
«Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication». Die Fantasie des Autors ist überbordend. Manchmal wäre weniger mehr gewesen. Aber auch wenn ich mich an einigen Stellen durchbeißen musste, habe ich „Grand Tour“ insgesamt gerne gelesen. _____
Leo (Leonard) Pardell, 28, Student in Berlin, verdingt sich in München bei der „Companie“ als Schlafwagenschaffner. Zuvor ist er einem Betrug aufgesessen: Weder der gebuchte und teuer bezahlte Sprachkurs noch die dazugehörige Sprachschule in Buenos Aires oder der Flug dorthin existieren. Was nun? Da kommt ihm die „Companie“ gerade recht. Ganz andere Probleme hat der stinkreiche, dem Dauersuff verfallene Friedrich Baron von Reichenhausen. Auf der verzweifelten Suche nach einer wertvollen Uhr, der „Ziffer à Grande Complication 1924“, einem Meisterwerk der Uhrmacherkunst, erlebt er eine wahre Odyssee – und erkennt am Ende, in seinem ersten nüchternen Moment seit Jahren, was seine Gier aus ihm gemacht hat. Pardell wiederum, der nach anfänglichen Schwierigkeiten in seinem Leben als Schlafwagenschaffner aufblüht, lernt auf seinen intereuropäischen Reisen witzige, bisweilen skurrile Typen kennen, gerät in absurde Situationen und wird unwissentlich in eine lebensgefährliche Intrige rund um Drogenhandel hineingezogen. Doch damit nicht genug: In dem 736 Seiten starken Roman von Steffen Kopetzky passiert noch weit mehr. Allerdings beschleicht einen das Gefühl, dass hier an einigen Stellen zu viel gewollt ist. Weniger wäre mehr gewesen oder "kill your darlings". Die Fantasie des Autors ist einfach überbordend – zuweilen verliert er sich in bis ins kleinste Detail gehende Beschreibungen, deren Relevanz sich nicht immer erschließt. Das bremst die Handlung aus, nimmt ihr das Tempo und lässt sie streckenweise zäh wirken. Im letzten Viertel zieht Kopetzky sein Tempo deutlich an. Es macht große Freude zu verfolgen, wie er sein Finale aufbaut und den Schluss zelebriert. Auch wenn ich mich an einigen Stellen durchbeißen musste, habe ich „Grand Tour“ insgesamt gerne gelesen.


