19. Okt.
Rating:3.5

3,75 Sterne - Ein facettenreiches Buch aus dem man viel lernt, zum Schluss braucht man da aber doch einen langen Atem.

Zu Ilse Aichinger hatte ich während des Lesens notiert: *Das Kapitel über Ilse Aichinger war besonders nachdenklich in Kombination damit, wie ich "Schwebende Lasten" nun für mich bewerte, was ich erst vor Kurzem beendet habe.* In "Einige Herren sagten etwas dazu" wird nicht einfach nur die Diskriminierung der Frauen in der Literaturgeschichte thematisiert, sondern auch Kritik am Umgang mit dem 2. Weltkrieg Nachkriegszeit. Wie verschwiegen und abgelenkt wurde. Die Frage, wer wirklich Opfer war des 2. Weltkrieges, und wie das verwässert wird, ist absolut wichtig. Als jemand, dessen Volksgruppe ebenfalls verfolgt, vergast usw. wurde, war es für mich eine wichtige Erinnerung. Leider habe ich zum Ende des Buches immer mehr den Überblick über die einzelnen Autorinnen verloren. Ich muss gestehen, das es doch immer mehr eine große ganze Geschichte wurde. Zu Gisela Eichner habe ich noch folgenden Vermerk: *Der Kritik an Gisela Elsners Buch ist etwas schwer zu folgen, wenn man das Buch nicht kennt. Vorab ein etwas ausführlicheres Bild der Geschichte, oder Zitat des kritisierten Teils würde helfen, das man sich erst selbst ein Bild machen kann, um sich dann mit der ((un-)berechtigten) Kritik auseinanderzusetzen.* Hier begebe ich mich jetzt in einen großen Widerspruch, und hoffe man kann es irgendwie nachvollziehen: Während mir an manchen Stellen eine nähere Ausführung zu den Inhalten fehlte, die von den Medien kritisiert wurde, waren die oft zitierten Gedichte zu schwer für mich. Die letzten Gedichte die ich gelesen habe, waren zur Schulzeit und tat mich da immer schwer. Das war hier nicht anders. Ich habe die Gedichte ehrlicherweise nicht verstanden, und konnte der Diskussion drumherum deswegen leider auch nur sehr schwer folgen. Insgesamt ein Buch das sich absolut lohnt, wichtige historische Blickwinkel liefert. Und darauf aufmerksam macht, das was wir heute erleben mit den beiden Gewinnerinnen des deutschen Buchpreises, oder Caroline Wahl nicht neu ist, sondern ein immer währendes Problem.

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
12. Mai
Rating:3

Wichtiges Buch, aber mir hat etwas gefehlt

Das Thema ist wichtig und ich schätze Nicole Seifert sehr für ihre Arbeit. Ihr Vorgänger Werk „Frauen Literatur“ würde immer wieder 5 Sterne von mir bekommen. In diesem Buch, was natürlich vom Thema her sehr viel spezieller ist, habe ich nicht ganz das gefunden, was ich erwartet hatte. Ich weiß nicht, ob ich es erklärt bekomme. Irgendwie fühle ich mich als Leserin weniger abgeholt als im Vorgänger. Die beschriebenen Frauen bleiben oberflächlich skizziert, was vielleicht dem Fakt zu schulden ist, dass eben nicht so viel über sie bekannt ist. Wobei ja zumindest über Ingeborg Bachmann sehr viel mehr bekannt sein müsste, als man im Buch erfährt. Der Ton von Seifert ist mir auch an der einen oder anderen Stelle negativ aufgefallen. Ich möchte auf keinen Fall in Tone Policy verfallen, aber an einigen Stellen wurde mir nicht klar, warum sie so abschätzig formuliert. Hm, diese Bewertung ist nun wenig konkret. Ein bisschen wie das Buch vielleicht. Schade für uns beide.

