16. Jan.
„Die Herrlichkeit des Lebens“ von Michael Kumpfmüller habe ich als leise, berührende und sehr zärtliche Liebesgeschichte über Franz Kafka und Dora Diamant erlebt – ein stilles, konzentriertes Buch, das den Abschied vom Leben erstaunlich leicht und hell erscheinen lässt.
Rating:5

„Die Herrlichkeit des Lebens“ von Michael Kumpfmüller habe ich als leise, berührende und sehr zärtliche Liebesgeschichte über Franz Kafka und Dora Diamant erlebt – ein stilles, konzentriertes Buch, das den Abschied vom Leben erstaunlich leicht und hell erscheinen lässt.

Der Roman spielt in Kafkas letztem Lebensjahr: 1923 lernt der schwer kranke Franz am Ostseestrand die junge Dora Diamant kennen, und aus einer zufälligen Begegnung wird eine große, späte Liebe. Sie leben in Berlin in sehr einfachen Verhältnissen, kämpfen mit Geldsorgen, politischer Bedrohung und Kafkas immer schlechter werdender Gesundheit, und doch entsteht zwischen ihnen eine Form von Alltag, die Nähe, Humor und einen fast sommerlichen Ton hat. Kumpfmüller konzentriert sich dabei nicht auf das Geniewort „Kafka“, sondern auf Franz als Mensch: verletzlich, unsicher, eigensinnig, vorsichtig glücklich. Mich hat besonders angesprochen, wie schlicht und klar die Sprache ist: kurze, unaufgeregte Sätze, viel Zwischenraum, viel Ungesagtes. Die Dialoge sind knapp, aber dicht, die Gefühle werden eher angedeutet als erklärt, was dem Buch eine große Intimität gibt. Krankheit, Vergänglichkeit und Tod sind ständig präsent – und dennoch bleibt der Schwerpunkt auf den kleinen Momenten des Glücks: gemeinsames Kochen, Spaziergänge, das Teilen von Witzen und Briefen. Das macht die Lektüre nicht deprimierend, sondern erstaunlich tröstlich. „Die Herrlichkeit des Lebens“ ist für mich weniger ein klassischer biografischer Roman als eine poetische Imagination dessen, wie dieses letzte Jahr ausgesehen haben könnte. Wer sich für Kafka interessiert, bekommt hier keinen Quellenkommentar, sondern eine feinfühlige Annäherung an einen sterbenden Mann, der im Angesicht des Todes noch einmal wirklich zu leben beginnt. Ein zartes, konzentriertes Buch, das langsam wirkt und lange nachhallt.

Die Herrlichkeit des Lebens
Die Herrlichkeit des Lebensby Michael KumpfmüllerKiepenheuer & Witsch
2. Jan.
Rating:3.5

Ein Roman über die letzten Jahre Franz Kafkas - Eine große Liebesgeschichte?

