10. Mai
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Vielleicht wird es Leser geben, die diese Geschichte als letztes Werk eines Musikers lesen werden, ...

... in dem die Melodie wichtiger ist als der Text. Und die Melodie hat niemals einen "Sinn". Dennoch drückt sie etwas aus, was sich mit Worten nicht sagen lässt. Vielleicht ist es nicht besonders fein, eine Rezension mit den Schlusssätzen eines Romans einzuleiten. Und doch können diese Sätze aufschlussreich sein und den Ausschlag dafür geben, ob man sich diese Lektüre zumuten möchte - oder nicht. Dies war der letzte Roman, den Sándor Márai (1900 - 1989) in Ungarn schrieb, bevor er 1948 seine Heimat verließ. A nővèr - eine Krankenschwester, so lautet der Titel im Original. Ein Roman mit so einem harmlosen Titel, im dem es aber um existenzielle Fragen des Menschseins geht. Kein Wort dieses sperrigen Romans ist einfach so aufs Papier gesetzt worden. Nein, der Autor fordert den Lesenden ständig heraus und verwischt in seiner Geschichte geschickt die Grenzen des Fassbaren und reißt an den Fäden des Bewussten. Obwohl der Hauptteil des Romans in einem modernen Krankenhaus spielt, scheint sich unter die wissenschaftliche Ebene der Medizin ein dunkles und mysteriöses Element zu schieben, welches sich durch die Risse des Unbewussten schiebt - oder ist dies nur die Wirkung des "chemischen Stelldicheins" (Seite 174), welches zunehmend nicht nur des Nachts die Sinne des Ich-Erzählers Z. vernebelt? Die Rahmenhandlung wird durch eine Begegnung eines Schriftstellers in einem Berghotel mit dem ehemals sehr bekannten Musikers Z. bestimmt. Der Musiker, ein begnadeter Pianist, hatte sich aus unbekannter Ursache plötzlich aus der Öffentlichkeit zurück gezogen. Und zunächst zeigt er sich auch gegenüber dem Erzähler der Ereignisse sehr reserviert. Durch den Aufruhr über den gemeinsamen Suizid eines Paares im Hotel - ausgerechnet an Heiligabend - kommen unsere Protagonisten ins Gespräch. Z. vertraut dem Gegenüber an, dass er eine schwere Krankheit überdauert habe, aber die Finger seiner Hand Lähmungen davon getragen hätten, weshalb er nie wieder spielen könne. Über die Zeit seiner besonderen Krankheit habe er Aufzeichnungen, die er dem Schriftsteller gerne anvertrauen wolle. Doch dies bleibt das einzige vertrauliche Gespräch. Erst einige Zeit später erhält der Schriftsteller einen Umschlag mit dem besagten Manuskript, welches ihm aus dem Nachlass von Z. hinterlassen wurde und welches nachfolgend den Hauptteil des Romans bildet. Ein besonderes Augenmerk sollte man natürlich auf die Krankenschwestern des Romans lenken, die "stummen Augenzeugen des geheimen nächtlichen Stelldicheins, seine Wortlisten Helfer, diese engelsgleichen Kuppler" (Seite 176): die Schwestern Dolorissa ("dolor" = Schmerz), Cherubina (die "Engelhafte"), Charissima (die Liebste, die "Anmutige") und Matutina ("Matutin" = das Nachtgebet). Sprechende Namen haben diese Schwestern also und besonders interessant erscheint hier der Name Charissima. Wenn auch der Name selbst im Text mit die Liebste wiedergeben wird, lässt das "h" hinter dem ersten Buchstaben aufhorchen: da steckt doch "Charis" in dem Wort, welches sich auf die Chariten, die Schwestergöttinnen, bezieht. Aber halt - hat Rafael nicht nur drei Grazien gemalt?! Nun, das stimmt, aber interessant ist, dass manchen Quellen zufolge noch eine Vierte im Bunde war und diese stand - wer hätte es gedacht - für Eros. Delikat ist die Anspielung auf die Mystik aus der Antike allemal und dies ist nur eine zusätzliche Ebene in dem hochkomplexen Romankonstrukt. Wer also die Herausforderungen eines vielschichtigen und durchaus verstörenden Romans mit sehr viel Krankengeschichte nicht scheut, kann sich diese Lektüre vornehmen. FAZIT Hätte dieser Roman nicht diesen letzten Absatz gehabt, wäre ich absolut verstört und zusammengefaltet aus der Lektüre gegangen. Doch so ist das diffuse Gefühl eines sich verschließenden Textes etwas abgemildert worden. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans war die Verbindung zwischen einem psychischen Konflikts und der Erkrankung eines physischen Leidens in der Medizin noch nicht mit dem Begriff Psychosomatik belegt. Interessant ist in dem Zusammenhang dass der Professor an einer Stelle den Begriff Nihil (Seite 191) für die Krankheit verwendet, was Nichts, oder Nichtigkeit bedeutet. Obwohl diese Gedankenspiele bezüglich der Körper Geist Problematik im Roman spannend dargestellt werden, bleibt doch ein Wermutstropfen, weil gerade im Bereich der neurologischen Erkrankungen viel menschliches Leid entstehen kann, wenn diese fälschlich der Psychosomatik zugeordnet werden (wie z.b. die MS-Erkrankung noch vor einigen Jahrzehnten). Daher sollte man bei der Lektüre im Auge behalten, dass wir uns im Bereich der Fiktion befinden und philosophische Fragestellungen im Fokus stehen. Sollte sich jemand finden, der den Roman bereits kennt oder ihn in naher Zukunft lesen wird, wäre ich über einen Austausch sehr verbunden.

Die Schwester
Die Schwesterby Sándor MáraiPiper