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
21. Nov.
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Rating:5

Die Gruppe 47, als die die Teilnehmenden an den deutschsprachigen Schriftstellertreffen bezeichnet werden, zu denen Hans Werner Richter von 1947 bis 1967 einlud, war mir vor der Lektüre von Nicole Seiferts neuem Sachbuch ""Einige Herren Sagten etwas dazu": Die Autorinnen der Gruppe 47" kaum ein Begriff, worüber ich im Nachhinein froh bin, denn dieses Buch ist der perfekte Zugang zu Zusammensetzung, Hintergrund, Schaffen und Wirken der Gruppe! Nicole Seifert stellt die Autorinnen der Gruppe 47 in den Mittelpunkt ihres Sachbuchs und schafft damit eine dringend benötigte Neuerzählung des Kreises der Schreibenden, die an den Treffen teilgenommen haben. Jedes Kapitel widmet sie einer anderen Autorin/Autorinnengruppe, sie beleuchtet ihre Teilnahme an den Treffen, den Umgang der anderen Teilnehmenden mit ihren vorgetragenen Werken, die sowohl Lyrik, als auch Prosa umfassten, sowie den Kontakt der Teilnehmer mit den Autorinnen selbst. Auffällig, nervtötend und wütend machend zugleich ist die systematische Abwertung oder gar Nichtbeachtung der Werke der Autorinnen der Gruppe 47 durch die anwesenden Männer, sowohl unmittelbar nach dem Vortrag im Plenum, als auch im Nachhinein in Berichten und Büchern über die Gruppe 47. Um die Texte an sich ging es den Teilnehmern nie, vielmehr wurden die Autorinnen objektiviert, auf ihr Aussehen reduziert und mystifiziert, wodurch viele von ihnen mittlerweile in Vergessenheit geraten sind. Nicole Seifert schreibt gegen dieses Vergessen an und hat dafür gesorgt, dass wir uns nicht nur an Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger als Teil der Gruppe 47 erinnern, sondern auch an Autorinnen wie Gisela Elsner, Ruth Rehmann, Helga M. Novak, Gabriele Wohmann und Barbara König. Neben der Vorstellung der verschiedenen Autorinnen nimmt Nicole Seifert auch eine chronologische Einordnung der geschichtlichen Hintergründe der Gruppe 47 in den einzelnen Kapiteln vor und kritisiert deren Umgang sowohl mit den Verbrechen der NS-Zeit, als auch mit deutschen Schreibenden, die während dem Zweiten Weltkrieg im Exil leben mussten. Entstanden ist ein sehr interessantes Sachbuch, das ich mit viel Spannung gelesen habe und das mich auch durch seine leichte Zugänglichkeit begeistern konnte. Ich kann ""Einige Herren Sagten etwas dazu": Die Autorinnen der Gruppe 47" vor allem als Ergänzung zu Nicole Seiferts Sachbuchdebüt "FRAUEN Literatur" empfehlen - eure Leseliste wird danach um Ellen länger sein!

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
28. Okt.
Rating:4

Ein Buch über ein wichtiges Stück Literaturgeschichte!

Nicole Seifert hat mit diesem informativen Buch vielen Autorinnen der 1950er und 1960er Jahre die Anerkennung gewährt, die ihnen zu Lebzeiten verwehrt wurde. Im Mittelpunkt des Buches steht die Gruppe 47. Ein nicht-institutionalisierter Zusammenschluss von Schreibenden unter der Rigide von Hans Werner Richter. Ein Mal im Jahr tagte in der Zeit von 1947 bis 1967 die Gruppe 47. Von Richter Auserwählte durften bei diesen Tagungen literarische Beiträge vorlesen und sich danach der Kritik der anderen Gäste stellen. Wobei es sich dabei vor allem um die Kritik der männlichen Teilnehmenden handelt. Unter den Vorlesenden waren Männer wir Grass Böll, Enzensberger, Reich-Ranicki usw. Von den Frauen sind mir hingegen nur Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger bekannt. Viele weitere Frauen haben sich bei der Gruppe 47 mit einer zum Teil sehr harschen Kritik konfrontiert gesehen. Sie wurden von den männlichen Anwesenden mit Ohren Themen nicht ernst genommen und als Autorinnen für Frauenliteratur herab gewürdigt. Sehr eindrücklich beschreibt Nicole Seifert auch die Reduktion auf den Körper der Frauen. Einigen von ihnen sind diese Treffen in so schlechter Erinnerung, dass sie von weiteren Teilnahmen absagen. Das hatte die Folge, dass sie nicht gelesen, gefördert oder gehört wurden. Selbst nach zum Teil sehr tragischen Sterbefällen wurden die Autorinnen posthum nicht für ihr Schaffen gewürdigt, sondern waren Abwertungen ihres künstlerischen Schaffens ausgesetzt. Das Buch hat bei mir den Wunsch gestärkt, mich diesen vergessen Autorinnen zu widmen. Auf jeden Fall möchte ich auch das Buch Frauenliteratur von Nicole Seifert lesen.

