Diese Galeerenbankarbeit der Selbstdokumentation.
Ich halte daran fest wie an einem Ruder, das mich peinigt und vorwärts bringt. Ob in die richtige Richtung? Vielleicht interessiert mich gerade das. Kermode: "Wir alle schreiben unseren eigenen Roman." - Zitat, Seite 160 Als Tagebuchroman hat der Literatur- Nobelpreisträger von 2002, der ungarische Schriftsteller Imre Kertész (1929 - 2016), dieses Werk betitelt. Autobiographische Aufzeichnungen von 1961 bis 1991, in denen sich der Autor mit seiner Biografie, der Welt der großen Dichter und Denker (Kafka, Kant, Nietzsche, Camus, Freud, etc) mit existenziellen Fragen und schließlich natürlich auch mit dem Schreiben auseinandersetzt, sind Inhalt des Buches. "Sorstalanság" [Schicksalslosigkeit]: zwölf Buchstaben. Ein Zufall zwar, doch ein bezeichnender Zufall. - Zitat, Seite 38 Imre Kertész wird 1944 als 14jähriger nach Auschwitz deportiert und gibt sich im KZ als 16jähriger aus, um als Arbeitsfähiger zu überleben. 1945 wird er in Buchenwald befreit, doch erst nach Beendigung seines Militärdienstes in Ungarn, kann er sich daran machen, seine Erfahrungen schriftstellerisch zu verarbeiten. Wie wir aus den ersten Zeilen der Aufzeichnungen von 1961 entnehmen können, hatte der Autor vor einem Jahr an seinem Roman zu schreiben begonnen - das Ergebnis aber verworfen. Erst 1975 sollte "Sorstalanság" in Ungarn erscheinen, aber (zunächst) kaum Aufmerksamkeit erlangen. Die in den 1990ern erschienene deutsche Übersetzung von Christina Viragh "Roman eines Schicksallosen" zog die berechtigte Aufmerksamkeit auf sich; der Spiegel sprach sogar vom "literarischen Meisterwerk". Von dieser späteren Euphorie über das Werk eines Schriftstellers bekommen wir im vorliegenden Text noch keine Vorahnung - auch wenn uns das Schreiben durch seine sprachliche Dichte und der Kühnheit seiner Aussagen beeindruckt. Schreiben, um nicht als das zu erscheinen, was ich bin: ein Produkt von Determiniertheiten ["Determiniert" ist das Lieblingswort im Text], Strandgut von Zufällen, meiner biologischen Elektronik ausgeliefert, von meinem Charakter unangenehm überrascht... Die Aussage auf Seite 77 überrascht wenig: Imre Kertész schreibt gegen den Suizid an - er schreibt ums Überleben. FAZIT Ein Versehen legte das "Galeerentagebuch" in meine Hände. Denn eigentlich hatte ich ein anderes Buch bestellt und erwartet. Nach genauerer Betrachtung hat diese Lektüre aber wunderbar angeschlossen zu kürzlich Belesenem. Und es hat mich gefreut zu lesen, dass Imre Kertész seine Zeit als freier und gefeierter Schriftsteller zu Beginn dieses Jahrtausends genießen konnte. Ausgerechnet die Stadt Berlin hatte er sich zur Heimat auf Zeit gewählt, bis er schließlich aufgrund von Krankheit in nach Budapest zurückkehrte. Dieses Buch ist sicherlich für alle diejenigen von besonderem Interesse, die sich für das Schreiben begeistern und selbst diese Tätigkeit erwägen oder bereits ausführen. Aber auch als zeitgeschichtliches Dokument ist es teilweise von Interesse, hier ist insbesondere die "Dresden-Episode" von 1980 erwähnenswert, die mit nostalgischen Bildern aufräumt. Es ist jedoch von der Grundstimmung her ein sehr sehr schwerer Text, also wappnet eure Herzen. Eine Leseempfehlung.
