Nach Volker Weidermanns „Mann vom Meer“ ist dies im Thomas Mann Jahr 2025 das zweite Buch, das ich über einen engumgrenzten Aspekt in Thomas Manns Leben und Werk gelesen habe. In „Das Blaubartzimmer“ spürt Michael Maar mit geradezu kriminalistischem Eifer einer Tagebuchnotiz Thomas Manns nach, die vermuten lässt, dass er in jungen Jahren ein Verbrechen begangen haben könnte. Dabei zeigt Maar anhand des Gesamtwerks zahlreiche Indizien auf, welche diese Vermutung stützen. Und nebenbei gewinnt man neue Einblicke in bereits gelesene Werke des Nobelpreisträgers, was mich motiviert hat, bald die Josephsromane abzuschließen und seine anderen Romane und Erzählungen erstmals bzw. wieder zu lesen.

Buchrezension: „Das Blaubartzimmer" von Michael Maar. Michael Maar legt mit seinem „Blaubartzimmer" ein Buch vor, das sich einer großen Frage über einen der größten Autoren des 20. Jahrhunderts widmet: Thomas Mann. Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine leichte Lektüre handelt. Maar argumentiert mit Schärfe und Präzision, seine These untermauernd durch eine Fülle an Werkzitaten, Analysen und Querverweisen. Gerade diese methodische Genauigkeit ist die Stärke des Buches und zugleich seine Hürde. Wer Maar liest, muss konzentriert bleiben, um den feinen Gedankengängen und der dichten Argumentation zu folgen. Ein „easy read" ist dieses Buch in keiner Hinsicht, eher eine anspruchsvolle, fast detektivische Spurensuche durch Thomas Manns literarische Welt. Belohnt wird man mit Einsichten, die tief in die Substanz des Werks reichen und dabei einen neuen Blick auf bekannte Texte eröffnen. Die eingangs formulierte Frage jedoch bleibt bis zuletzt offen, oder besser gesagt: Sie lässt sich nicht endgültig beantworten. Genau darin liegt der Reiz der Lektüre: nicht in einer klaren Auflösung, sondern in der intellektuellen Bewegung, die Maar in Gang setzt. Für alle, die sich ernsthaft mit Thomas Mann auseinandersetzen möchten, ist „Das Blaubartzimmer" daher eine lohnenswerte Lektüre. Es fordert, manchmal überfordert es auch, aber es regt an, Manns Werk mit neuer Neugier und kritischer Aufmerksamkeit zu lesen.

