In Gesang in den Meeren verbindet Doreen Cunningham Naturbeobachtung, Wissenschaft und persönliche Erfahrung zu einer vielschichtigen Erzählung. Das Buch bewegt sich auf mehreren Zeitebenen: Im „Jetzt“ reist die Autorin mit ihrem kleinen Sohn Max den Walen hinterher; parallel dazu führt sie zurück in ihre Vergangenheit, als sie als Journalistin ein Inuitdorf in Alaska besucht, recherchiert und mit Walfängern hinausfährt. Gerade dieser frühere Abschnitt hat mich besonders überzeugt. Hier erfährt man viel über das Leben der Iñupiat, über ihren respektvollen Umgang mit der Natur und darüber, wie kapitalistisch geprägte Akteure diese Lebensweise ausnutzen. Diese Passagen waren für mich der inhaltliche Kern des Buches. Zwischen diesen Ebenen schiebt Cunningham immer wieder Rückblenden in ihre Kindheit und Jugend ein. Diese Einschübe konnten mich kaum fesseln; irgendwann habe ich sie recht großzügig überlesen. Ähnlich ging es mir mit den Passagen zur Mutterschaft und ihrem inneren Ringen damit. Das ist schlicht ein Thema, zu dem ich keinen Zugang finde und bei dem ich bewusst weitergelesen habe, um nicht in eine Leseflaute zu geraten. Ohne diesen Fokus auf das Kind hätte mir das Buch persönlich besser gefallen – auch wenn ich gut nachvollziehen kann, dass es für viele Leser*innen dadurch intimer und nahbarer wird. Bei mir war eher das Gegenteil der Fall. Inhaltlich stark sind die zahlreichen wissenschaftlichen Erklärungen, ergänzt durch Fußnoten und Quellenangaben, die zum tieferen Eintauchen einladen. Man lernt viel über Wale, ihre ökologische Bedeutung und darüber, wie massiv der Mensch ihnen zugesetzt hat. Diese sachlichen Teile empfand ich als bereichernd und gut aufbereitet. Der Schreibstil ist dabei grundsätzlich sehr gut: verständlich, aber nie banal. Allerdings können die häufigen Zeitsprünge verwirrend sein und haben meinen Lesefluss stellenweise gebremst. Was mich zunehmend gestört hat, ist der sehr starke Fokus auf die Autorin selbst. Ich war weniger an ihrer Person interessiert als an dem, was sie über Wale und die Inuit in Alaska erlebt und erfährt. Besonders ihre Reise den Walen hinterher wirkt stellenweise fast unangenehm obsessiv. Cunningham beschreibt eine tiefe Verbindung und deutet an, die Wale seien in besonderer Weise auch auf sie fixiert. Das las sich für mich nicht wie ein ruhiges Einssein mit der Natur, sondern eher wie eine Projektion, die beim Lesen ein ungutes Gefühl hinterlassen hat. Hinzu kommt ein teilweise widersprüchlicher Umgang mit Naturschutz: Einerseits der Wunsch nach Nähe zu den Walen, andererseits das gleichzeitige Postulat, man müsse sie „in Ruhe lassen“. Unterm Strich hat Gesang in den Meeren für mich starke und schwache Seiten. Die Einblicke in das Leben der Iñupiat, die wissenschaftlichen Hintergründe und die Schilderungen der ökologischen Zusammenhänge fand ich sehr gelungen und lehrreich. Die stark autobiografischen Teile, insbesondere zu Kindheit und Mutterschaft, sowie der fast missionarische Ton in Bezug auf ihre persönliche Wal-Verbindung haben mich dagegen eher auf Distanz gehalten. Deshalb lande ich am Ende bei 2,5 von 5 Sternen: ein Buch mit viel interessantem Inhalt, das mich thematisch oft überzeugt hat, mich emotional aber nicht wirklich abholen konnte.
