Maar versucht den Stil in der deutschen Literatur zu ergründen. Am Anfang gefiel mir die Untersuchung noch. Dann begann eine Sammlung von Anekdoten, Geschichten und Beurteilungen deutscher Autoren, manchmal verdächtig kontrovers. Wem gilt das Buch? Mir als literaturaffinem Amateur jedenfalls nicht, ich fand das endlos zäh, prätentiös und habe den Großteil des Geplauders überblättert. Aber ich bin sicher, Maar hat eine Zielgruppe, die seine Recherche, seinen Witz und seine Ausschweifungen zu deutscher Literaturgeschichte zu schätzen weiß.
Für mich eine Herausforderung diesem Werk in einer Bewertung wirklich gerecht zu werden.
Stellenweise hochinteressant und zugleich aus meiner Sicht insgesamt ganz anders, als erwartet durch die vielen Analysen verschiedener Autoren und deren Schreibstils.
Insbesondere das erste Drittel über die sprachlichen Instrumente und der "kürzest Ausflug" in die Lyrik waren bereichernd für mich.
Die Ausgabe der Büchergilde ist optisch ein Hingucker für das Bücherregal und jeden Literaturliebhaber, für mich jedoch kein Highlight, das bleibt, leider.
❤️
WER SPRICHT?
Unabhängig davon, ob man in die Feuilletons, die sozialen Medien oder Buchpreisjurys schaut: diese Frage war in den letzten Jahren auch im Literaturbetrieb eine, um die man nicht herumkommt, ja deren Antwort sogar entscheiden kann über den Wert, der einem Text
attestiert wird. Weniger (oder besser) keine cis Männer mehr lesen, dafür mehr Stimme von FLINTA im Regal versammeln? Weniger Nazihintergrund, biodeutsch und Weiß, dafür mehr BIPoC, um marginalisierten Perspektiven Sichtbarkeit und Gehör zu verschaffen, den eigenen Horizont dahingehend erweitern, dass man endlich die eigenen Privilegien erkennen möge und Leid anerkennen, das bisher missachtet wurde? Im patriarchalen und weißen Literatur- und Bildungswesen sind dies zweifelsohne wichtige und richtige Anliegen, der Einwand, dass ein Text jedoch nicht ausschließlich anhand der
Identitätsmerkmale von Autor*innen, Erzähler*innen und entsprechenden Themen beurteilt werden kann, sollte ein Allgemeinplatz sein, scheint allerdings zunehmend in den Hintergrund zu rücken. Aber was ist es, was einen fiktionalen Text zu einem guten Text macht? Irgendwas muss es mit dem Material, aus dem diese Text sind zu tun haben und Michael Maar beleuchtet dieses Material, um eine Antwort darauf zu geben, was den Stil eines Textes gut macht, wann dieser herausragend ist und wo Fallstricke liegen, in denen vielleicht ab und an gar Qualität verborgen liegt. Klug, unfassbar belesen und phasenweise unglaublich witzig beleuchtet Maar einzelne Textausschnitte, zeigt auf, was gut du schlecht, was über- und was seiner Meinung nach unterbewertet wird in der Literaturgeschichte. Dabei imitiert er den Stil der Besprochenen, persifliert ihn, kommentiert manchmal böse, manchmal ironisch und immer nachvollziehbar.
Michael Maar lässt die Frage nach der Perspektive, danach wer spricht bewusst außen vor und schafft es trotzdem, Missstände im Bereich kanonisierter Literaturklassiker implizit aufzuzeigen und diesen entgegenzuwirken. So ist Maar sich seiner patriachalisch geprägten Lesesozialisation bewusst und er weist auf das Geschlechter-Missverhältnis im Kanon
aufgrund der Missachtung weiblicher Autorinnen hin und stellt neben Johanna
Schopenhauer, Bettine von Arnim (geb. Brentano) mit Rahel Varnhagen eine von ihnen gar auf die zuvor von ihm etablierte oberste Stil-Stufe gemeinsam mit Goethe.
Der Deutschunterricht war ein Graus und eine Versöhnung mit dem Fach wäre mal nötig bzw. ihr wollt mal ein richtig gutes Buch über Literatur lesen? Zugreifen!