26. März
Rating:3

Interessanter, experimenteller Erzählstil

Ich mochte das Buch "Der Himmel vor hundert Jahren" von Yulia Marfutova sehr gern und hatte mich richtig auf das neue Buch gefreut. Der Schreibstil ist sehr ungewöhnlich, die Perspektive der Mäuse ein interessantes Element, aber am Ende war es für meinen Geschmack einfach zu sprunghaft. Zwar findet Marfutova immer wieder zu ihrem roten Faden zurück, aber durch Vieles, was zusätzlich zwischen den Zeilen ungesagt bleibt, hat mich das Sprunghafte zu sehr im Lesefluss gestört. Es steckt viel drin, in diesem kleinen Büchlein - am Ende schien es mir jedoch zu viel gewollt.

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel
Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogelby Yulia MarfutovaRowohlt
25. Okt.
Rating:4.5

Ein Wollknäuel voller Eindrücke

„Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel… …ein höchstens spatzengroßer Vogel, der nicht stillsitzt und wartet, dass man ihn fängt.“ Yulia Marfutova setzt sich in diesem Roman auf experimentelle Weise mit der Erforschung von Biografie und transgenerationalen Erfahrungen auseinander. Eine Gruppe Mäuse sind die Erzählpersonen, die versuchen, drei Schwestern das Portrait einer Familiengeschichte nahezubringen. Im Fokus steht die Lebenswelt der damals jugendlichen Mutter und der Großmutter. Dabei folgt die Erzählung keinem stringenten Faden, sondern schweift an der einen oder anderen Stelle gerne mal ab, verfolgt unterschiedliche Fragen, die sich wie im „Kaleidoskop“ (S. 36) miteinander in Beziehung befinden. Und dabei machen die Mäuse auch zu ihrer Erzählung deutlich: „Es braucht nicht wahr zu sein, um wahr zu sein.“ (ebd.) oder „Die einzelnen Teile stimmen, nur das Ganze nicht. Denn gerade damals lief die Zeit nicht hübsch, ordentlich und brav wie am Schnürchen […]. Wobei man nicht unbedingt sagen kann, Schnüre seien gerade, wo sie doch eher sich winden, zu Knoten, zum Verheddern, zum Ausfransen und auch zum Reißen neigen. Wenn die Zeit eine Schnur ist, dann wohl höchstens eine solche.“ (S. 94). Im Zentrum steht der große Traum der Mutter, aus der Sowjetunion stammenden Marina, jener Heimat den Rücken zu kehren, so wie es viele andere Freunde, Bekannte und Familien schon gemacht haben. Thematisch stehen Fragen nach Identität oder Freundschaft im Zentrum der Erzählung. Ich fand die Erzählperspektive sehr interessant. Ich habe mich so gefühlt, als wäre ich die älteste Schwester und würde durch die Mäuse direkt angesprochen. Das wird dadurch verstärkt, dass der Name des ältesten Mädchens nicht genannt wird (oder ich habe ihn überlesen). Wer einen stringent erzählten, logisch verlaufenden und klaren Roman sucht, ist hier vermutlich an der falschen Adresse. Ich habe mich in dem Wollknäuel total wiedergefunden und hatte viel Freude beim Lesen dieses Romans.

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel
Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogelby Yulia MarfutovaRowohlt
27. Aug.
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Yulia Marfutova hat mit „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“ ein kleines, aber in seiner Wirkung erstaunlich großes Buch geschaffen. Die Grundidee ist ebenso skurril wie poetisch: Mäuse als Chronisten einer Familiengeschichte. Sie huschen durch Ritzen, belauschen Gespräche, wittern Geheimnisse – und werden so zu den einzigen Zeugen einer Vergangenheit, über die die eigentliche Protagonistin, Marina, selbst schweigt. Die Handlung spielt überwiegend in den 1980er-Jahren in der Sowjetunion, in einem Alltag zwischen Plattenbau, Datscha und den unausgesprochenen Sehnsüchten nach einem anderen Leben. Marinas Jugendfreundin Vera, der geheimnisvolle Anton, die streng arbeitende Mutter Nina – all diese Figuren sind mit wenigen Strichen gezeichnet, aber lebendig. Gleichzeitig schiebt sich immer wieder die spätere Zeitebene hinein: Marinas inzwischen in der Fremde lebende Töchter, die ungeduldig nachfragen und die Mäuseberichte hinterfragen, weben ihre eigenen Deutungen. Marfutova verknüpft hier Migrationsgeschichte, Coming-of-Age-Erzählung und magischen Realismus zu einem dichten Geflecht, das sowohl berührt als auch zum Schmunzeln bringt. Die Stimmen der Mäuse verleihen der Geschichte einen ironischen Unterton, der das Melancholische nie zu schwer werden lässt. Dass die Erzähler möglicherweise unzuverlässig sind, macht die Lektüre noch reizvoller: Wahrheit wird zur Verhandlungssache, Erinnerung zur Konstruktion. Sprachlich changiert der Text zwischen Leichtigkeit und Tiefe. Die Autorin findet eine Balance zwischen Humor, Poesie und leiser Tragik, die selten so mühelos wirkt. Ein Roman, der auf knappem Raum eine Fülle an Themen, Emotionen und Fragen entfaltet: über Herkunft, Erinnerung, Verlust und die kleinen Ritzen, durch die man vielleicht ins Freie gelangt. Erfrischend anders erzählt, zart und zugleich von künstlerischem Gewicht. Große Empfehlung!

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel
Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogelby Yulia MarfutovaRowohlt
21. Juli
Rating:3.5

Ich mag ihre Bücher gerne leiden. Nicht der Geschichten wegen, sondern weil sie eine interessante und merkwürdig experimentelle Sprache hat, welche ich so noch bei keinem Autor zuvor gelesen habe. Wer das Buch mit der Absicht kauft einen Roman zu lesen, wird vermutlich wenig Spaß haben. Es sollte als Sprachkunstwerk gekauft und konsumiert werden. Mir persönlich hat jedoch der Vorgänger (Der Himmel vor hundert Jahren) besser gefallen. Im aktuellen Buch waren mir ein Hauch zu viele repetitive Elemente. ( Mäuse, Mäuse, Mäuse if u know u know)

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel
Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogelby Yulia MarfutovaRowohlt