“Herkunft allein ist nichts, worauf man stolz sein kann, wir werden alle ungefragt irgendwo hineingeboren, es ist nicht unser Verdienst. Aber man kann stolz darauf sein, was man daraus macht, und wir, wir machen Literatur, also tatsächlich das Beste aller möglichen Optionen.” Es ist echt schwierig eine Sammlung an Texten als Gesamtprodukt zu bewerten, vor allem wenn dessen Ziel explizit die Darstellung der Vielfalt an jüdischen Stimmen in Deutschland war. Ich werde deswegen kein Rating geben, aber ich möchte in diesem Review Texte highlighten, die mir besonders gefallen und zu Denken gegeben hatten. Marina Frenks “Ein Versuch, sich zu verabschieden” ist ein Essay mit Überlegungen zur Muttersprache und erlernter Sprache. Was ist, wenn deine Muttersprache nur durch Gewalt und Imperialismus die deine ist? Dieses Kapitel bedeutete mir sehr viel, denn meine Muttersprache ist Russisch — ich kann nicht mit meiner Oma und anderen Verwandten auf Ukrainisch reden, denn diese Sprache habe ich nie gelernt. Dmitrij Kapitelmanns “Die 13 toten Nachbarinnen” ist ein autofiktionaler Text, der anhand des Beispiels einer Denkmalstatue die deutsche Erinnerungskultur und den zunehmenden Antisemitismus analysiert. Eva Menasses “In unverdienter Sicherheit und zufälligem Frieden” war glaube ich mein liebster oder zumindest der mich am stärksten berührender Text in der Sammlung. Seit dem 07. Oktober ist es sehr schmerzhaft aber auch wichtig sich mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen. Jedoch wendet Menasse hier sehr korrekt ein, wie historisch hypokritisch die Rede vom “importierten Antisemitismus” ist. Wir dürfen nicht die Empathie verlieren und uns von Rechten instrumentalisieren lassen. Im Kapitel “Warum denn ausgerechnet Deutschland” reflektiert Slata Roschal darüber, was eine post-sovietische jüdische Identität überhaupt ausmacht, vor allem seit den Kriegen in der Ukraine und in Israel. Dana Vowinckels “Was hättest du getan?” ist eine Kurzgeschichte, die mich sofort mitgerissen hat. Eine junge Autorin in einer toxischer Beziehung fängt an, einen historischen Roman über Curt Valentin zu schreiben. Der Entstehungsprozess wirft zunehmend die Frage auf, wer welche Geschichten überhaupt erzählen darf.
26. JuniJun 26, 2025
Wir schon wiederby Rowohlt

