22. Dez.
Rating:4.5

Ein kleines Büchlein voller Abenteuer- und Lebenslust, voller Freundschaft und Zusammenhalt. Der Autor hat viel Gefühl und Zeitgeist zwischen die Buchdeckel gepackt und die Zeit ab 1913 in der Kurklinik Bad Gottleuba mit viel Feingeist zum Leben erweckt. "In der Welt der Wünsche und Träume kann alles geschehen, alles. Das Schicksal muss nur den richtigen Faden spinnen." [Ralf Günther]

Winterherz
Winterherzby Ralf GüntherROWOHLT Kindler
16. Dez.
Ein warmherziger und einfühlsamer Roman über autoritäre Erziehung in der DDR, Freundschaft und die erste Liebe.
Rating:5

Ein warmherziger und einfühlsamer Roman über autoritäre Erziehung in der DDR, Freundschaft und die erste Liebe.

Die DDR zu einer Zeit, die sich nicht genauer bestimmen lässt. Eine verschneite Kurklinik in Bad Gottleuba. Ein herzkranker vierzehnjähriger Junge aus Berlin, der von seiner Mutter zur Erholung dorthin gebracht wird. Wilhelm heißt er. Winter … Der Aufenthalt in der Klinik verschafft Wilhelm Distanz. Distanz zu seinem alkoholabhängigen und gewalttätigen Großvater, dessen Faust nicht nur er selbst, sondern auch seine sanfte Mutter allzu oft zu spüren bekommt. Diese Gewalt macht ihn hilflos. Er weiß nicht, wie er seiner Mutter helfen soll, und er ist auch nicht in der Lage, das Erlebte richtig einzuordnen. »Wasser auf den Dielen ruiniert das Holz«, sagte der Großvater. »Schläge ruinieren Kinder«, hätte Wilhelm gerne geantwortet. Doch das wagte er nicht. (S. 13) In Bad Gottleuba ist die Betreuung der Kinder und Jugendlichen ebenfalls autoritär und streng. Disziplin und Gehorsam stehen an erster Stelle. »Ich dulde keine Widerstandsnester« (S. 48), sagt die Oberschwester. Nonkonformität ist nicht erwünscht und wird nicht akzeptiert, sondern mit Strafen geahndet. Damit fügt Ralf Günther der autoritären Kindererziehung in der DDR noch eine weitere Facette hinzu. Die Pädagogik war geprägt von hierarchischen Strukturen und Kollektivgedanken, eingebettet in die sozialistische Ideologie und fand in ihrer schlimmsten Form Ausdruck in Umerziehungsheimen und Jugendwerkhöfen. … Herz Doch zwischen Luftbaden – eingewickelt in muffige Decken in der kalten Morgenluft –, den Spaziergängen und strenger Routine entwickelt sich nicht nur eine Freundschaft zwischen Wilhelm und seinen Zimmergenossen Edgar, Milo und Bruno, sondern auch eine zarte Liebe zu der Hilfsschwester Ilona. Diese Personen, die neu in Wilhelms Leben treten, sorgen für die schönen, heiteren Erlebnisse während seiner Kur: Schmetterlinge im Bauch, Abenteuer, Streiche und Unterstützung. Die Jungen sind unverhohlen und unverfälscht. Der bereits verlobte Edgar, der weiterhin versucht mit seinen Hanteln zu trainieren, um seinen Körper trotz Herzerkrankung in Form zu halten, die Leseratte Bruno, und Milo, dessen Vater aus Mosambik stammt. Sie bilden eine lustige Truppe, Jungs mit viel Humor, die zusammenhalten. Sie rebellieren gegen die Disziplin im Sanatorium, gründen eine Bande und brechen nachts die Regeln der Klinik, was ihnen (und vor allem Wilhelm) immer wieder Ärger einbringt. Gerade auch Wilhelms Versuche, die Hilfsschwester Ilona zu beeindrucken – sei es durch das Lesen von Büchern, oder indem er sie vor der Oberschwester verteidigt –, stoßen zunächst bei ihr selbst und beim weiteren Personal auf Unwillen. Durch den ganzen Roman zieht sich aber auch Wilhelms Sorge um seine Mutter, die den Schikanen des Großvaters weiterhin ausgesetzt ist, und seine Hilflosigkeit. Er wünscht sich die Kraft, sich zu wehren und seine Mutter zu verteidigen. »Da wurde ihm plötzlich klar, dass er nicht allein war mit seinem Schicksal. Dass es schon immer Gewalt gegen Kinder gab, ausgeübt von Männern, von Frauen. Gegen Wehrlose. Und dass es Kinder gab, die sich mit aller Kraft dagegen auflehnten. So wie Wilhelm.« (S. 93-94) Ralf Günther gelingt es eindrücklich, die Folgen von familiärer Gewalt darzustellen, ohne sie unmittelbar zu beschreiben. Der Schrecken, den bereits isolierte Geräusche in Wilhelm auszulösen vermögen – beispielsweise ein Lineal, das auf eine Schreibtischunterlage geklatscht wird –, lässt die Gewalt erahnen, der er und seine Mutter ausgesetzt sind. Doch woher kommt die Gewalttätigkeit seines Großvaters? Hier schlägt Ralf Günther den Bogen zum zweiten Weltkrieg, wenn er Wilhelms Mutter sagen lässt: »Krieg hat er genug erlebt. Das hat ihn hart gemacht. Manchmal hat er die eigene Härte gehasst.« (S. 131-132) Auf jeder Seite des Buches wird das Interesse des Autors für historische Details spürbar, die er geschickt in die Geschichte einfließen lässt. Die schönen Erlebnisse, die Jungenfreundschaft und die erste Liebe während der Kur auf der einen, die Disziplin auf der anderen Seite – es ist ein vielschichtiges Bild von widersprüchlichen Erfahrungen, die parallel zueinander existieren. Auch die Landschaftsbeschreibungen zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Gegend und machen die Atmosphäre greifbar. Warmherzig Durch die Zeichnung der Charaktere, die einfühlsamen Beschreibungen, die Gewalterfahrungen und die Hilflosigkeit der Hauptfigur, die zarte Liebesgeschichte, die Freundschaft unter den Jungen und die Fürsorge Wilhelms für seine Mutter geht das Buch sehr nah, berührt und kann auch das kälteste Herz erwärmen. Winterherz ist eine wunderschöne Geschichte, die Themen wie die autoritäre Erziehung in der DDR, aber auch Freundschaft und die erste Liebe behutsam verarbeitet und zwischen den Momenten der Kälte warmherzig und einfühlsam zu erzählen weiß.

