30. Mai
Rating:3

Originelle Gender-Komödie mit witziger Verwandlungs-Idee – solide unterhaltsam, aber leider sehr vorhersehbar.

Praktikantin wird Kerl – wenn der kleine Unterschied im Job alles entscheidet Felicitas ist 30, klug, ehrgeizig und immer noch Praktikantin in einer männerdominierten Fernsehredaktion. Als die heißbegehrte Journalistinnen-Stelle frei wird, ist sie sich sicher: Diesmal ist sie dran. Doch dann kommt die böse Überraschung. An ihr vorbei wird ausgerechnet ihr offensichtlich unqualifizierter männlicher Kopraktikant befördert. Was, bitte, hat dieser Typ, das sie nicht hat? Felicitas dämmert langsam, welch große Auswirkungen „der kleine Unterschied“ im Berufsleben hat und warum Frauen so oft den Kürzeren ziehen. Statt zu resignieren, ergreift sie eine radikale Maßnahme: Sie verkleidet sich als Mann. Aus Felicitas wird ein Kerl, und plötzlich erlebt sie die Welt aus einer komplett neuen Perspektive. Doch was als beruflicher Geniestreich beginnt, wird kompliziert, sobald die Liebe ins Spiel kommt – und das tut sie unweigerlich. Das war für mich das absolute Highlight des Buches, und der Grund, warum ich dem Roman trotz Schwächen 3 Sterne gebe: Felicitas‘ Verwandlung als Mann. Die Idee, dass eine Frau sich als Mann verkleidet, um die Männerwelt von innen kennenzulernen, ist nicht neu (man denke an Filmklassiker wie „Tootsie“ oder „Victor/Victoria“), aber sie funktioniert immer wieder. Silke Neumayer holt aus diesem Setting durchaus charmante, komische Momente heraus. Besonders amüsant fand ich die Szenen, in denen Felicitas merkt, wie anders sie als Mann behandelt wird, im Job wie privat. Plötzlich wird ihr zugehört. Plötzlich werden ihre Vorschläge ernst genommen. Plötzlich darf sie laut sein, ohne als „zickig“ abgestempelt zu werden. Diese kleinen, treffenden Beobachtungen über alltägliche Geschlechter-Ungleichheiten sind die Stärke des Romans. Hier funktioniert die Komödie als gesellschaftlicher Spiegel, und das ist klüger, als es auf den ersten Blick scheint. Silke Neumayer schreibt locker, flott und mit einem feinen Gespür für Dialoge. Man merkt ihr den Drehbuchautoren-Hintergrund an: Die Szenen sind klar konturiert, die Pointen sitzen, der Erzählton bleibt durchgehend leicht. Das Buch liest sich in einem Rutsch – knappe 256 Seiten, perfekt für einen Sonntagnachmittag oder den Urlaubsstrand. Was ich positiv hervorheben möchte: Trotz des feministischen Themas wird das Buch nie „moralinsauer“, wie es eine andere Leserin treffend formulierte. Neumayer will unterhalten, nicht belehren. Die Gleichberechtigungs-Botschaft schwingt mit, wird aber nie mit dem Holzhammer serviert. Das macht den Roman zu einer angenehmen, nicht anstrengenden Lektüre. Und jetzt zu den Gründen für meine 3 Sterne. Mein größter Kritikpunkt: Die Handlung ist sehr vorhersehbar. Wer schon ein paar romantische Komödien gelesen oder gesehen hat, weiß früh, wohin die Reise geht. Felicitas verkleidet sich als Mann, hat erst Erfolg, verliebt sich (was zu komplizierten Verwicklungen führt), und am Ende läuft alles auf das absehbare Happy End hinaus. Die einzelnen Stationen dazwischen sind unterhaltsam, aber selten überraschend. Das ist genretypisch – Frauenromane funktionieren oft nach diesem bewährten Muster. Wer das mag und keine literarische Innovation erwartet, wird damit kein Problem haben. Mir persönlich fehlte aber die echte Überraschung, der ungewöhnliche Twist, der diesen Roman aus dem genretypischen Mittelmaß heben