25. Jan.
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Wenn wir zusammen waren, hatte das, was wir noch nicht getan hatten, aber sicher tun würden, absolute Zauberkraft. Wir waren blutjung und hatten die Zukunft vereinnahmt, das heißt, wir hingen von dem ab, was zu werden wir uns vorstellten, und da wir einander beeindruckten, erstrahlten wir in unserer wechselseitigen Bewunderung. Auch wenn der Mensch sich immer ins Morgen projiziert, nimmt die Zeit mit zunehmenden Alter eine trichterförmige Gestalt an. Die Öffnung in der Ferne wird kleiner, der Durchgang verengt sich. Das Mögliche wird zum Wahrscheinlichen. Heute halte ich das Unmittelbare fest. Ich schreibe auf den Tod zu. - Zitat, Seite 206 Das autofiktionale Schreiben hat die Schriftstellerin aus Minnesota in ihren Roman "Damals" eingebracht und lässt uns aus der Sicht der vierzig Jahre älteren S.H. zurückschauen in das magische Jahr einer jungen Frau, die sich 1978/79 ihren großen Traum erfüllen möchte und in New York City einen aufregenden ersten Roman schreiben möchte. Dabei steht ihr niemand anders als der berühmte Meisterdetektiv Sherlock Holmes aus dem 19. Jahrhundert vor Augen, der ja nur rein zufällig die gleichen Initialen hat, wie unsere Erzählerin. Und meisterhaften Scharfsinn möchte sie auch beweisen bei dem Rätsel ihrer vor sich hin murmelnden Nachbarin Lucy, deren verwirrende Sätze sie um den Schlaf bringen. Sogar das Stethoskop ihres Vaters lässt Minnesota, wie unsere Heldin von der "Fünferbande" (den neuen Freunden) genannt wird, nach New York senden, um hinter das Geheimnis ihrer unruhigen, fast gespenstischen, Nachbarin zu kommen. Ist diese eine trauernde Mutter, der das Leben übel mitgespielt hat, oder doch eine Psychopathin, vielleicht sogar eine Mörderin? Aber auch die Gegenwart der Ich-Erzählerin wird beleuchtet, besonders ihr Verhältnis zur Mutter, dir zunächst am Rande des Todes in ein Heim eingeliefert wird. Doch die Palliativmedizin wirkt ein kleines Wunder und so ist die Seniorin zwar wenig orientiert, was ihr Alter und ihre Umgebung betrifft, doch scheint sie ihre Altersgrenze doch weiter auszureizen. Während sich also die Tochter in den "prekären Wahrheiten der Erinnerung" vergräbt, scheinen sich diese in den zunehmend weichen Konturen des Bewusstseins der Mutter zu verlieren. Siri Hustvedt hat einen wundervollen Sinn für Humor und ihre Sätze sind prägnant und präzise. Ihre Gedankenspiele um Bewusstsein und Erinnerung, die philosophische Anklänge haben, bereiten beim Lesen große Freude. Leider hat sie sich in einem Punkt dann doch zu sehr in den Maschen einer Rätsellösung verheddert, wie sie Arthur Conan Doyle in seinen berühmten Romanen so gerne anwendet (und dort auch sehr passend ist): sie dreht wirklich jeden Stein um, ordnet jedes Geschehen ihrer Erinnerung ein und entwirft am Ende ein akkribisches Bild der weiteren Entwicklung der Beteiligten. Damit entzaubert sie viele Geschichten, der Schleier des Geheimnisvollen weicht und enthüllt ein freundliches, ja liebevolles, aber irgendwie nüchternes Bild der Realität. FAZIT Natürlich liebe ich diese Geschichte von Siri Hustvedt, die mit ihrer neugierigen Heldin mit dem unschlagbaren Wortwitz so viele Gemeinsamkeiten teilt. Und auch die Übersetzung von Uli Aumüller und Grete Osterwald muss unbedingt lobend erwähnt werden, da sie den reichen Wortschatz der Autorin so geschmeidig zum Glänzen bringt. Allerdings hätte ich mir mehr Luft zwischen den Zeilen gewünscht und mir gerne selbst ausgemalt, welches Geheimnis hinter den Spiegeln manchmal verborgen ist. Ein nettes Detail des Buches sind die Zeichnungen, welche die Autorin selbst angefertigt hat und die humorvolle Note des Textes unterstreichen (auch wenn die Zeichnung auf dem Cover auf mich persönlich etwas zu plakativ, fast kitschig wirkt). Wer also gerne diesen wilden Ritt einer angehenden Schriftstellerin im oftmals etwas schäbigen New York der ausgehenden 1970er nachverfolgen möchte und die fiktiven oder auch realen Memoiren derselben verfolgen möchte, ist aufgefordert, dieses Buch einer geistreichen Autorin zu Hand zu nehmen!

Damals
Damalsby Siri HustvedtRowohlt