Winterherz
Winterherzby Ralf GüntherROWOHLT Kindler
11. Dez.
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Rating:4

Wenige Woche vor Weihnachten bringt Wilhelms Mutter ihren Sohn in ein Sanatorium, da Wilhelm an einer scheinbar unbekannten Herzkrankheit leidet. Hier ist man auf Kinder spezialisiert, die schwer krank sind. Hört sich jetzt nicht wirklich nach einer winterlichen /weihnachtlichen Geschichte an, oder? Doch hier in dieser kleinen Geschichte geht es eher um die Freundschaft zwischen den Jungen auf die Wilhelm trifft. Obwohl sie alle krank sind, stellt sich die Krankheit nicht im Vordergrund, sondern der Fokus liegt auf der Freundschaft, die authentisch, aber auch besonders dargestellt wird. Einerseits foppen sie sich gegenseitig, andererseits ermutigen sie sich gegenseitig und halten zusammen. Als Wilhelm "die rote Zora" gelesen hat, gründet er eine Bande, um mit ihnen Abenteuer zu erleben, was sich als schwierig, aber nicht als unmöglich herausstellt, da es im Sanatorium strenge Regeln gibt. Es werden in der Geschichte einige wichtigen Themen angekratzt, aber nicht weiter vertieft, was ich schade fand, den ein paar Seiten mehr wäre toll gewesen. Die Atmosphäre sowie das Setting konnten bei mir Punkten und übermittelt eine schöne winterliche Stimmung. Die Geschichte ist in der DDR Zeit einzuordnen, aber es wird nicht ausdrücklich gesagt, sondern nur angedeutet. Das Ende der Geschichte verspricht Hoffnung und vielleicht sogar ein kleines Wunder, sodass ich schon sagen kann, dass es zumindest eine winterliche Geschichte ist, die in der Weihnachtszeit spielt und die mir gefallen hat.