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
6. Aug.
Rating:5

Eine wertvolle Aufarbeitung eines Stücks Literaturgeschichte ❣️

In ihrem Buch „Einige Herren sagten etwas dazu“ beweist Nicole Seifert, dass die Literaturelite der Nachkriegszeit wenig Wertschätzung für Frauen übrig hatte . Innerhalb der Gruppe 47 waren sie mehr als Anhängsel gefragt, als dass sie als vollwertige Intellektuelle wahrgenommen wurden. Ihr Vorgängerbuch „Frauenliteratur“ führte in der Literaturbubble zu einigen hitzigen Diskussionen rund um Macht und Ohnmacht in der Literaturszene, wo leider immer noch Männer überwiegend die Oberhand haben. In ihrem neuen Buch lernen wir die Autorinnen der Gruppe 47 kennen, mit denen ich mich zuvor literarisch (leider!) noch nicht beschäftigt hatte. Sie richtet ihren Fokus auf Autorinnen wie Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger und bringt uns die in Vergessenheit geratene Bedeutung der Gruppe 47 näher. Die Verlegerin und Autorin Nicole Seifert schildert wissenschaftlich fundiert anhand von einer großen Quellensammlung aus Briefen, Notizen und Jubiläumsschriften die Fehltritte, die sich einige Herren geleistet haben - nicht ohne das eine oder andere Augenzwinkern oder hier und da mal eine spöttische Bemerkung anzubringen (herrlich!). Sie folgt dabei einer Chronologie von der Gründungstagung 1947 bis hin zur letzten Veranstaltung 1967. Die einzelnen Kapitel behandeln Autorinnen und ihre Rezeption bzw. deren Herabwürdigung in der Gruppe 47 bei konkreten Tagungen. Mit Reflektion der Lektüre wird schnell deutlich, warum viele Autorinnen nur ein- oder wenige Male teilgenommen haben. Es herrschte ein rauer Umgangston, der die Geringschätzung der Herren zum Ausdruck brachte. Nicole Seifert geht auch auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und Holocaust in der Gruppe 47 näher ein und eröffnet damit eine umfassende Perspektive auf die Gruppe, abseits des Hauptthemas. Für mich war es absolut skandalös zu lesen, was für ein Umgang Kritiker und Autoren mit den Autorinnen pflegten und wie sie über selbige schrieben. Es tat weh die eine oder andere von Männern verfasste Zeile über die Autorinnen der Gruppe 47 zu lesen - Nicole Seifert legt mit diesem Buch den Finger tief in die Wunde des Literaturbetriebs. Da bleibt nur zu hoffen, dass die heutigen Autorinnen nicht auf vergangenen Pfaden wandeln, sondern, dass ihnen der Respekt gebührt wird, den sie verdient haben. Für mich war „Einige Herren sagten etwas dazu“ eine ebenso kenntnis- wie aufschlussreiche Betrachtung der Gruppe 47, nach dessen Lektüre meine Leseliste um viele Titel der genannten Autorinnen reicher ist - danke Nicole Seifert für die Aufarbeitung dieses eindrücklichen Stücks Literaturgeschichte!