In "Der Gesang in den Meeren" begleiten wir die Autorin Doreen Cunningham auf einer ungewöhnlichen Reise: Gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn folgt sie der jahrtausendealten Wanderroute der Grauwale von Mexiko bis nach Alaska – eine Reise, die für sie sowohl geografisch als auch emotional bedeutend ist. Immer wieder verwebt sie dabei Naturbeobachtungen mit Rückblicken auf ihre eigene Vergangenheit. Leider konnte mich das Buch trotz des eigentlich interessanten Settings nicht wirklich überzeugen. Zwar sind einige Naturbeschreibungen und wissenschaftliche Einblicke durchaus gelungen, doch die Erzählweise ist häufig unruhig und repetitiv. Ich hatte den Eindruck, die Autorin möchte unbedingt ihre eigene Geschichte mit einbinden, was die Übergänge zwischen persönlicher Geschichte und Naturbeobachtung oft gezwungen wirken ließ. Hinzu kommt, dass ich emotional keinen richtigen Zugang zur Autorin gefunden habe. Vieles wird zwar geschildert, aber wenig wirklich fühlbar gemacht. Der Text bleibt seltsam distanziert, obwohl er von sehr persönlichen Erfahrungen handelt. Insgesamt hätte ich mir mehr Klarheit, Fokus und Tiefe gewünscht. So bleibt das Buch für mich eher eine interessante Idee als ein wirklich mitreißendes Leseerlebnis.
Grundsätzlich eine bewegende Geschichte, allerdings zu viele zeitliche Sprünge und unwichtige Informationen und gefühlte gespielte Emotionen.
Eine sehr bewegende Geschichte und noch dazu sehr informativ.
Spannender Mix aus Autobiographie, Reisebericht, Biologieunterricht und Geschichtsstunde. Toll.

[Werbung. Rezensionsexemplar.] Okay, wahrscheinlich war die Kluft zwischen dem, was ich mir vorgestellt habe und dem, was ich dann tatsächlich gelesen habe, noch nie so groß. Aus diesem Buch gehe ich deshalb mehr als enttäuscht raus… Doreen begibt sich also mit ihrem Sohn Max auf eine Reise, um Walen zu folgen. Es soll die Beziehung zwischen Mutter und Sohn festigen, es soll ein engeres Band geknüpft werden. Diese Intention kann ich tatsächlich nachvollziehen, das Verständnis kam dafür aber erst fast am Ende. Für mich war also der Aufbau der Erzählung nicht ganz schlüssig. Die Autorin und BBC-Journalistin hat es hinbekommen, zwei Zeitstränge zu verbinden, aber viel zu abstrus, weil es zwischendurch immer wieder abrupte Sprünge zwischen den Zeiten gab. Sehr erschwerlich beim Lesen, schön und hilfreich war es leider nicht… Die Zeit, die die Journalistin vor einigen Jahren in Alaska bei einem indigenen Volk verbracht hat, war für mich mit am interessantesten. Gespickt mit (für meinen Geschmack viel zu wenig!) Wissen über Wale und den Klimawandel, waren diese Kapitel eindeutig meine Liebsten. Den Erzählstrang über die Reise mit Doreens Sohn Max hätte es für mich im Nachgang persönlich überhaupt nicht gebraucht. Hier wurde gefühlt nur über irgendwelche uninteressanten Begegnungen geschrieben. Verschenktes Potential, denn hier hätte man definitiv die Zeit für Fachwissen gehabt - mehr über die verschiedenen Walarten, über das Artensterben, über den Klimawandel und dessen Folgen, über den Walfang, der für indigene Völker überlebenswichtig ist. Ich hätte mir deutlich mehr Input bezüglich des Klimawandels gewünscht. Ein Thema, das uns alle angeht und über das Doreen Cunningham als gelernte Umweltingenieurin bestens Bescheid wissen sollte - immerhin hat sie dies mehrmals erwähnt, wieso dann nicht vertiefen? Wieso hier die Kritik an die Medien anfangs hervorgehoben wurde, die die Autorin dann aber nicht aufgegriffen und selbst über die Probleme des Klimawandels berichtet hat, bleibt für mich schleierhaft. Zumindest konnte ich einiges vom Volk der Iñupiat lernen, auch wenn dies nicht direkt vom Volk, sondern von Doreen Cunningham als (wenn man so will) Zaungast weitergegeben wurde. Aber immerhin - denn vielen fehlt hier natürlich auch das Wissen und so bin ich froh, dass ich hier dazu gelernt habe. Für „Der Gesang in den Meeren“ von Doreen Cummingham kann ich aber leider keine Empfehlung aussprechen, mir war es zu viel Gefühlsduselei, zu viel Banales und es fehlte meiner Meinung nach an (Fach-)Wissen. Schade!





