Von tiefer Liebe und schmerzlichem Verlust. Von Freundschaft und Halt. Von Vertrauen und dessen Missbrauch.
Vor gut zwanzig Jahren begegnete ich diesem Roman zum ersten Mal und er hinterließ einen bleibenden Eindruck. Die Intensität der Erzählung, ihre atmosphärische Dichte und die feine psychologische Zeichnung der Figuren übten eine geradezu verzaubernde Wirkung auf mich aus. Seither nahm das Werk in meiner persönlichen Lektüreliste einen festen Platz ein: als zeitloser Favorit. Nun habe ich es erneut zur Hand genommen, getragen von der leisen Spannung, ob es dem über die Jahre gewachsenen Anspruch noch standhalten könne, ob die Erinnerung trügt oder die einst empfundene Faszination sich auch im Wiederlesen behauptet. Doch bevor ich dieser Frage nachgehe, zunächst zum Inhalt: Im ersten Teil steht die im Jahr 1975 beginnende Freundschaft zweier New Yorker Familien im Mittelpunkt. Beide geprägt von intellektueller Neugier und künstlerischem Schaffen. Der zweite Teil schildert den tiefen Einschnitt, den der tragische Unfalltod eines elfjährigen Jungen verursacht, und wie dieser Verlust die Ehe eines der Paare unaufhaltsam zerbrechen lässt. Im dritten Abschnitt rückt schließlich der Sohn der anderen Familie ins Zentrum: eine zerrissene Figur, die durch Lügen, Diebstahl und Drogenkonsum geprägt ist, keine stabile Identität ausbildet, mit Geschlechterrollen spielt und sich in die Abhängigkeit eines selbstbezogenen Exzentrikers begibt, bis hin zur Verstrickung in ein Gewaltverbrechen. Der Roman rahmt diese Entwicklungen durch eine Rückschau im Jahr 2000, in der der Ich-Erzähler Leo Hertzberg, ein Kunsthistoriker, versucht zu begreifen, was aus ihm und seinen Freunden im Verlauf von fünfundzwanzig Jahren geworden ist. Bemerkenswert ist dabei, wie überzeugend Siri Hustvedt die männliche Perspektive gestaltet und Leo eine authentische Stimme verleiht. Zentrale Motive des Romans spiegeln sich auch in der Kunst wider, die innerhalb der Handlung entsteht: Ein Selbstporträt, das zugleich das Bild einer Frau ist und Andeutungen weiterer Figuren enthält, verweist auf Mehrdeutigkeit und verborgene Ebenen der Wahrnehmung. Themen wie Liebe und Begehren, Verlust und Entfremdung, Täuschung und Verrat, Identitätssuche und Einsamkeit durchziehen die Erzählung ebenso wie die Auseinandersetzung mit Kunst und einer spezifischen New Yorker Subkultur. Es erscheint folgerichtig, dass der Künstler Bill Wechsler dem Unsichtbaren im Sichtbaren nachspürt, während Leo Hertzberg, Verfasser einer Abhandlung über das Sehen in der abendländischen Malerei, zunehmend sein Augenlicht verliert. In dieser symbolischen Verschränkung von Wahrnehmung und Erkenntnis zeigt sich die gedankliche Tiefe des Romans. „Was ich liebte“ entfaltet sich als vielschichtiger Roman, der Elemente des Künstlerromans, der Familiengeschichte und des Thrillers kunstvoll miteinander verwebt. Mit großer Sensibilität und intellektueller Klarheit zeichnet Hustvedt die psychologische Entwicklung ihrer Figuren nach. Die Komposition des Werks lebt von Spiegelungen, subtilen Bezügen und einer stetigen dramaturgischen Verdichtung. Ihre Sprache bleibt dabei nüchtern und präzise, frei von Sentimentalität oder ironischen Überzeichnungen und gewinnt gerade dadurch an eindringlicher Kraft. Mein Resümee: Dieser Roman entfaltet eine solche Kraft, dass er selbst den Charakter eines Kunstwerks annimmt. Er ist nicht bloß Erzählung, sondern ein Gebilde von eindringlicher Intensität und formaler Schönheit. Bei der erneuten Lektüre trat für mich besonders ein Aspekt in den Vordergrund, der mich nachhaltig beschäftigte: die Darstellung von Kunst und ihre untrennbare Verflechtung mit dem Körperlichen. Die Art und Weise, wie künstlerisches Schaffen hier mit physischen Erfahrungen, Wahrnehmung und Verletzlichkeit verbunden wird, verleiht dem Text eine zusätzliche Tiefe, als würde sich das Ästhetische stets im Leiblichen spiegeln und dort seine eigentliche Resonanz finden.
Der Erzähler Leo lernt den Künstler Bill Wechsler kennen bevor dieser erfolgreich wird. Doch schon in den ersten Sekunden spürt Leo, dass Bill einer der seltenen Menschen ist, die wahre Größe haben. Zwischen Bill und Leo entsteht schnell eine Freundschaft, die das Leben beider verändern wird. Beide Männer heiraten, und werden kurz hintereinander Väter von jeweils einem Sohn. Die beiden Familien leben in New York zusammen, verbringen ihre Sommerurlaube miteinander und tauschen sich auch intensiv über ihre Arbeit aus. An einem Sommertag ereignet sich ein schreckliches Unglück, dass die Leben der Hauptfiguren nachhaltig verändern wird. Von der ersten Seite an ist das Buch packend. Der Autorin gelang es sofort mich in den Sog der Handlung zu ziehen. Die Atmospäre ist dicht, die Figuren sind spürbar und wirken absolut überzeugend. Im Zentrum des Buches stehen Freundschaft, Liebe und Verlust. Keine leichte Kost, aber ein ganz besonderes Buch.