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
30. Juni
Rating:5

Wärend der Lektüre kam mir immer öfter der Gedanke, weshalb es eigentlich so viele Männer gibt, die man als Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur ansieht, die ihre Gedanken zu Shoah und Weimarer Republik, Kaiserzeit und Diktaturen im allgemeinen in die Welt hinausließen, aber so wenige bis gar keine Frauen, denen die gleiche Bedeutung zugewiesen wird, wie ihren Kollegen. Eigentlich keine richtige Frage, denn Nicole Seifert liefert ein Beispiel für die deutsche Literaturlandschaft warum das so ist. Frauen und ihre Romane, generell weibliche Perspektiven, sind immer schön hübsch verpackt mit gemeint. Aber kommen sie aus ihrem ihnen zugewiesenen Dasein als Muse und Hausfrau heraus, sind sie Sexualisierung auf der einen Seite und der Zuschreibung als Unbequem, unweiblich etc. auf der andren Seite ausgesetzt. Mir fiel schnell auf, das ich genau zwei Namen kannte, als ich in das Inhaltverzeichnis schaute. Laut Seifert kein Zufall. Ingeborg Bachmann ist im Grunde sogar die einzige, die ich aus dem Kopf heraus mit der "Gruppe 47" überhaupt in Verbindung gebracht hätte. Und sie ist auch die einzige deren Literatur ich aus eigener Leseerfahrung kenne. Das finde ich tatsächlich auch beschämend. Denn ich würde schon von mir sagen, das ich eine gewisse literarische Bildung besitze... Trotzdem erinnere ich mich auch selbst an Diskussionen weshalb es keine so "großen" Frauen gibt und weshalb praktisch keine Frau im Deutsch Unterricht gelesen wird. Mein eigener Lesegeschmack wird schnell belächelt und als typisch weiblich abgetan. Männer die gerne lesen, betonten ebenso gerne das sie Literatur lesen... Und werten indirekt gleich mal ab, das alles was ich so lese ja keine Literatur sein könne. (Und meinen sowieso nur das, was sie selbst als "hohe" Literatur einordnen...). Nicole Seifert beschreibt in ihrem Buch ein Beispiel dafür, weshalb weibliche Perspektiven im deutschen Literaturbetriebt so lange ignoriert wurden. In der Gruppe 47 entschieden Männer über das Stehen und Fallen einer Autorin. Walter Richter beschreibt sowieso viel lieber das Aussehen der Autorinnen, statt ihres literarischen Könnens. Nachrufe auf einige der Autorinnen die nun verstorben sind, geraten selbst im 21. Jahrhundert zur sexistischen Betrachtung auf ein Leben von ernst zu nehmenden Schriftstellerinnen. Manches hat sich verbessert, keine Frage. Anderes ist aber nach wie vor wie unter den Talaren mit Mief von Tausend Jahren ...

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
20. Apr.
Rating:4

Vor diesem Buch hatte ich drei Annahmen über die Gruppe 47: 1. Die Gruppe hat Unsympathen wie Günter Grass („Im Krebsgang“ war das ärgerlichste Buch, das ich zu meiner Schulzeit lesen musste) und Martin Walser (der für seine eklige Paulskirchenrede und das Buch „Tod eines Kritikers“ längst nicht genug Gegenwind von der Öffentlichkeit bekommen hat) hervorgebracht. 2. Exilautor*innen waren nicht erwünscht, weshalb ich den selbst proklamierten Antifaschismus der Gruppe immer angezweifelt habe. 3. Die einzigen Frauen, die dabei waren, waren Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger. Diese Annahmen bzw. Informationen hatten mich bisher stets davon abgehalten, mich näher mit der Gruppe zu beschäftigen. Zumindest die letzte Annahme erweist sich als falsch, wie Nicole Seifert in ihrem tollen Sachbuch „Einige Herren sagen etwas dazu“ aufzeigt. So war ich sehr erfreut (aber auch verwundert, warum mir das nicht bekannt war?), dass mir bereits bekannte Autorinnen wie Gisela Elsner, Elisabeth Plessen und Ruth Rehmann ebenfalls an Treffen der Gruppe teilgenommen haben. Allerdings wird ihr Wirken in der Gruppe gerne ausgespart. Andere Autorinnen wie Christa Reinig oder Helga M. Novak waren mir vor der Lektüre gänzlich unbekannt und haben es nun auf meine Leseliste geschafft. Warum die Frauen so „vergessen“ oder eher unter den Teppich gekehrt wurden, zeichnet Nicole Seifert akribisch nach. In den einzelnen Kapiteln beschreibt Seifert die Auftritte der Autorinnen, wie sie von den Männern wahrgenommen wurden und dabei ganz selbstverständlich in sexistische Stereotype gepresst werden, und berichtet, wie es mit den Frauen und ihrer Literatur dann außerhalb der Gruppe weiterging. Dabei hätte das Buch auch genauso gut den Titel „Männer, die auf Frauen starren“ tragen können, denn der männliche Blick auf die Frauen und wie dies letztlich ihre Chancen im Literaturbetrieb beeinflusste, wird schonungslos offengelegt. Für mich war das teilweise schwer zu ertragen, spätestens nach der Hälfte des Buches wollte ich den Männern zurufen: „Seid doch wenigstens mal kreativ in eurer Abwertung der Frauen!“ Das ist allerdings keine Kritik an Seifert; sie kann ja auch nur das berichten, was sich zugetragen hat. Klare Empfehlung von mir, für alle, die sich mit dem Sexismus in der Literatur Branche auseinandersetzen und dabei auch interesannte Autorinnen entdecken wollen.

