"Ich glaube, wir sind dermaßen an das Bild der übermüdeten Mutter gewöhnt, dass wir die Erschöpfung in dieser Lebenssituation – erst, recht als Alleinerziehende – für normal halten." (S. 163) In Deutschland leben fast 3 Millionen Alleinerziehende – über 80 % davon sind Frauen; eine davon bin ich. Und ich kann sagen: Die Erschöpfung beginnt oft nicht erst nach der Trennung, sondern schon viel früher. Dann, wenn Care-Arbeit selbstverständlich erwartet und berufliche Selbstverwirklichung zur Nebensache wird. Wenn eine Beziehung scheitert, folgt manchmal ein kurzes Aufatmen, weil klar wird: You're on your own kid, you always have been. Doch sobald die Realität zurückschlägt – der Kontostand, die Verantwortung, die Einsamkeit – wird schnell deutlich: Was verheiratete Mütter in Teilzeit bereits als Schieflage erleben, verschärft sich für Alleinerziehende dramatisch. Finanzielle Unsicherheit, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, kein Netz, das auffängt. Hinzu kommen Scham und Stigmatisierung, mit denen Alleinerziehende immer wieder konfrontiert werden. Sie müssen sich zig mal mehr bemühen, ein gutes Bild abzugeben, um ja keine Angriffsfläche zu bieten. "Sich wie ein Cheerleader auf Speed immerzu selbst anzufeuern, obwohl das Spiel schlecht läuft, kann auf Dauer nicht gut gehen. Es zehrt nur noch mehr an den eigenen Kräften." (S. 166) Die historisch gewachsene Abhängigkeit von Frauen in patriarchalen Strukturen endet aber nicht mit einer Trennung. Sie bedeutet in vielen Fällen: ausbleibende Unterhaltszahlungen, drohende Kinderarmut und soziale Ausgrenzung. Hinzu kommen Konflikte mit dem oder der Ex – etwa beim gemeinsamen Sorgerecht, das oft mehr Hürde als Hilfe ist: Wenn jemand mitentscheiden darf, aber kaum präsent ist. Alleinerziehende haben häufig nicht nur das finanzielle, sondern auch das (frei)zeitliche Nachsehen. Was sie daher besonders dringend brauchen: einen gestärkten Rücken – und zwar nicht bloß, um Kinder zu tragen, sondern in Form von Solidarität und Unterstützung für alles, was sie alleine leisten müssen. Ein stabiles Netzwerk ist das A und O. Wir dürfen aber auch die politische Brisanz in diesem Thema nicht vergessen. In einer Gesellschaft, die Alleinerziehende oft nicht mitdenkt – weder beim vergünstigten Familienticket noch beim Steuersystem. Anne Dittmann zeigt, wie tief unsere Gesellschaft noch in alten Rollenzuschreibungen steckt. Wie wenig Alleinerziehende abgesichert sind – finanziell, emotional, sozial. Und wie dringend wir eine grundlegende Veränderung brauchen: bessere Betreuungsmodelle, faire Bezahlung, Schutz vor Altersarmut, familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Die Autorin verdeutlicht außerdem, wie sehr individuelle Überforderung mit struktureller Ungerechtigkeit zusammenhängt. Ihr Buch enthält nicht nur eigene Erfahrungswerte, sondern auch praktische Tipps, wo Hilfe und Unterstützung zu finden ist. Doch viele Alleinerziehende haben gar nicht die Kapazitäten, es zu lesen – zu voll der Kopf, zu knapp die Zeit. Umso wichtiger ist es, dass jene, die privilegierter sind, Verantwortung übernehmen: hinschauen, Strukturen hinterfragen, laut werden. Denn echte Veränderung entsteht nicht durch Betroffene allein, sondern durch eine Gesellschaft, die bereit ist, solidarisch zu handeln.
18. Apr.Apr 18, 2025
solo, selbst & ständigby Anne DittmannKösel


