Große Fragen, klare Sprache, kluge Antworten
Hanno Sauer gelingt etwas, woran viele Sachbücher scheitern: akademische Substanz mit echter Lesbarkeit zu verbinden. Seine Geschichte der Moral umspannt fünf Millionen Jahre und endet in den Debatten von heute, und das in einer Sprache, die nie ins Akademische abrutscht, aber auch nie zur Vereinfachung greift. Die Gliederung in sieben Zeitfenster, jeweils eine Zehnerpotenz kürzer als das vorherige, gibt dem Buch einen ungewöhnlichen Sog und eine starke gedankliche Architektur. Besonders eindrucksvoll ist, wie Sauer Befunde aus Evolutionsbiologie, Anthropologie und Philosophie zu einer Erzählung verbindet, ohne den jeweiligen Disziplinen Gewalt anzutun. Er denkt fair, auch gegenüber Positionen, die er nicht teilt, und würzt seine Argumentation mit feiner Ironie. Etwas weniger überzeugend ist das letzte Kapitel zur unmittelbaren Gegenwart, das gegenüber den langen Bögen davor stellenweise tagespolitisch wirkt. Ein außergewöhnlich kluges, anregendes Buch für alle, die große Linien und philosophische Tiefe gleichzeitig suchen und ihr eigenes Denken gern produktiv irritieren lassen.