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
15. Feb.
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Rating:5

»Ich zähle nicht zu den Menschen, die gute Miene zum bösen Spiel machen. Ich mache zum bösen Spiel die entsprechend böse Miene.« Gisela Elsner, 1962 (S. 161) HELL YES 🔥 Und dem sollten wir uns einfach alle mit unserer böse Miene 👹 Wie das Patrichariat Literatur von FLINTA systematisch abwertet, hat die Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin & Autorin Nicole Seifert bereits in ihrem ersten Sachbuch »FRAUEN LITERATUR« (2021) gezeigt. In ihrem neuen Sachbuch » ›Einige Herren sagten etwas dazu‹ —Die Autorinnen der Gruppe 47« analysiert, berichtet und dokumentiert Nicole Seifert über die Schriftstellerinnen der berühmten (Literatur-) ›Gruppe 47‹ (benannt nach deren Gründungsjahr 1947). Dabei wurde unter der Leitung von Hans Werner Richter von 1947 bis 1967 Treffen organisiert, bei denen Schriftsteller*innen aus ihren Werken vorgelesen haben und (konstruktive) Kritik und eben vor allem auch eine Bühne und Aufmerksamkeit bekommen haben. Wie kann es sein, dass so viele der männlichen Personen selbst Laien ein Begriff sind (wie bspw. Heinrich Böll, Günter Grass, Peter Handke), aber bei den Frauen maximal Ingrid Bachmann und Ilse Aichinger genannt werden können? 😱 »Die Gründe dafür, dass die große Mehrheit der Autorinnen der Gruppe 47 nachträglich aus der Gruppen- und der Literaturgeschichte getilgt wurde, liegen nicht darin, dass sie nicht »gut« oder »wichtig« gewesen wären, nichts von »Qualität« beizutragen gehabt hätten. Sie liegen in der kulturell tief verankerten Diskriminierung weiblichen Schreibens und darin, dass die entscheidenden Männer und Historiker der Gruppe sich für die Frauen selbst interessierten, nicht für deren Literatur.« (S. 260) In ihrer strukturierten Vorstellung (Biografie, Werk, Interpretation & Einordnung) von einzelnen Frauen der Gruppe 47 — wie bspw. Ingrid Bacher, Ingeborg Drewitz, Gisela Elsner, Ilse Schneider-Lengyel — zeigt Nicole Seifert pointiert auf, wie sehr Misogynie und Reduzierung und Abwertung auf ihr Äußeres anstelle ihrer schriftstellerischen Leistungen die Frauen nicht nur behindert, sondern teilweise auch stark abgewertet haben. Die Analyse zeigt zudem, was für großartige Schriftstellerinnen es im 20. Jahrhundert in Deutschland und Österreich gegeben hat und was für empowernde Frauen dahinter stehen. 🔥 Völlig zurecht kommt Nicole Seifert zu dem frustrierenden Schluss, wie viel vielfältiger, diverser und vielschichtiger die deutsche Nachkriegsliteratur hätte sein können, wenn Frauen nicht aufgrund ihres Geschlechts so abgestraft worden wären: »Viele Texte der Autorinnen der Gruppe 47 waren ihrer Zeit und ihren Kritikern inhaltlich wie ästhetisch voraus und lesen sich siebzig Jahre nach ihrem Entstehen subversiv und aktuell. Diese Frauen brillierten mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe, ihrer Sensibilität, ihrem Mut und ihrer kritischen Intelligenz, die Bin-gang in ihre Literatur fanden. Was wohl hätte sein können, hätte man sie ernst genommen, wären diese Texte nicht teils verschollen, wären sie weiterhin aufgelegt und gelesen worden, wären sie Schullektüre? Wie anders sie hätten leben und alt werden können. Was sie wohl noch geschrieben hätten, wären diese Autorinnen angemessen gewürdigt und gefördert worden. Was uns entgangen ist.« (S. 272f) Nach der intensiven Lektüre dieses Buches habe ich viel darüber nachgedacht, die Frauen gegoogelt und eine Buchwunschliste erstellt. GANZ GROSSE UNBEDINGTE LESEEMPFEHLUNG ❤️ So ein wichtiger Beitrag, um Schriftstellerinnen in das Licht zu setzen, dass sie verdienen ! Und Nicole Seifert liefert einfach wieder so krass ab 😮‍💨 Ich bin extrem beeindruckt von dieser Informationsdichte, -Tiefe, Schreibstil, Analyse und Aufbau. Extrem wichtige und tolle Literatur ❤️ PLEASE: READ IT ❤️

