11. Jan.
Kein Held, nur Mensch – und das Grauen dazwischen
Rating:4.5

Kein Held, nur Mensch – und das Grauen dazwischen

Stalingrad ist kein Roman, der gelesen werden will – es ist ein Buch, das sich aufdrängt, das atemlos macht und lange nachwirkt. Schon nach wenigen Seiten liegt eine Schwere in der Luft, die nicht mehr weicht. Theodor Plievier schreibt nicht über den Krieg, er stößt mich mitten hinein, ohne Schutz, ohne Abstand, ohne Trost. Zwischen Schützengräben, Hunger, Kälte und wachsender Verzweiflung entfaltet sich ein erbarmungsloser Sog. Der Oberst Vilshofen und der Unteroffizier Gnotke stehen für unterschiedliche Blickwinkel, doch beide verlieren Schritt für Schritt das, was man Haltung, Stolz oder Glauben nennen könnte. Beim Lesen wächst das Gefühl, dass hier nicht einzelne Schicksale beschrieben werden, sondern ein kollektiver Absturz. Der Krieg frisst alles: Körper, Gedanken, Sprache, Moral. Besonders erschütternd ist die Nüchternheit, mit der Plievier Grauen schildert. Keine pathetischen Ausbrüche, keine Heldenposen, keine Erlösung. Gerade diese Sachlichkeit trifft mich mit voller Wucht. Immer wieder musste das Buch zur Seite gelegt werden, nicht aus Langeweile, sondern weil bestimmte Szenen kaum auszuhalten sind. Die Kälte in Stalingrad scheint bis heute durch die Seiten zu ziehen. Was bleibt, ist eine tiefe Erschöpfung und gleichzeitig Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass dieser Roman existiert und sich jeder Verklärung des Krieges widersetzt. Stalingrad ist unbequem, fordernd und gnadenlos ehrlich – und genau deshalb so notwendig. Ein literarisches Mahnmal, das nicht altern darf und das mich stiller, wacher und nachdenklicher zurücklässt.

Stalingrad
Stalingradby Theodor PlievierKiepenheuer & Witsch