Was passiert, wenn du die Seiten aufschlägst? Im Sommer 1923 lernt der tuberkulosekranke Franz Kafka, als Dichter nur Eingeweihten bekannt, in einem Ostseebad die 25-jährige Köchin Dora Diamant kennen. Und innerhalb weniger Wochen tut er, was er nicht für möglich gehalten hat: Er entscheidet sich für das Zusammenleben mit einer Frau, teilt Tisch und Bett mit Dora. In Berlin wagt er mit ihr das gemeinsame Leben, mitten in der Hyperinflation der Weimarer Republik. Bis sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechtert... Wie bin ich auf das Buch gekommen? Ich bin seit meiner Jugend ein großer Verehrer der Werke Franz Kafkas und bin im Gespräch mit einem Lehrerkollegen auf den Roman aufmerksam geworden. Der Roman wurde zudem sehr erfolgreich verfilmt. Was hat mir gefallen? Bei dem Versuch eine Art dokumentarischen Roman über die letzten Jahre des großen Dichters Franz Kafka zu schreiben, hätte so einiges schief laufen können. Aber der Roman funktioniert. Er ist hervorragend recherchiert und die Sprache ist präzise, einfach und "einfühlsam", aber nie kitschig. Der Autor zeigt hier gegen jedes Klischee nicht einen düsteren, depressiven, sondern eher einen sanften und weichen Kafka. Der Star des Romans ist für mich jedoch eher die Figur der Dora Diamant, die sich aufopferungsvoll um den todkranken Autor kümmert und erfrischend die letzten Kurzgeschichten Kafkas kritisch hinterfragt. Auch lernt man so einiges über den geschichtlichen Hintergrund der Weimarer Republik in Zeiten der Hyperinflation, Wohnungsnot usw. Was könnte besser sein? Schwierig fand ich die Entscheidung des Autors, die Liebesgeschichte durch einen distanzierten personalen Erzähler beschreiben zu lassen, der immer wieder unvermittelt zwischen den Sichtweisen der einzelnen Figuren springt. Eine richtige Identifizierung mit Franz Kafka oder Dora Diamant will so nicht aufkommen. Mit zunehmender Krankheit zeigt sich zudem ein Franz Kafka, der sich immer stärker um sich selbst, seine Literatur und seinen körperlichen Zustand dreht, was ich über den Verlauf der Handlung etwas ermüdend fand. Wer sollte den Roman lesen? Wer Interesse an Franz Kafka und der Zeit der Weimarer Republik hat, auch einmal eine andere Seite des Autors jenseits von den gängigen Klischees kennenlernen möchte. Empfehlenswert!

Die Herrlichkeit des Lebens
Die Herrlichkeit des Lebensby Michael KumpfmüllerKiepenheuer & Witsch
5. Sept.
Rating:4

Ein berührendes Buch über Kafkas Lebensabend

Anfänglich kam ich etwas schwer in das Buch hinein, da zum Beispiel die offensichtlichen Zeichen der wörtlichen Rede fehlen. Sehr bedrückend empfand ich die Zeit, als er schon schwer kranke und von seiner Krankheit gezeichnet war und dabei war er aus heutiger Sicht ein noch so junger Mensch. Fazit: das Buch brachte mich dazu, mich noch intensiver mit Kafka zu beschäftigen.

Die Herrlichkeit des Lebens
Die Herrlichkeit des Lebensby Michael KumpfmüllerKiepenheuer & Witsch
14. Apr.
Rating:5

Wir stecken Kafka gerne in Schubladen, hüllen ihn in eine Wolke des Mysteriösen und Abstrusen, malträtieren seinen Namen sogar in ein Adjektiv, um ihm vermeintlich zu huldigen. Was aber, wenn wir ihm mit dieser Reduktion auf sein Werk unrecht tun? Wenn der Mensch Kafka auch ein Liebender, ein Sehnsüchtiger, ein Todkranker ist. Michael Kumpfmüller gelingt es für meinen Geschmack außerordentlich gut, ein ganz anderes Bild von Kafka in Worte zu fassen, in dem er in seiner Romanbiografie das letzte Lebensjahr Kafkas beschreibt. Dabei bleibt er ganz fokussiert auf die Jahre 1923/24 und versucht erst gar nicht, Erklärungen für Kafkas Schreiben zu finden. Er nimmt den Namen Kafka sogar soweit zurück, dass er (glaube ich) kein einziges Mal im Buch auftaucht. Hier spielt Franz die Hauptrolle zusammen mit Dora. Einer der wenigen, die mit Nachnamen genannt sind, ist Werfel und das bestimmt auch nur, weil Kumpfmüller keinen doppelten Franz im Buch haben wollte. Im Grunde könnte diese Liebes- und Sterbegeschichte die Geschichte von einem beliebigen Paar der Zwanziger Jahre sein. Sie wäre immer noch schön und einfühlsam erzählt. Bestimmt hat Kumpfmüller akribisch recherchiert und Briefwechsel gekonnt in eine Romanform gegossen. So ist es eine wunderschöne, traurige Story mit einem lehrreichen Hintergrund. Was will ich mehr von Literatur erwarten.

Die Herrlichkeit des Lebens
Die Herrlichkeit des Lebensby Michael KumpfmüllerKiepenheuer & Witsch