
Der syrische Übergangspräsident Al Sharaa/Al Jolani ist in Berlin und vielleicht fragen sich einige Leute, warum genau es daran jetzt so große Kritik gibt. Dazu möchte ich ein schmales, aber sehr wichtiges Buch empfehlen, das vor allem deutlich macht, warum so viele Angehörige von Minderheiten Syrien weiterhin als unsicher wahrnehmen. Ronya Othmann hat "Rückkehr nach Syrien" schon im Oktober 2025 veröffentlicht (Reziexemplar) - und als ich eben gerade den Titel gegooglet habe, wurden mir erstmal nur ganz viele Nachrichten angezeigt, dass Merz und Jolani darüber gesprochen haben, die 80% der in Deutschland lebenden Syrer*innen "rückkehren" zu lassen, euphemistisch gesprochen. Faktisch also auch viele Menschen mit anerkanntem Fluchtgrund und Bleiberecht an den Ort zurückzusenden, an dem ihre Familien im Bürgerkrieg umkamen oder an dem sie von ihren eigenen Nachbarn an den IS und andere islamistische Milizen verraten wurden. Der Genozid an den Jesid*innen, erinnert ihr euch? Milizen, aus denen auch Al Jolani stammt, auf den bis vor kurzem ein internationales Kopfgeld ausgesetzt war, bevor er Uniform gegen Anzug, Al Jolani gegen Al Sharaa tauschte und sich als plötzlich gemäßigt darstellte. Nach seinem Amtsantritt - ob er tatsächlich plant, nur übergangsweise zu regieren, darf bezweifelt werden- gab es schnell erste Berichte über Verfolgungen von Minderheiten. Alawiten etwa, zu denen auch Assad gehörte, die deshalb aber keinesfalls alle treue Assadisten waren. Drus*innen, deren religiösen männlichen Figuren die Bärte abgeschnitten wurden. Und natürlich auch wieder Jesid*innen und Kurd*innen. Letztere versuchten mitten im Bürgerkrieg ein föderales demokratisches Projekt auf die Beine zu stellen, Rojava. Sicher nicht unfehlbar, aber mit Al Jolani und islamistischen Gruppen an der Macht vermutlich bald vor dem Aus. Das ist gerade knapp zusammengefasst die Situation in Syrien. Und es ist eine lange Vorrede für die Buchempfehlung, aber den Kontext braucht es zum Verständnis. Ronya Othmann, Autorin und Journalistin, die selbst aus der Region stammt, deren Vater staatenloser Kurde aus Syrien ist (dort gab es eine Zeit, in der Kurd*innen systematisch keine Staatsbürgerschaft erhielten), ist im vergangenen Jahr, kurz nach dem Sturz des Assad-Regimes, mit ihren Vater mehrmals nach Syrien gereist. Solange es noch geht, war der Gedanke, denn je nach künftiger Ausrichtung der neuen Machthaber wird das als jesidische Kurd*innen schwierig. Gemeinsam reisen sie durch ein Land im Umbruch, sprechen mit Menschen und beobachten, wie insbesondere in den stark von den islamistischen Gruppen, der HTS von Jolani, geprägten Gebieten, wie der fundamentalistische Islam an Einfluss gewinnt. Wenn Othmann beschreibt, wie sie in den kurdisch geprägten Gebieten in leichter Bluse herumlaufen kann, während sie in den islamistisch geprägten komisch angeschaut wird, weil sie kein Kopftuch trägt, wenn ie Sicherheitsbeamten ihre Pässe kopieren, weil es zwar gerade noch keinen neuen Geheimdienst gibt, aber es kann ja wieder einer kommen, wenn sie nebenbei erfahren, dass ihr Vater noch auf einer Liste des Geheimdienstes steht, dann wird deutlich, dass der Umbruch einerseits eng verbunden ist mit Kontinuitäten des Autoritären und dass der Gewinner dieses Assad-Sturzes vor allem ein radikaler Islam ist. Wenn Othmann und ihr Vater das jesidische Lager besuchen, in dem Überlebende des Genozids untergebracht sind, wenn sie darüber sprechen, dass mit dem Machtantritt Al Jolanis erneut Nachbar*innen von Dorfbewohner*innen verschwunden sind, weil sie Drus*innen waren, Angehörige anderer Minderheiten, dann fragt man sich wirklich, wie die gleiche Partei, die vor knapp 10 Jahren Verfolgte nach Deutschland geholt hat, um sie vor den Islamisten zu schützen, wie die gleiche Partei heute darüber sprechen kann, einen großen Teil dieser Menschen dorthin zurückzuschicken, wo sie nur knapp der Verfolgung bzw. dem Tod entkommen sind und wo Minderheiten nun nicht mehr verfolgt werden, weil sie nicht ins syrisch-nationalistische Konzept passen, sondern weil sie nicht ins islamistische Weltbild passen. Othmann berichtet aber auch von der Hoffnung, die viele Leute umtreibt. Sie begegnet Menschen, die vor Jahren geflohen sind und nun ebenfalls wieder zu Besuch, die selbst überlegen, ob es vielleicht doch eine Zukunft in der alten Heimat für sie geben könnte. Das alles ist prekär, was deutlich macht, dass es eben gerade auch Gelegenheitsfenster gäbe (!), demokratische Bestrebungen zu unterstützen. Die strategische und auf Abschiebung ausgerichtete Anerkennung Al Jolanis durch Regierungen weltweit – und ich benutze bewusst seinen alten Namen, weil ich die Selbstverharmlosung autoritärer, fundamentalistischer Gruppen nicht mitgehen will – ist dafür aber sicherlich nicht förderlich. "Rückkehr nach Syrien" ist in gewissem Sinn die Fortsetzung von "Vierundsiebzig", in dem Othmann sich mit dem Genozid an den Jesid*innen befasst hat. Das merkt man auch an der Sprache. Denn in "Vierundsiebzig", großer Lesetipp an dieser Stelle, hat Othmann im Schreiben über den Gen0zid eine Sprache entwickelt, die über die Grenzen dessen reflektiert, was mit Worten überhaupt ausgedrückt werden kann. Konkret heißt das, dass Beobachtung und die Reflexion dessen, was diese Beobachtung mit ihr macht und wie sich das alles ausdrücken lässt, durch Meta-Formulierungen wie "ich schreibe", "ich denke" usw. ausgedrückt wird. Das fand ich beim vorherigen Buch wahnsinnig eindrücklich und ähnlich passiert das auch hier. Dadurch gewinnt das Buch eine Tiefe, weil Othmann konkrete Beobachtungen, persönliche Erinnerungen und journalistische Einordnungen miteinander verbindet. Die knapp 200 Seiten werden dadurch ziemlich vielschichtig. Und ich glaube, nach dem Lesen wird deutlich, wie absurd die Idee ist, nun möglichst bald möglichst viele Menschen nach Syrien "zurückzuschicken". Deshalb ein dringlicher Lesetipp von mir.


