwelgt sie nicht in Ostalgie und sie nimmt auch nicht den vermeintlich objektiven Standpunkt eines Historikers ein. Sie ist subjektiv, bleibt bei den Gefühlen und Unsicherheiten. Gerade das macht das Buch für mich so wertvoll. Ich erhalte einen Blick in das Leben von Menschen, mit denen ich vieles teile, deren Lebensweg aber so ganz anders ist. Sie beleuchtet ein Stück Geschichte aus der Sicht derjenigen, die die Geschichte getroffen hat. Beeindruckend!
Reread nach über 20 Jahren
Zonenkinder von Jana Hensel ist im Sommer 2004 erstmalig erschienen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern. Hatte ich doch gerade erfolgreich die elfte Klasse absolviert und besuchte meine Mutter und meinen Bruder regelmäßig im Krankenhaus. Bei einem dieser Besuche schenkte mir meiner Mutter dieses Buch. Es sollte mir helfen meine Identität zu finden. Schließlich hatte ich gerade nach 6 Jahren „Westschule“ mein erstes Jahr wieder in einer „Ostschule“ verbracht. Ich habe mich damals (zumindest erinnere ich mich so an dieses Buch zurück) total von diesem Buch verstanden gefühlt. Heute kann ich dem nicht mehr zustimmen. Die Protagonistin ist 10 Jahre älter als ich. Hat die DDR ganz anders erlebt. Hinzu kommt, ich bin im Sperrgebiet geboren. Etwas ganz anderes als in Sachsen. Den Osten kenne ich nur aus Urlauben bei Oma, aber nicht von zu Hause. Jugendweihe? Hab es bei uns nicht, da wurden alle konformiert. Jugendhaus? Gab es laut den Aussagen meines Vaters ebenso wenig. Genauso hat er immer gesagt, dass der ganze Jungpionier und FDJ Kram bei ihnen im Dorf nicht so gelebt wurden, wie bei meiner Mutter im Dorf und dem Rest der DDR. Ich bin also eh schon zwischen den Welten aufgewachsen. Aus dem Kinderzimmer immer den Blick in den Westen. 100, 200 Meter entfernt, zum greifen nahe. Mein Fazit im Re-Read nach 20 Jahren nach ET. Es hat mir eine neue Perspektive auf den Mauerfall gebracht. Ich konnte anders reflektieren. Dinge besser hinterfragen, wo ich mit meinen 16, 17 Jahren damals gar nicht in der Lage war.