Wow, was für ein intensiver, vielschichtiger Roman über Kunst, Freundschaft, Liebe und Verlust. Hustvedt schreibt eindringlich und mit großer Präzision. Besonders beeindruckend ist ihre Fähigkeit, die New Yorker Kunstszene mit all ihren Facetten lebendig werden zu lassen. Allerdings neigt sie zu einem sehr detailreichen Stil, der stellenweise etwas langatmig wirkt. Manche Passagen hätten gestrafft werden können, ohne dass die Tiefe der Geschichte verloren gegangen wäre. Dennoch ist „was ich liebte“ ein literarisches Kunstwerk, das sich mit den großen Fragen des Lebens auseinandersetzt. Wer anspruchsvolle Literatur schätzt und sich auf Hustvedts Erzählweise einlassen kann, wird reich belohnt.
New York, Künstlermilieu, 1975! 🤩
„Was ich liebte“ von Siri Hustvedt - dieser New-York-Roman hat sich leise, aber stetig, mit jeder Seite mehr in mein Herz geschlichen und hat nun einen festen Platz dort eingenommen. Wir schreiben das Jahr 1975 und Kunsthistoriker Leo Hertzberg blickt zurück auf die Lebensgeschichte zweier Paare im New Yorker Stadtteil SoHo, in denen er auch selbst eine Rolle spielt. Aber ist es nun eher ein Familiendrama oder vielmehr ein Pschothriller?! Wahrscheinlich ist die richtige Antwort: beides! Ein zentrales Element des Romans ist das Bild einer jungen Frau mit dem mysteriösen Titel „Selbstporträt“. Kunsthistoriker Leo entdeckt in einer der zahlreichen Galerien der Stadt ebendieses Gemälde des Malers William Wechsler. Eine enge Freundschaft verbindet den Theoretiker Leo und den Künstler Bill, sie ziehen sogar in das gleiche Haus, in dem sie die Erfahrungen von Heirat, Ehe, Vaterschaft und Trennung teilen. 25 Jahre erfahren wir Leo’s Sicht der Lebensgeschichten und Geschehnisse. Die eine Familie besteht aus dem charismatischen Künstler Bill und seine gefühlsarmen Frau Lucille, die andere aus Kunsthistoriker Leo und der Anglistin Erica. Beide Familien bekommen jeweils einen Sohn. Doch einer scheidet unverhofft aus dem Leben und der andere entwickelt sich mehr zu einem Monster, als zu einem jungen Mann - Hustvedt spricht von ihm als „Wechselbalg“. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht über den Inhalt des Buches verraten, um nicht den Clou vorwegzunehmen. Mit „Was ich liebte“ hat mich Siri Hustvedt nicht nur durch ihren schnörkellosen Schreibstil beeindruckt - sie hat ein wahres Talent, uns Leser*innen in die Geschichte zu integrieren, die Lebensnöte der Protagonisten wurden zu meinen eigenen Nöten. Es war mein erstes Werk der Autorin und ich liebte, dass es in New York spielte, dass es im Kunstmilieu spielte, hach so vieles.. Auf jeden Fall wundere ich mich über mich selbst, dass ich nicht zuvor schon einmal zu Siri Hustvedts Büchern gegriffen habe, denn dieses Buch war genau meins thematisch. Es hat totales Lieblingsbuchpotential! Ich lasse es noch etwas in mir arbeiten und spätestens Ende des Jahres erfahrt Ihr, ob ich’s in die Liste meiner All-Time-Favorites aufgenommen habe! Lest es - es ist soooo toll!
Am Anfang etwas schwierig reinzukommen und langwierig, ab der mitte aber sehr spannend, fesselnd und eine emotionale Achterbahnfahrt. Am Ende so nervenaufreibend, konnte es nicht mehr weglegen. Viel Kunstbezug. Hat mich noch lange beschäftigt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Ergreifende Geschichte über zwei Künstlerfamilien in SoHo, die sich durch‘s Leben kämpfen und teils schwere Schicksalsschläge erleiden müssen. Toller Schreibstil, der einen in einen wahren Lesefluss befördert!
Eigentlich muss ich noch meine Gedanken zu diesem Buch ordnen, andererseits werde ich wahrscheinlich hier nichts mehr schreiben, wenn ich es nicht jetzt mache. Leo blickt auf sein Leben zurück und erzählt die Geschichte zweier sehr eng verbundenen Familien, deren Mitglieder alle etwas mit Kunst zu tun haben. Das klingt jetzt irgendwie sehr simple, aber das Buch ist sehr vielschichtig, es werden sehr viele Themen angesprochen: Trauer, Tod, psychische Problemen, Liebe in allen ihren Formen. Ein ungewöhnliches Buch, das mich sicherlich noch länger begleiten wird.