Winterherz
Winterherzby Ralf GüntherROWOHLT Kindler
27. Nov.
Rating:3

Gutes Potenzial - aber

Eigentlich eine ganz ganz schöne Winter/ Weihnachtsgeschichte. Nur leider fehlte es mir hier an Tiefgang und den Gefühlen. Mir war das ganze zu lieblos niedergeschrieben, es kamen nicht die erhofften Emotionen auf. Obwohl es um kranke Kinder geht und sowas ja schon sehr traurig ist, blieb ich hier mit etwas Enttäuschung zurück! Herzkranke Kinder in einer solchen Klinik - war für mich irgendwie leider zu viel. Die Story hat ein Super Potential- leider aber wurde dies hier nicht umgesetzt.

Winterherz
Winterherzby Ralf GüntherROWOHLT Kindler
20. Nov.
Sehr nachdenklich und berührend...
Rating:4

Sehr nachdenklich und berührend...

Eine nachdenkliche Erzählung Wilhelm bekommt die Zusage für eine Kur wenige Wochen vor Weihnachten. Also reist er gemeinsam mit seiner Mutter aus Berlin in die sächsische Schweiz. Dort findet er sein Zimmer im Haus 13, dem Haus der blauen Kinder. Zuerst versteht er nicht, was es mit diesem Namen auf sich hat, doch dann sieht er die vielen Kinder, die alle bläulich verfärbte Lippen haben und insgesamt krank aussehen. In seinem Zimmer fühlt er sich wohl und findet in seinen Mitbewohnern Edgar, Bruno und Milo schnell Freunde. Da sie alle dem Tod geweiht sind, will Wilhelm noch Abenteuer erleben. Gemeinsam brechen sie so manche Regel und Wilhelm lernt zudem die Liebe kennen... Ralf Günther erzählt in diesem winterlichen Roman über vier Jungen, die sich gerade erst kennengelernt haben, aber alle mehr oder weniger mutig sind und trotz ihrer schweren Herzerkrankung etwas erleben möchten. Die Freundschaft der vier Buben ist eine ganz besondere und wirkt daher sehr authentisch. Die winterliche, verschneite Kulisse bringt noch zusätzlich eine ganz besondere Stimmung in die ganze Geschichte. Anfangs wusste ich nur vom Klappentext, was in diesem Buch Thema war, doch ich fand die Erzählung wirklich schön und war leider innerhalb kürzester Zeit bereits am Ende angelangt. Das Schicksal der Jungen hat mich sehr nachdenklich gestimmt, dennoch wird es nur sehr oberflächlich angesprochen. Insgesamt eine sehr schöne, winterliche Erzählung, die aber ruhig noch etwas mehr in die Tiefe hätte gehen dürfen.

Winterherz
Winterherzby Ralf GüntherROWOHLT Kindler
3. Okt.
Zum Tag der Deutschen Einheit möchte ich Euch ein Buch ans Herz legen, dass mich in meine Kindheit katapultiert und sehr ambivalente Erinnerungen an die DDR geweckt hat. Ein berührende Geschichte über Freundschaft, über junge Leidensgenossen, bei den das Sterben zum Alltag gehört, über ihre gemeinsamen Träume und (vielleicht letzten) Abenteuer …
Rating:5

Zum Tag der Deutschen Einheit möchte ich Euch ein Buch ans Herz legen, dass mich in meine Kindheit katapultiert und sehr ambivalente Erinnerungen an die DDR geweckt hat. Ein berührende Geschichte über Freundschaft, über junge Leidensgenossen, bei den das Sterben zum Alltag gehört, über ihre gemeinsamen Träume und (vielleicht letzten) Abenteuer …