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch
9. Feb.

Bereits mit ihrem ersten Sachbuch „Frauen Literatur“ ist es Nicole Seifert gelungen, gleichzeitig zu informieren, wachzurütteln und den Puls vor Wut auf 200 zu bringen. In ihrem neuen Werk „‘Einige Herren sagten etwas dazu‘“ trifft all das wieder zu und die Wut steigt ins Unermessliche. Seifert erzählt von den Autorinnen der Gruppe 47 und zeigt auf, dass eben nicht nur Schriftstellerinnen wie Ilse Aichinger oder Ingeborg Bachmann vor der Gruppe gelesen haben. Insgesamt porträtiert sie 17 Frauen, die zwischen 1947 und 1967 ihre Texte auf den Tagungen der Gruppe vorgetragen haben. Schnell wird deutlich, dass Autorinnen in der Gruppe 47 einen schweren Stand hatten. Sie dienten als Lustobjekte, ihr Aussehen wurde ebenso kommentiert und diskutiert, wie ihr Verhalten und ihre Texte traten völlig in den Hintergrund. Zudem schienen die anwesenden Herren eher verschnupft zu reagieren, wenn eine Frau mehr Talent zeigte, als sie es selbst vielleicht besaßen und verteilten harsche, bodenlose Kritik. Nicht weniger negativ verhielt sich die Presse, liest man bspw. die teilweise unverschämten Nachrufe auf Autorinnen der Gruppe 47. Generell schien der männliche Kern der Gruppe einem starren Denken verhaftet, was vielleicht auch erklärt, warum keine Exildichter*innen zu den Treffen eingeladen wurden. Eine Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich war nicht erwünscht – was in einer demütigenden Szene endete, als der jüdische Dichter Paul Celan vor der Gruppe las. Doch zurück zu den Frauen: Sie kamen aus unterschiedlichen Lebenssituationen, viele von ihnen waren jedoch Akademikerinnen. Manche waren zudem Mütter, wie Ingeborg Drewitz, und mussten die Teilnahme im Vorfeld straff organisieren – undenkbar, dass der eigene Ehemann die Kinder hütet. Manche von Ihnen, wie Gisela Elsner, wurden von der Gruppe 47 und ihrem Verlag in eine Rolle gedrängt, die sie nicht erfüllen wollten und rebellierten. In einem letzten Kapitel zieht Nicole Seifert schließlich ein Fazit und dieses hätte, für mich persönlich, gerne noch etwas länger sein dürfen. Wieder ist ihr jedoch ein Werk gelungen, das den Blick verändert – danke dafür!

"Einige Herren sagten etwas dazu"
"Einige Herren sagten etwas dazu"by Nicole SeifertE-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch