„ICH BIN EIN NIEMAND” Bereits Daniel Kehlmann erkannte den erzählerischen Vorteil einer literarischen Figur, die ungebunden ist, als er seine Version des Narren Till Eulenspiegels im 17. Jahrhundert ansiedelte und seinem Tyll durch alle Gesellschaftsschichten dieser Zeit und die historische Schlüsselszenen des Dreißigjährigen Krieges folgte und so ein Gesellschafts- und Historienpanorama vorlegte. Im Gegensatz zu Kehlmanns Tyll ist der Oberschlesier Alois Pokora, in seinem Dorf und von seiner Familie Lojzik genannt und Sohn eines Bergmannes, nicht frei von Bindungen, vielmehr befindet er sich in einem Netz aus widersprüchlichen Beziehungen, Abhängigkeiten und daraus resultierenden Abhängigkeiten. Will er den Weg seines Vaters einschlagen und seine Lunge sowie seinen Rücken unter Tage ruinieren wie sein Vater oder folgt der dem Rat des Dorfpfaffen, der in Alois jemanden sieht, der aufgrund seines Intellekts und seiner Begabung für das Abitur und ein Studium berufen ist? Will Alois Deutscher, Pole oder Oberschlesier sein? Ist er Kommunist, Revolutionär oder nur ein Werkzeug zur Durchsetzung großer politischer Ideen? Ist er queer oder wahrt er sich für Agnes auf, die Tochter des Vermieters eines Zimmers, in dem Alois während der Schulzeit wohnen durfte und die trotz oder wegen ihres herablassenden Umgangs mit ihm eine seltsame Macht über Alois ausübt? So ist es auch Agnes, an die sich Alois als Ich-Erzähler dieses Romans des polnischen Literaturstars Szczepan Twardoch, hier in einer Art Rechtfertigungsschreiben richtet. Ausgangspunkt dieser Erzählung ist Leutnant Pokoras Verwundung auf einem Schlachtfeld in Flandern am 23. Oktober 1918. Als Alois in einem Lazarett in Berlin erwacht zeigt der Kalender den 19. November und die Welt ist eine andere geworden, während er sich von einer Kopfverletzung erholte. Der erste Weltkrieg ist vorbei und in Deutschland wurden gleich zwei Republiken ausgerufen während Freikorps versuchen, diese Entwicklungen aufzuhalten. Alois beginnt sich zu erinnern: an seine Kindheit, seine kluge Mutter, seinen wort- und emotionskargen Vater, seine neun Geschwister, seine Zeit auf dem Gymnasium und die Schikanen durch die hochgeborenen Jungen dort sowie an sein Studium. Früh lernt Alois, dass er aufgrund seiner Intelligenz und Begabung nicht wirklich zu seiner Familie und in das Dorf, in dem er aufwuchs passt. Aufgrund seiner proletarischen und schlesischen Herkunft passt er allerdings auch nicht zu seinen Mitschülern und Kommilitonen und erlebt daher bereits früh Demütigung, Erniedrigung, Hänseleien und Ausgrenzung. Gefühle, die von Agnes auch auf sexueller Ebene fortgeführt werden. Twardoch konstruiert einen Protagonist, der sich aufgrund dieser frühen Verletzungen seiner Menschenwürde einfügt in sein Dasein als Underdog und dies zu seiner Natur werden lässt und an der auch die höhere Bildung in Form eines Philosophiestudiums nichts ändert. Ausgehend von diesen Erinnerungen lässt Twardoch Alois durch das Nachkriegsberlin ziehen, sich revolutionären Gruppen anschließen, Straßenschlachten bestreiten, Kokain konsumieren, Luxemburg und Liebknecht begegnen und schlussendlich auf vielen Umwegen doch nach Oberschlesien und auch zu Agnes zurückkehren. Ob es dabei zu einer Emanzipation des Erzählers kommt, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Twardoch hat in Alois Pokora einer Figur Leben eingehaucht, deren Leben bereits zu dessen Beginn die Hölle ist, die zwar Träume hegt, diese allerdings immer bereits kontaminiert sind durch dessen Lebensgeschichte, sodass er teilweise in das, was Florian Illies „rauschhafte Selbsterniedrigung“ nannte verfällt. Sczcepan Twardoch hat mit „Demut“ einen fulminanten Historienroman vorgelegt hat, der vor allem zu Beginn heftige Remarque- und Kästners-Fabian-Vibes versprüht; der sehr gegenwärtige Fragen von Zugehörigkeit, Sexualität und Klassismus verhandelt und großartige und teils überbordende Unterhaltung bietet. Dies war mein erster Roman von Twardoch und definitiv nicht mein letzter. Ein Lesehighlight! Wunderbar übersetzt von Olaf Kühl.
"Für einen Augenblick von einigen hundert Tagen habe ich geglaubt, ich könnte ein normales, gewöhnliches Leben führen, besser als das, zu dem ich geboren bin." Alois Pokora kämpft als Soldat und schließlich Offizier im Ersten Weltkrieg, landet zu Kriegsende verwundet in einem Krankenhaus in Berlin und rutscht dort mehr oder weniger zufällig in eine kommunistische Kampftruppe, die er anleiten soll. Doch kaum angekommen, gerät er in einen Hinterhalt und entgeht knapp seiner Hinrichtung. Er kann in seine Heimat, nach Schlesien fliehen, wo nichts mehr ist, wie es mal war und Alois sich wieder zwischen den Stühlen befindet. 'Demut' ist ein wilder Ritt durch die Nachkriegsjahre, in der der Protagonist fremdbestimmt von einem Zeitgeschehen zum nächsten torkelt und sich an alles klammert, was ihm Halt geben könnte. Seine Geschichte ist die eines Klassenaufstiegs, der weder von seiner alten, noch seiner neuen Gesellschaftsschicht so richtig akzeptiert oder gar respektiert wird. Alois gehört nirgends dazu, und grade das macht ihm zum attraktiven Spielball für die großen Kräfte seiner Zeit. Der Roman macht sehr viele Ebenen auf und bietet komplexe zwischenmenschliche Beziehungen, webt viele historische Persönlichkeiten und wahre politische Ereignisse ein, die das Buch so spannend machen und den Rahmen der Handlung vorgeben. Über allem schwebt die (vermeintlich) erste große Liebe des Protagonisten - Agnes, die Alois prägt wie niemand sonst. Doch die Liebe ist vielmehr eine Obsession, die sehr zu seiner Fremdbestimmtheit beiträgt. Der Roman ist mit 460 Seiten recht lang. Ich habe mich zwischendurch etwas schwer getan, kann aber rückblickend gar nicht mehr sagen, woran das lag, weil es eigentlich durchgehend spannend war. Vielleicht, weil es kaum Hochs gibt, nur weitere Tiefpunkte, die in einem immensen Tempo auf Alois und die Lesenden einprasseln. Immer wieder neue Drehangeln, an denen Alois versucht, sich selbst zu finden. Ich habe viel über Oberschlesien gelernt, die Heimat meiner Familie, viel über das Gezerre am Territorium, an Nationalität, Kultur und Sprache. 'Demut' verdient unbedingt mehr Aufmerksamkeit, hilft der Roman doch sehr dabei, die Tumulte der Zeit nach 1918, die Gleichzeitigkeit der Geschichte, besser nachvollziehen zu können. Übersetzt von Olaf Kühl. CN: Krieg, T0d, G3walt, Kindst0d, M0bbing, Su1zid, Alk0hol, M0rd, Dr0genkonsum, Blut, Verg3waltigung, Abtr3ibung, Tierquäl3rei

