Interessante Verknüpfung zwischen dem soziologischen Thema der Resonanz als wichtiges Instrument in einer Demokratie und der Religion, die einen Raum für ebendiese Resonanz bietet Aufgrund der Kompaktheit des Buches fehlt es leider an Tiefgang und es hat mir nicht allzu viele neue Denkanstöße beschert.
Ist Religion ein überholtes Konzept?
Als ich neulich durch die Bücherei stöberte, fiel mir dieses Buch auf. Als Christin ist die Frage, ob Religion denn überhaupt noch eine Daseinsberechtigung hat, durchaus omnipräsent. Während ich natürlich bejahen würde, gehöre ich mit dieser Meinung jedoch zu einer Minderheit. Hartmut Rosa wiederum war mir aus ganz anderen Gründen ein Begriff. Als selbst Studentin an der Uni Jena ist mir der Name des Professors natürlich ein Begriff, insbesondere, da ich mich für Soziologie interessiere und auch schon im beruflichen Kontext mit Rosas Theorie der Resonanz in Berührung kam. „Demokratie braucht Religion“ ist die Verschriftlichung einer Rede Rosas, die er im Rahmen einer kirchlichen Tagung hielt. Der Soziologe entwickelt über die Rede hinweg die Antwort auf die Frage, ob Religion denn überhaupt noch zeitgemäß ist. Und um diese Antwort nachvollziehen zu können, muss man nicht unbedingt selbst glauben. Rosa bemängelt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die immer mehr Energie aufwenden muss, um den eigenen Lebensstandard zu halten. Dies führt unweigerlich zu einer Aggressionsgesellschaft, was sich wiederum darin äußert, dass die Fronten verhärten. Und mal ehrlich: wer würde das heutzutage nicht unterschreiben? Um diese festgefahrene Position zu beenden und wieder Resonanz erfahren zu können, plädiert Rosa, man solle wieder „auf-hören“, im Sinne von hinhören, auf andere hören, ansprechbar sein, in den Dialog treten. Welche Rolle dabei die Religion spielen kann, nehme ich hier nicht vorweg. So viel jedoch: Als ich zu dem Büchlein griff, war ich in Sorge, ob ich es trotz der wenigen Seiten rasch gelesen haben würde. Denn bei Fachbüchern stellt sich bei mir recht schnell Ermüdung und Konzentrationsschwäche in, ganz gleich, wie interessant. Aber Pustekuchen: Ich habe die Rede nicht mehr aus der Hand legen können und beinahe in einem Rutsch durchgelesen. Da das Buch nicht nur sehr unterhaltsam und gut geschrieben ist, sondern auch zum Nachdenken anregt und in meinen Augen heute nicht relevanter sein könnte, empfehle ich es wirklich jedem Leser - ganz ungeachtet der (Nicht-)Religionszugehörigkeit. Denn Rosa beschreibt auch und vor allem, wie wir als Gesellschaft wieder in Resonanz leben können und zeigt auf, auf was für festgefahrenen und eigentlich absurden Wegen wir wandeln. Um es mit Rosas Worten zu sagen: seine Rede hat mich berührt und in mir Resonanz hervorgerufen. Über seine Worte werde ich definitiv noch eine Weile nachdenken und meinen eigenen Alltag reflektieren. Höre ich genug auf?

Interessanter Ansatz, doch fehlt die schlüssige Argumentation
Ich lese gerne Bücher, die sich mit dem Verhältnis von Religion/ Glaube/ Kirche mit Gesellschaft oder Politik beschäftigen, weshalb ich schon gespannt war, was der Soziologe Hartmut Rosa dazu sagen würde. Mein Problem fängt schon bei der Titelwahl an: "Demokratie braucht Religion". Bin ich die einzige, die einen generellen Blick auf Religion oder verschiedene Religionen erwartet hat? Am Ende geht es nur um die katholische Kirche. Der Autor hält sich sehr lange mit einer Gegenwartsdiagnose auf, der ich grundsätzlich zustimme (es findet in unserer Welt nur noch Wachstum um des Wachstumswillen statt und um den Status Quo zu erhalten), doch nimmt sie zu viel Raum ein, sodass die eigentlich These untergeht. Auch wurde mir nicht so klar, warum es für die Demokratie ausgerechnet die katholische Kirche braucht. Resonanzräume (Resonanz ist das Lieblingswort des Autors) können auch in anderen Kontexten geschaffen werden. Der Ansatz des Soziologen ist letztendlich, dass wir einander zuhören und reflektieren sollen. Gut und schön, aber das ist nicht wirklich etwas neues und macht die Aussage nicht innovativer, bloß weil er Wörter wie Transformation oder Resonanz in den Raum wirft. Insgesamt war das Buch nett so lesen, doch mir fehlte eine schlüssige Argumentation und WIRKLICH neue Gedanken.
Lesenswerter Beitrag pro Religionen.
.



