23. Nov.
Eine weltberühmte Geschichte, erzählt aus einer anderen Sicht
Rating:4

Eine weltberühmte Geschichte, erzählt aus einer anderen Sicht

"Miep hatte ihre Freunde nicht retten können, aber diese zwei Jahre hatte sie ihnen schenken können." [Rezensionsexemplar] Warum schreibt man ein Buch über eine Geschichte, die jeder kennt? - Weil es immer mehrere Erzählweisen gibt. Mehrere Erlebnisse ein und derselben Geschichte, die in diesem Fall erzählt werden müssen, die längst überfällig sind. Die Geschichte der Anne Frank und ihrer Familie ist bekannt, den Namen Miep Gies hat in diesem Zusammenhang wohl auch jeder schon gehört. Wer aber war Miep Gies wirklich? Was ist ihre Geschichte? Diese Romanbiographie beschäftigt sich mit genau dieser Frage, erzählt aus der Sicht von Miep Gies, die 1909 als Hermine Santrouschitz in Wien geboren wurde und nach dem ersten Weltkrieg halb verhungert von ihrer bettelarmen Familie über eine Organisation zum Aufpäppeln in die Niederlande geschickt wurde. Dort kam sie als Pflegekind in eine große Familie, wurde herzlich aufgenommen und erfuhr nur Gutes. Ende der 30er fing sie an, im Betrieb von Otto Frank in Amsterdam zu arbeiten und pflegte von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Chef und seiner Familie. Man befand sich im Krieg, die Schlinge um die Hälse der jüdischen Mitbürger zog sich immer enger und irgendwann kam der Tag, an dem die komplette Familie Frank untertauchen musste, um der Deportation zu entkommen. Man weiß, dass die Franks, Familie van Pels und ein befreundeter Zahnarzt sich zwei Jahre lang im Hinterhaus der Firma Frank versteckt hielten - zwei Jahre, in denen Miep Gies täglich acht Leute mit Nahrung und Notwendigem versorgte, in denen sie bei der Knappheit von wirklich allem nicht nur tricksen, sondern auch aufpassen musste, nicht aufzufallen. Zwei Jahre, in denen Miep tagsüber die Firma am Laufen hielt und rund um die Uhr ihr Leben aufs Spiel setzte. Trotz aller Angst, die sie dabei ausstand, war es für sie eine Selbstverständlichkeit. Dieses Buch erzählt ihre Geschichte. Eine sehr wichtige Geschichte. Sie ging nicht gut aus und der letzte Dienst, den Miep erweisen konnte, war, Annes Tagebuch zu retten, das heute weltberühmt ist.

Die Kastanien an der Gracht – Miep Gies und das Tagebuch der Anne Frank
Die Kastanien an der Gracht – Miep Gies und das Tagebuch der Anne Frankby Agnes ImhofPiper
17. Juli
Rating:5

1942, die Familie Frank muss untertauchen um dem Naziregime zu entkommen. Otto Frank hat alles vorbereitet und bittet seine Sekretärin, Miep Gies, um Hilfe. Miep zögert nicht und ist bereit zu helfen. Unterstützung bekommt sie von ihrem Mann und einigen eingeweihten Kollegen. Wer kennt sie nicht, die Geschichte des Hinterhauses, das zum Versteck der Familie Frank und ihren Freunden wurde. 2 Jahre lang versorgt Miep die Familien mit Lebensmitteln und sorgt für ein wenig Ablenkung. 2 Jahre lang ist die Angst und die Sorge vor Entdeckung ihr ständiger Begleiter, aber davon lässt sie sich nicht beeindrucken. Sie tut alles, um die versteckten Familien zu schützen und nimmt in Kauf selbst verhaftet und ins KZ verschleppt zu werden. Der Roman erzählt die Geschichte aus Mieps Perspektive. Hauptsächlich geht es natürlich um die Zeit ab 1942, aber es gibt auch immer wieder Rückblicke. Zum Beispiel in die Anfangszeit von Otto Frank in Amsterdam und wie Miep und er sich kennenlernen. Wie und warum Miep überhaupt von Österreich in die Niederlande gekommen ist, oder wie sie Ihren Mann Jan kennengelernt hat. Diese Rückblicke haben mich manchmal etwas durcheinander gebracht. Ich musste immer mal wieder zurück blättern, um zu gucken in welchem Jahr wir überhaupt sind. In den Passagen ab 1942, als die Familien untergetaucht sind, ist die Angst vor Entdeckung in jeder Zeile zu spüren. Wir begleiten Miep bei ihrem täglichen Kampf darum genug Lebensmittel zu bekommen ohne aufzufallen. Wem kann man in diesen Zeiten überhaupt noch vertrauen? Neben der Angst und der Traurigkeit gibt aber auch immer wieder schöne Augenblicke. Geburtstage, die gemeinsam im Hinterhaus gefeiert werden, oder Annes leuchtende Augen, wenn Miep ihr etwas besonders Schönes mitgebracht hat. Miep und ihre Helfer waren für die versteckten Familien ein täglicher Lichtblick in diesen düsteren Zeiten. Sie hat sich nie als Heldin gesehen, in meinen Augen war sie das aber. Genauso wie die anderen, die sich dem Widerstand gegen die Nazis angeschlossen haben. Dieses Zitat von Miep fand ich sehr traurig, aber auch sehr schön. „Ich konnte die Familien nicht retten, ihnen aber 2 Jahre schenken.“ Gute Recherche und ein angenehmer Schreibstil. Die Autorin schreibt mit einem gewissen Fingerspitzengefühl über die Personen und Geschehnisse. Sicher keine leichte Aufgabe. Trotz des bedrückenden Themas eine klare Leseempfehlung.

Die Kastanien an der Gracht – Miep Gies und das Tagebuch der Anne Frank
Die Kastanien an der Gracht – Miep Gies und das Tagebuch der Anne Frankby Agnes ImhofPiper