17. Apr.
Ein Buch wie ein David Lynch Film – Über die sinnentleerte Arbeitswelt
(World-Challenge 13|194, neu 🇯🇵)
Rating:3.5

Ein Buch wie ein David Lynch Film – Über die sinnentleerte Arbeitswelt (World-Challenge 13|194, neu 🇯🇵)

„Was mache ich eigentlich hier?“ – selten wurde diese Frage so konsequent beleuchtet wie in „Die Fabrik". Hiroko Oyamada treibt diese Sichtweise auf die Arbeitswelt ins Extrem: Die titelgebende Fabrik verschlingt das Leben der Mitarbeiter:innen, scheint keine räumlichen Grenzen zu haben und ist technisch veraltet – von dem Pioniergeist eines Silicon Valleys ist hier keine Spur. Drei Figuren gehen dort ihrer sinnentleerten Arbeit nach. Eine schreddert jeden Tag Papiere, einer korrigiert unermüdlich Texte, ohne deren Sinn zu verstehen und der Dritte wird beauftragt, die Dächer mit Moosen zu begrünen – doch eine Deadline gibt es nicht und eigentlich soll er ruhig erst einmal Moose klassifizieren und Moostouren mit Kindern veranstalten. Die Arbeitswelt wird hier nicht satirisch überzeichnet, sondern eher düster dargestellt. Dabei sind die Protagonist:innen nicht ablehnend gegenüber ihrer Tätigkeit, sondern eher verwirrt aufgrund ihrer Ineffizienz. Manche Tätigkeiten werden penibel genau geschildert (z.B. die Funktionsweise eines Schredders über eine Seite) und auch private Treffen scheinen immer in der Firma stattzufinden. Gibt es überhaupt noch eine Welt da draußen? Es gibt einige sich wiederholende Themen. Die Charaktere essen enorm viel und gerne; Konsum scheint das einzige Ziel zu sein, dem sie sich widmen können, um der Arbeit in der Fabrik Sinn zu geben. Zeitebenen lösen sich auf – so springt eine Handlung ohne Überleitung in die nächste über, teilweise mehrere Jahre später. Die Arbeitswelt wirkt somit quälend lang und hat das Individuum komplett für sich eingenommen. Unterstützt wird dies durch Oyamadas Schreibstil, der von detailreichen Beschreibungen und einem düsteren Grundton geprägt ist. Besonders dominant ist das Thema der Natur, denn die Fabrik hat ein eigenes Ökosystem gebildet. Es gibt dort Tiere, die sich speziell an die Fabrik angepasst haben: Graufell-Nutrias, Waschmaschinen-Echsen, Fabrik-Kormorane. Sie sind bewusst verzerrt dargestellt und lösen Unbehagen aus. Dies wird durch einen Tierkatalog, der über 14 Seiten geht (fast 10 % des Buches), auf die Spitze getrieben. Gerade die Kormorane lösen eine Faszination aus, denn sie scheinen die Arbeiter:innen zu symbolisieren: Sie stehen bedrohlich herum, kommunizieren nicht miteinander, sind unfähig zu fliegen. Gefangen in einem System der Sinnlosigkeit. Oyamadas Text regt an, doch einige Passagen konzentrieren sich zu stark auf das Thema der Sinnlosigkeit. Auch wenn mir die Lektüre durchaus Spaß gemacht hat, bleibt die Allegorie überraschend eindimensional: Wie ist das Verhältnis der Menschen zum Kapitalismus? Welche Rolle spielt die Technisierung? Welche Hierarchien und Machtverhältnisse bestehen und wie wird mit Mental Health umgegangen? Diese Aspekte hätten dem Buch noch mehr Tiefe verliehen. Dennoch halte ich „Die Fabrik“ für lesenswert.

