Jeder ist für alles verantwortlich
Das Blut der anderen ist der zweite Roman von Simone de Beauvoir und gilt als „Buch der Résistance“, des Widerstands gegen die deutsche Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich handelt es sich vordergründig zunächst um eine Liebesgeschichte. Der Roman erzählt von innerer Zerrissenheit und der Suche nach einem Sinn der eigenen Existenz. Im Zentrum stehen die Beziehungen der Protagonisten untereinander sowie die Frage, welche Folgen das eigene Handeln für das Leben anderer Menschen hat. Der Held des Romans, Jean Blomart, verkörpert diese Zerrissenheit in besonderem Maße. Seine Versuche, stets das moralisch Richtige zu tun und seine Entscheidungen mit „wohlklingenden Gründen“ rechtfertigen zu können, müssen zwangsläufig scheitern. Dies zeigt sich einerseits in der tragischen Beziehung zu Hélène, andererseits in der Frage nach Krieg oder Frieden, Widerstand oder Kollaboration. Blomart gerät in Konflikte, die er nicht selbst herbeigeführt hat und aus denen es keinen schuldlosen Ausweg gibt – „Alle Mittel sind schlecht“. So intensiv die Beziehung zu Hélène geschildert wird, noch eindringlicher empfinde ich die Darstellung der moralischen Zerrissenheit angesichts der faschistischen Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland. Leider wirkt diese Fragestellung heute wieder bedrückend aktuell und berührt ein grundlegendes Dilemma des Pazifismus: „Was sollte man tun, wenn die Werte, an die wir glaubten, gerade dadurch zerstört wurden, dass wir an ihnen festhielten?“ Der Roman ist aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und springt teils abrupt zwischen Ich- und Erzählerperspektive sowie verschiedenen Zeitebenen. Gerade zu Beginn kann das durchaus verwirrend wirken. Gleichzeitig gelingt es Simone de Beauvoir dadurch eindrucksvoll, das Grübeln, die Selbstzweifel und die innere Zerrissenheit ihrer Figuren erfahrbar zu machen. Vor allem die zweite Hälfte entwickelt dabei einen enormen Sog, der mich kaum noch losgelassen hat. Am Ende muss Blomart erkennen, dass moralische Reinheit in einer unmoralischen Welt unmöglich bleibt. Handeln bedeutet zwangsläufig, Schuld auf sich zu laden. Indem er sich dem gewaltsamen Widerstand anschließt, nimmt er bewusst das „Blut der anderen“ in Kauf. Darin liegt die beklemmende Konsequenz des Romans: Es gibt Situationen, in denen jede Entscheidung schuldig werden lässt.

