„Ich wollte nicht erwachsen werden. Ich strebte nicht danach, ein Mitglied der Erwachsenenwelt zu sein, verbunden mit endlosen Verantwortlichkeiten. [...] Ich wollte ungehindert umherstreunen und Raum für Raum die Architektur meiner eigenen Welt gestalten.“ (S. 61) Patti Smith vereint alles, was die künstlerische Welt braucht: Musikerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin. Für sie allein scheint der Begriff Ausnahmekünstlerin erfunden worden zu sein. In ihrem jüngst erschienenen autobiografischen Memoir "Bread of Angels" nimmt sie uns mit auf eine ihrer intimsten Reisen: auf die Spuren ihrer Selbstfindung, ihrer Herkunft und der leisen Kräfte, die ein Leben formen. Sie beginnt bei ihrer Geburt, in einer Familie, deren Wurzeln nicht auf dem amerikanischen Kontinent liegen. Trotz ärmlicher Verhältnisse und obwohl ihre Eltern keiner höheren Bildungsschicht angehörten, war der Boden, auf dem Patti Smith aufwuchs, fruchtbar. Neugier wurde nicht begrenzt, Wissen durfte wachsen. Man bekommt beim Lesen ohnehin den Eindruck, Patti wurde mit einer besonderen Weisheit geboren – mit einem unstillbaren Hunger auf die Welt. Noch bevor sie zur Schule ging, entdeckte sie eine Sprache, die ihr innerstes Zuhause werden sollte: die Dichtung. Neben der Kunst findet auch ein besonders stiller, schmerzhafter Teil ihres Lebens Raum. Als Patti Smith mit neunzehn Jahren schwanger wird, steht für sie fest, dass sie das Kind nicht behalten kann. Sie will arbeiten, Verantwortung übernehmen, ihre Familie unterstützen. Sie sucht eine Familie für ihr Kind – und gibt es fort. Ohne Pathos, ohne Selbstmitleid. Nur mit einer Ehrlichkeit, die schmerzt, weil sie so klar ist. Egal, was Patti Smith tut, sie bleibt sie selbst. Unverbogen. Unmaskiert. Ihr Antrieb war – und ist – Leidenschaft. Jener Moment, in dem etwas sie berührt und ein inneres Feuer entfacht. Schon früh begleitet sie die Gewissheit: „[E]ines Tages werde ich etwas Besonderes machen und mir meine eigenen Medaillen verdienen.“ (S. 69) Das Buch erzählt davon, wie Gedichte zu Songtexten wurden, wie Sprache Klang fand und Patti Smith zur Musikerin machte. Wir begegnen ihren Inspirationsquellen – menschlichen wie spirituellen. Weggefährten, Bücher, Heilige, Dichter, Musiker. Sie lässt uns teilhaben an ihrer großen Liebe, wie sie zu einer kleinen Familie wurden und wie flüchtig dieses Glück sein kann. Wir erleben, wie Aids einen großen Teil ihres Freundeskreises auslöschte und wie Verlust zu einem ständigen Begleiter wurde. Trotz allem ist "Bread of Angels" kein dunkles Buch. Es ist ein Buch voller Licht. Selbst im Angesicht größter Schicksalsschläge findet sich in ihren Zeilen keine Bitterkeit. Stattdessen: Liebe, Güte, Hoffnung. Und Dankbarkeit für das Kleine, das Unscheinbare. „Die unbefleckte Erinnerung an unerwartete freundliche Gesten. Sie sind das Brot der Engel.“ (S. 102) Erfolg ist für Patti Smith nie messbar gewesen – weder an Geld noch an Chartplatzierungen. Zu sehr widerstrebt es ihr, sich selbst oder ihre Kunst zu verkaufen. Ihre Prinzipien hängen höher, als es in dieser Branche üblich ist. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihr Werk bis heute eine solche Reinheit bewahrt. "Bread of Angels" zeigt ein Leben, das selbst im hohen Alter noch Überraschungen bereithält. Ein Leben, das sich nie abschließt, sondern weiter atmet. Würde ich Patti Smith einmal begegnen, wäre ich nicht verwundert, schwebte sie ein paar Zentimeter über dem Boden. Wie eine Heilige. Denn was sonst sollte diese Frau sein, wenn nicht etwas Übernatürliches? Ab sofort sprudelt mein Herz, wenn jemand Patti Smith sagt. 💓