Die Fabrik
Die Fabrikby Hiroko OyamadaRowohlt
4. Apr.
Rating:3.5

Sinn und Zweck

Eine Fabrik in Japan und drei Mitarbeiter, die wir in ihren unterschiedlichen Arbeitsbereichen begleiten. In die eigentliche Produktion, wobei niemand genau zu wissen scheint, was hier hergestellt wird, auf dem unendlich großen Gelände sind sie nicht involviert und gehen Tag für Tag einer sinnentleerten Aufgabe nach, die immer wieder die Frage nach einer erfüllenden Arbeit und dem Zweck eines jeden Tuns aufwirft. Der Text bewegt sich an der Grenze zur Illusion und der Erzählton ist eher leise, wobei eine dichte Atmosphäre gewoben wird. Das Buch lädt zum Nachdenken ein und hinterfragt unsere moderne Arbeitswelt.

Die Fabrik
Die Fabrikby Hiroko OyamadaRowohlt
21. März
Rating:5

Ein kafkaesker Traum

Die Geschichte mutet kafkaesk an: Drei Personen, drei unterschiedliche Tätigkeiten in einer Fabrik, die gigantisch erscheint, ein riesiges Gelände einnimmt – und deren Zweck dennoch verborgen bleibt. So bleibt auch der Sinn ihrer jeweiligen Tätigkeiten für die drei handelnden Personen unklar. Plötzliche Wechsel in Zeit und Perspektive lassen auch die Zeit verschwimmen - ähnlich wie es die Personen erleben. Gerade erst die Stelle angetreten, sind schon Jahre ins Land gegangen, ohne dass im Leben nennenswertes passiert ist. Beim Lesen stellt man sich fast automatisch Fragen: Warum arbeite ich eigentlich hier? Was ist der größere Sinn meiner Tätigkeit? Und wohin genau soll es gehen? Gerade diese diffuse, schwer greifbare Atmosphäre macht das Buch aus. Es wirkt ruhig und unspektakulär – und regt dabei doch zum Nachdenken über die eigene Arbeit und Orientierung an.

Die Fabrik
Die Fabrikby Hiroko OyamadaRowohlt
12. März
Rating:5

Kapitalismuskritik in abstrakter Form. Hat mir gut gefallen auch wenn ich öfter wegen der Personenwechsel und Zeitwechsel den roten Faden verloren haben. Hat jedoch alles sehr gut zum sinnlosen arbeiten in der Fabrik gepasst.

Die Fabrik
Die Fabrikby Hiroko OyamadaRowohlt
26. Jan.
Rating:3.5

Düster, verwirrend und bedrückend

Drei Menschen, drei Rädchen im Getriebe der „Fabrik“, drei ziellos Getriebene. Keine/r der Drei, weiß warum sie/er tut, was sie/er tut in der Fabrik. Die scheinbar willkürlichen Sprünge zwischen teils unbestimmten Zeitebenen verstärken ein Gefühl der Verlorenheit, die allen dreien anhaftet. Auch empfand ich die Erzählung als spannenden Blick auf die japanische Gesellschaft. „Die Fabrik“ ist ein verwirrendes, düsteres und bedrückendes Stück Kapitalismuskritik. Am Ende blieb mir hier jedoch zu viel rätselhaft und andeutungsweise. Ich verstehe die Intension und fand große Teile sehr spannend und gut erzählt. Die grundsätzliche Idee hinter der finalen Wendung, habe ich nicht kommen sehen, fand sie aber großartig. Nur kam sie mir zu kurzatmig daher, aber vielleicht weckten die Vergleiche mit Franz Kafka und Han Kang auch einfach zu große Erwartungen. Schlussendlich stand ich vor einem abrupten Ende, dass mich unzufrieden zurück ließ. Andererseits habe ich die Seiten die 160 Seiten an einem Nachmittag verschlungen. Deshalb kann ich mich nicht so recht entschließen, ob das unbefriedigende Ende nun schwerer wiegt, als das gebannte Lesen bis dahin. Ein bemerkenswertes Debüt ist es allemal. Ich werde mir ihren zweiten Roman „Das Loch" mal anschauen.

Die Fabrik
Die Fabrikby Hiroko OyamadaRowohlt