
Ein Hund im Strudel der Geschichte 🐾📖🕰️
Jonathan Crowns Roman „Sirius“ erzählt die Geschichte eines Foxterriers, der zum Zeitzeugen der dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts wird. Geboren 1938 in Berlin wächst Sirius bei der jüdischen Familie Liliencron auf, bis diese nach den Novemberpogromen alles verliert und ins Exil nach Hollywood fliehen muss. Während sein Herrchen Carl Liliencron als ehemaliger Wissenschaftler ums Überleben kämpft, nimmt Sirius das Leben mit einer eigenwilligen Mischung aus Neugier, Melancholie und erstaunlicher Selbstständigkeit. Was folgt, ist eine abenteuerliche Reise durch Emigration, Filmsets, Zirkuswelten und schließlich zurück ins kriegsgezeichnete Berlin. Der Roman beginnt stark. Besonders der erste Teil, der das Leben der Familie Liliencron in Berlin beschreibt, hat mich überzeugt. Die schleichende Bedrohung, der Verlust von Ansehen, Beruf und Sicherheit und schließlich die Flucht werden eindringlich und ruhig geschildert. Gerade diese „leisen“ Passagen gehören für mich zu den stärksten Momenten des Buches. Wenn Carl Liliencron begreift, dass ein ganzes Leben innerhalb weniger Briefe und Verordnungen ausgelöscht wird, entfaltet der Text eine große emotionale Kraft. Auch sprachlich hat dieser erste Abschnitt viel zu bieten. Trotz einfacher Satzstrukturen entstehen immer wieder Bilder, die hängen bleiben. Der Blick auf den Herbst über Berlin, auf Tränen, die sich wie Regen anfühlen, oder auf einen einzigen Koffer, in den die Vergangenheit gezwängt werden muss, gehört zu den gelungensten Momenten des Romans. Hier zeigt sich, dass Jonathan Crown Atmosphäre sehr wohl kann, wenn er sich Zeit lässt. Im Mittelteil verlagert sich die Handlung nach Hollywood und verliert für mich an Tiefe. Die Begegnungen mit Stars und berühmten Namen nehmen viel Raum ein und wirken zunehmend wie eine Aufzählung. Die Geschichte kippt hier in eine Art überzeichnete Abfolge von Stationen, die eher behauptet als wirklich erzählt werden. Der Hund wird immer stärker vermenschlicht, seine Gedanken und Fähigkeiten überschreiten für meinen Geschmack irgendwann die Grenze dessen, was als literarische Setzung noch trägt. Die Grundidee bleibt charmant, nutzt sich aber ab. Auch der dritte Teil konnte mich nicht mehr richtig zurückholen. Die Handlung wird zunehmend konstruiert, stellenweise unrealistisch und verliert die emotionale Erdung, die den Anfang so stark gemacht hat. Gerade im Vergleich zu den stillen, dichten Berliner Passagen wirken diese Abschnitte zu verspielt und zu sehr auf Kuriosität angelegt. Trotzdem möchte ich den Roman nicht schlechter machen, als er ist. „Sirius“ ist gut lesbar, stellenweise warmherzig und hat eine klare Grundidee. Er zeigt auf eigene Weise das Leben jüdischer Emigranten, die Absurdität von Ruhm im Exil und die Willkür der Geschichte. Für mich funktioniert das Buch aber immer dann am besten, wenn es innehält und einen Schritt zurück macht. ⭐️⭐️⭐️