Poetischer Schreibstil
"Wir entfalten uns, straucheln, lernen von unseren Vergehen und dann tun wir alles noch mal." Besonders interessant finde ich, über den biografischen Hintergrund von Frauen in der Öffentlichkeit zu lesen und es war direkt klar, dass ich die Memoiren der Godmother of Punk über die Feiertage inhalieren werde. In dem Buch erfahren wir nicht nur ihren künstlerischen Hintergrund, der mit viel Arbeit, Entbehrungen und das Treffen auf die größten Rocklegenden der Geschichte einhergegangen ist. Man wird zudem auch noch durch Pattis Lebensgeschichte geführt. Sie bietet uns damit einen intimen Einblick in den Kontext Ihres künstlerischen Schaffens und gibt private Details, über die ich nach dem Beenden des Buchs noch lange gegrübelt habe. Sie schreibt so poetisch wie sie singt. Erzählt eindringlich und metaphorisch. Nimmt uns mit von der Kindheit, über das Etablieren ihrer Kunst, bis hin zu den letzten Jahren ihrer Karriere. Die Kindheitsjahre nehmen dabei einen großen Teil des Buches ein. Dabei war ich hin und hergerissen, ob ich noch weitere Details lesen möchte, oder ob ich jetzt endlich in ihre Musikhistorie eintauchen möchte und war dann schlussendlich froh, als die Zeitetappen innerhalb der Erzählung größer wurden. Als einen wichtigen Teil der Persönlichkeit, habe ich Pattis Spiritualität herausgegelesen. Da unterscheidet sie sich grundlegend von mir selber, was es mir dann manchmal schwer gemacht hat, ihren Gedanken zu folgen. Im Großen und Ganzen hat hier eine wichtige Persönlichkeit der Musikgeschichte private Einblicke in ihr Leben gegeben. Wenn ihr Patti Smith noch nicht kennt, lege ich euch ans Herzen, ihre größten Hits anzuhören. Alleine das wird den Impuls geben, mehr über sie erfahren zu wollen.
Traurig, mitreißend, inspirierend – wie alle Texte von Patti Smith. Mit über 100 Seiten nahm mir ihre Kindheit etwas zu viel Raum ein und sprachlich war es mir stellenweise zu poetisch, aber das ist eben typisch Patti.

Erinnerungen, die leuchten und brennen
Manchmal fühlt sich Erinnerung an wie das zarte Aufblättern einer alten Landkarte: Linien, Risse, verblasste Orte, die plötzlich wieder Farbe annehmen. Ich trete in Patti Smiths Welt ein und atme ihre Sprache — knapp, golddurchwirkt und doch verletzlich. Die Kapitel sind Bilder; jede Szene ein Gemälde, das mit feinen, fast schmerzlichen Pinselstrichen Erinnerungen, Musik und Sehnsucht verbindet. Ihre Jugend, die Eltern, die ersten Schritte in die Kunst — alles ist nah, ungeschönt und gleichzeitig von einer fast liturgischen Verehrung des Alltäglichen durchzogen. Beim Lesen spüre ich, wie Worte zu Nahrung werden: tröstend, scharf, belebend. Manche Passagen verlangten von mir Geduld; Smiths sprunghafter Rhythmus und ihre poetische Dichte fordern Aufmerksamkeit. Doch wo anderes Memoir bloß erzählt, verwandelt dieses Buch Erfahrung in eine Art Gebet an die Sprache selbst. Am stärksten bleiben die Momente, in denen Schmerz und Hoffnung sich berühren — authentisch, offen, tief. Wer Patti Smith liebt, wird hier vieles wiederfinden; wer sie neu entdeckt, begegnet einer Stimme, die verletzt und heilt zugleich.



