Für mich ein wahrer Lesegenuss, wenn auch teils schwer verdaulich. Vieles war mir neu und hat meinen Blick noch einmal ganz neu gelenkt und so manche Erkenntnis gebracht. Besonders das Ausmaß schierer Alternativlosigkeit jener Zeit, wollte man überleben ... Gegen Ende lief dann auch die eine oder andere Träne bei mir, hatte ich die 3 Erichs doch sehr in mein Herz geschlossen.
Ich hatte bis zum Schluss Schwierigkeiten, mich an den Stil zu gewöhnen. Kurze wörtliche Rede , dann im Konjunktiv weitererzählt, um die Gedanken darzustellen. Interessant fand ich die Erkenntnis, dass Kästner es geschafft hat, durch Glück und Beziehungen zur Filmwelt zu überleben, im Gegensatz zu den beiden anderen Erichs. Und immer ist er umsorgt worden von seinem Muttchen, seiner langjährigen Sekretärin und verschiedenen Liebelei- Bekanntschaften. Schade, dass über die Zeit nach dem Krieg nicht mehr berichtet wurde, war er doch als Journalist bei den Nürnberger Prozessen anwesend. Ein passender Satz am Ende des Romans: „ Komm, es geht weiter.“ Ein Lob für den Anhang, in dem zu den Personen kurze Notizen erscheinen.

»Jetzt ist es so weit, dachte Erich, jetzt herrscht die verkehrte Welt.«
Als die beiden Freunde Erich Kästner und Erich Ohser ihre Anstellung bei der Neuen Leipziger Zeitung, aufgrund des illustrieren Gedichts „Nachtgesang eines Kammervirtuosen“, verlieren, entschließen sie sich nach Berlin aufzubrechen. Dort begleiten wir die drei Erichs – denn Erich Knauf zählt ebenfalls zu diesem Dreigestirn –, auf ihren Wegen, die immer wieder zueinander finden. Kästner schreibt sein erstes Kinderbuch „Emil und die Detektive“ und es wird ein voller Erfolg. Dabei und bei vielen anderen Projekten wird er von seiner neuen Sekretärin Elfriede Mechnig unterstützt. Auch sonst spielen verschiedenste Frauen, die mal kürzer oder länger auftauchen, in seinem Leben keine geringe Rolle. Doch seine Berliner Zeit wirft schon kurz darauf seine Schatten. Die Nationalsozialisten nehmen, nicht nur im öffentlichen, kulturellen Leben, immer mehr Macht ein. Kästner wird Zeuge, wie seine Bücher verbrannt werden und alle drei Erichs wissen, dass keine leichten Zeiten auf sie zusteuern und nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihr Privatleben aufgrund politischer Äußerungen nicht mehr sicher sein werden. Da ich Tilman Röhrigs Romanbiografie „Und morgen eine neue Welt“ über Friedrich Engels, die vor einigen Jahren erschienen ist, schon sehr mochte, war ich auf diese über Kästners Berliner Jahre sehr gespannt und wurde nicht enttäuscht. Röhrig erzählt eindrücklich, nah am Geschehen und so, als würde man als Leser*in all diese Perspektiven und Geschehnisse selbst durchleben. Das Aufkommen der Nationalsozialisten und ihrer Ideologie sowie das Leben von Künstler*innen während dieser Zeit wirkt dabei zugleich als eindringliche Warnung. Auch wenn die geschilderten Ereignisse hinsichtlich der drei Erichs in diesem Roman mir nicht unbekannt waren, habe ich dennoch immer wieder gehofft, ihre Schicksale würden einen anderen – besseren – Verlauf nehmen. Bei Romanbiografien bin ich mittlerweile skeptisch, aber von dieser bin ich hellauf begeistert!
Beeindruckend, gut recherchiert, lehrreich. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite.
Der große Erich-Kästner-Roman ist der Untertitel dieses lesenswerten und leicht geschriebenen Buches, dessen Handlung vorhersehbar ist, wenn man schon einige Biografien über Kästner gelesen hat. Für alle anderen wird deutlich, wie schwierig das Überleben als Künstler im Dritten Reich war. Was mich vollends begeistert, ist die Tatsache, dass Erich Ohser und Erich Knauf als wirkliche Freunde Kästners durch dieses Buch lebendig werden - gerade sie und ihr tragischer Tod dürfen nicht vergessen werden. Dass Kästner nach dem Krieg nicht mehr zu seiner Leichtigkeit beim Schreiben zurückkehren konnte, das kann ich gut verstehen!