würde. Mein zweiter Punkt: Der Humor des Romans ist mir an einigen Stellen nicht so richtig durchgekommen. Neumayer schreibt zwar witzig, aber die ganz großen Lacher blieben bei mir aus. Das ist Geschmackssache – ich habe einige Stimmen gelesen, die das Buch als urkomisch empfanden. Für mich war es eher schmunzelnd-unterhaltsam als laut-lustig. Andere Leserinnen haben es deutlich amüsanter empfunden, das muss ich fair anerkennen. Vielleicht wirkt das Buch heute, über 15 Jahre nach seinem Erscheinen, auch etwas datiert. Manche Gender-Witze, die 2009 frisch wirkten, sind in einer Zeit nach #MeToo und mit aktuellen Debatten über Geschlechterrollen, Diversität und Identität nicht mehr so pointiert wie damals. Was nichts Schlechtes über das Buch sagt, aber es zeigt, dass es ein Produkt seiner Zeit ist. Was mir gefallen hat: Felicitas ist eine sympathische, nahbare Hauptfigur. Sie ist nicht die strahlende Powerfrau, sondern eine ganz normale 30-Jährige, die im Beruf festhängt und sich fragt, was eigentlich schiefläuft. Man kann sich gut in sie hineinversetzen – ihren Ärger nachvollziehen, ihren Kampfgeist bewundern, ihre kleinen Schwächen verzeihen. Neumayer zeichnet sie mit Wärme und ohne sie zu überhöhen. Was ich allerdings vermisst habe: eine tiefere Charakterentwicklung. Felicitas erlebt einiges, lernt die Männerwelt kennen, kommt der Wahrheit über Geschlechter-Verhältnisse näher, aber als Figur entwickelt sie sich für mein Empfinden zu wenig. Sie bleibt von Anfang bis Ende ähnlich. In einem Buch, das das Geschlechterthema so prominent verhandelt, hätte ich mir hier mehr Tiefe gewünscht. „Die Männerversteherin“ ist genau das, was sie sein will: ein leichter, humorvoller Frauenroman mit einer charmanten Idee und einer kleinen Gender-Botschaft. Wer das sucht und nichts darüber hinaus erwartet, wird gut unterhalten. Wer auf literarische Tiefe, originelle Wendungen oder einen ungewöhnlichen Erzählansatz hofft, sollte zu anderen Büchern greifen. Mein Fazit: „Die Männerversteherin“ ist ein solider Frauenroman mit einer charmanten Gender-Verwandlungs-Idee. Silke Neumayer unterhält angenehm, schreibt flüssig und trifft mit ihren Beobachtungen zur Geschlechter-Ungleichheit im Berufsleben einige wichtige Punkte. Aber die vorhersehbare Handlung und der nicht durchgehend zündende Humor verhindern, dass das Buch wirklich nachhaltig wirkt. Wer leichte, humorvolle Frauenromane mit einer kleinen feministischen Note liebt und keine literarische Innovation erwartet, kann hier locker einen Stern draufrechnen. Für einen entspannten Sonntagnachmittag oder den Strandurlaub ist das Buch aber durchaus geeignet – einfach mit den richtigen Erwartungen herangehen. Empfehlenswert für Fans leichter Frauenromane und romantischer Komödien wie Amelie Fried, Hera Lind, Ildikó von Kürthy oder Kerstin Gier in ihren Frauenroman-Werken. Für alle, die humorvolle Gender-Komödien mit kleinen feministischen Beobachtungen schätzen. Auch eine gute Wahl für den Strandurlaub oder als leichte Zwischendurch-Lektüre. Eher nichts für Leser:innen, die literarisch anspruchsvolle Belletristik oder originelle, überraschende Plots erwarten. Auch nichts für dich, wenn du moderne, aktualisierte Gender-Debatten und differenzierte Auseinandersetzungen mit Geschlechterrollen suchst – das Buch ist von 2009 und merklich in seiner Zeit verhaftet. Wer einen ganz großen Lacher will, könnte enttäuscht werden.

Die Männerversteherin
Die Männerversteherinby Silke NeumayerPiper