
Ein Buch wie ein David Lynch Film – Über die sinnentleerte Arbeitswelt (World-Challenge 13|194, neu 🇯🇵)
„Was mache ich eigentlich hier?“ – selten wurde diese Frage so konsequent beleuchtet wie in „Die Fabrik". Hiroko Oyamada treibt diese Sichtweise auf die Arbeitswelt ins Extrem: Die titelgebende Fabrik verschlingt das Leben der Mitarbeiter:innen, scheint keine räumlichen Grenzen zu haben und ist technisch veraltet – von dem Pioniergeist eines Silicon Valleys ist hier keine Spur. Drei Figuren gehen dort ihrer sinnentleerten Arbeit nach. Eine schreddert jeden Tag Papiere, einer korrigiert unermüdlich Texte, ohne deren Sinn zu verstehen und der Dritte wird beauftragt, die Dächer mit Moosen zu begrünen – doch eine Deadline gibt es nicht und eigentlich soll er ruhig erst einmal Moose klassifizieren und Moostouren mit Kindern veranstalten. Die Arbeitswelt wird hier nicht satirisch überzeichnet, sondern eher düster dargestellt. Dabei sind die Protagonist:innen nicht ablehnend gegenüber ihrer Tätigkeit, sondern eher verwirrt aufgrund ihrer Ineffizienz. Manche Tätigkeiten werden penibel genau geschildert (z.B. die Funktionsweise eines Schredders über eine Seite) und auch private Treffen scheinen immer in der Firma stattzufinden. Gibt es überhaupt noch eine Welt da draußen? Es gibt einige sich wiederholende Themen. Die Charaktere essen enorm viel und gerne; Konsum scheint das einzige Ziel zu sein, dem sie sich widmen können, um der Arbeit in der Fabrik Sinn zu geben. Zeitebenen lösen sich auf – so springt eine Handlung ohne Überleitung in die nächste über, teilweise mehrere Jahre später. Die Arbeitswelt wirkt somit quälend lang und hat das Individuum komplett für sich eingenommen. Unterstützt wird dies durch Oyamadas Schreibstil, der von detailreichen Beschreibungen und einem düsteren Grundton geprägt ist. Besonders dominant ist das Thema der Natur, denn die Fabrik hat ein eigenes Ökosystem gebildet. Es gibt dort Tiere, die sich speziell an die Fabrik angepasst haben: Graufell-Nutrias, Waschmaschinen-Echsen, Fabrik-Kormorane. Sie sind bewusst verzerrt dargestellt und lösen Unbehagen aus. Dies wird durch einen Tierkatalog, der über 14 Seiten geht (fast 10 % des Buches), auf die Spitze getrieben. Gerade die Kormorane lösen eine Faszination aus, denn sie scheinen die Arbeiter:innen zu symbolisieren: Sie stehen bedrohlich herum, kommunizieren nicht miteinander, sind unfähig zu fliegen. Gefangen in einem System der Sinnlosigkeit. Oyamadas Text regt an, doch einige Passagen konzentrieren sich zu stark auf das Thema der Sinnlosigkeit. Auch wenn mir die Lektüre durchaus Spaß gemacht hat, bleibt die Allegorie überraschend eindimensional: Wie ist das Verhältnis der Menschen zum Kapitalismus? Welche Rolle spielt die Technisierung? Welche Hierarchien und Machtverhältnisse bestehen und wie wird mit Mental Health umgegangen? Diese Aspekte hätten dem Buch noch mehr Tiefe verliehen. Dennoch halte ich „Die Fabrik“ für lesenswert.