Das Haus der blauen Kinder   „Sie werden sehen, die sind alle blau, die Herzkranken.“ (S. 8) Kurz vor Weihnachten wird der 14jährige Wilhelm von seiner Mutter aus Berlin ins Sanatorium Gottleuba bei Dresden gebracht. Erst vor wenigen Wochen wurden bei ihm schwere Herzprobleme festgestellt, aber selbst in der berühmten Charité hat man nicht herausfinden können, welche Krankheit er hat. Doch sie scheint galoppierend voranzuschreiten, niemand weiß, ob er Weihnachten noch erlebt. In seinem Viererzimmer, dass er sich mit Milo, Edgar und Bruno teilt, ist er der Jüngste und augenscheinlich Gesündeste, den ihm fehlen (noch) die typischen blauen Lippen. Und er ist der Unternehmungslustigste, denn „Ich will Abenteuer erleben und nicht vor Langeweile sterben.“ (S. 63) Damit manövriert er sie immer wieder in gefährliche Situationen, aber die vier Freunde haben endlich wieder Spaß am Leben. Doch in einem Heim, das von starren Regeln geprägt ist, ist Individualität unerwünscht ...   Die Geschichte der Jungen ist sehr berührend, denn sie sind dem Tod geweiht und wissen das auch. Jeder Tag ist ein Geschenk. Die Ärzte können ihnen nicht mehr helfen, ihre Leiden durch die Kur nur lindern und ihnen dadurch vielleicht etwas mehr Lebenszeit schenken, in der sie allerdings nicht viel von dem machen dürfen, was Jungs in dem Alter Spaß macht. „Du wirst tot sein, mein Freund. Wie wichtig sind dir diese Regeln, wenn es um eine Abenteuer geht?“ (S. 80)   Für Wilhelm ist es besonders schlimm, weil er erst seit kurzem krank ist. Er hat Angst, ist zum ersten Mal von seiner Mutter getrennt und darf nicht mit ihr telefonieren, dabei macht er sich aus einem ganz bestimmten Grund Sorgen um sie. Und er entdeckt die Liebe, erst zu einer Schwesternschülerin und durch sie zu Büchern. Edgar ist schon 18, verlobt und hat heimlich Hanteln in die Kur geschmuggelt, um weiter trainieren zu können. Denn wenn er schon sterben wird, will er dabei wenigstens gut aussehen. Bruno ist eine echte Leseratte und hat unzählige Bücher dabei, um in ihnen die Abenteuer zu erleben, von denen er nur träumen kann: „Sie helfen mir, viele Leben zu haben.“ (S. 17) Milos ist dunkelhäutig, weil sein Vater, den er nie kennenlernen durfte, aus Mosambik stammt. „Mein Vater wurde in sein Land zurückgeschickt, bevor ich geboren wurde. Er durfte meine Mutter nicht lieben. Es war bei Strafe verboten. Ich bin ein verbotenes Kind.“ (S. 19)   Ralf Günthers „Winterherz“ weckt bei mir sehr ambivalente, bittersüße Erinnerungen. Ich bin in Dresden geboren und aufgewachsen und war als Kind jeden Sommer (insgesamt 10- oder 11-mal) für jeweils 6 Wochen in Bad Gottleuba zur Kur. Ich erkenne die beschriebene Treppe und die Gebäude wieder und habe genau das erlebt, was der Autor beschreibt. Die Kuren fanden getrennt nach Geschlechtern statt, es gab nur über Briefe Kontakt zu den Familien und alles unterlag extrem strengen Regeln, an die man sich gefälligst zu halten hatte. Kein schönes Klima für Heranwachsende. Die mehr oder weniger versteckte Kritik am DDR-Regime kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Gebäude waren bei uns allerdings alle wieder aufgebaut und ich glaube, die erwähnte Zisterne war das kleine Schwimmbecken im Keller des Haues, in dem ich immer gewohnt habe. Und wir mussten uns die Wannen für die Schwefel- und Moorbäder nicht mehr teilen 😉 ...   Mein Fazit: Ein herzzerreißende Weihnachtsgeschichte über Freundschaft, über Leidensgenossen, bei den das Sterben zum Alltag gehört, über ihre gemeinsamen Träume und (vielleicht letzten) Abenteuer …

Winterherz
Winterherzby Ralf GüntherROWOHLT Kindler